Liebe Gemeinde

Der Name dieses Sonntages: Rogate sagt es uns: Das Thema des heutigen Sonntags ist das Beten.

Wenigen nur fällt das ganz leicht.

  • Manchem fehlen überhaupt die Worte,
  • ein Anderer meint, nicht beten zu können, weil der nicht die richtigen Worte findet
  • oder einem ist das Beten im Lauf der Jahre einfach abhanden gekommen.

Deshalb will ich mich heute behutsam der Absicht der Predigttextes nähern ‑ diesem großen Appell in der Gemeinde für alle zu beten ‑ und zunächst auf uns ganz persönlich schauen, wie wir es damit halten.

Wissen Sie, ich kann einfach nicht mehr beten“, sagt der schwerkranke Mann in der MS- Klinik. Ihm sind die Worte ausgegangen, er findet keinen Zugang zum lieben Gott, seit er so geplagt ist. Die Kindergebete tragen nicht mehr. Stumm ist er und schweigt.

So kann es einem gehen.

Oder auch so, wie es in einer Geschichte beschrieben ist:

Es war einmal ein Gaukler, der tanzend und springend von Ort zu Ort zog, bis er des unsteten Lebens müde war. Da gab er alle seine Habe hin und trat in das Kloster zu Clairveaux ein. Aber weil er sein Leben bis dahin mit Springen, Tanzen und Radschlagen zugebracht hatte, war ihm das Leben der Mönche fremd, und er wußte weder ein Gebet zu sprechen noch einen Psalter zu singen.

So ging er stumm umher, und wenn er sah, wie jedermann des Gebetes kundig schien, aus frommen Büchern las und mit im Chor die Messe sang, stand er beschämt dabei: Ach, er allein, er konnte nichts. „Was tu ich hier?“ sprach er zu sich, „ich weiß nicht zu beten und kann mein Wort nicht machen. Ich bin hier unnütz und der Kutte nicht wert, in die man mich kleidete.“

Auch wenn im Alltag unseres Leben nur wenige die Kutte anlegen wie der Mönch,

Und doch kennt der eine oder andere diese Fremdheitsgefühl des Gauklers, wenn er im Gottesdienst betet: Was tu ich hier? Ich weiß nicht zu beten.

Ja, so kann es sein: Vertraute alte Gebete, die dem einen so zugänglich und lebendig sind, sind einem andern fremd. Die Worte haben nicht den Klang, berühren mich nicht mehr tief drinnen, sie führen nicht ins Gespräch mit Gott. Der Zugang ist verschüttet.

Und dann höre ich:

Gott will, daß allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.

Beten tastend sich Gott nähern, mit ihm ins Gespräch kommen, wie geschieht das?

Der Gaukler z. B. hätte sagen können: „Nein, das ist nichts für mich.“ Er hätte aus dem Kloster flüchten können. Vielleicht überhaupt in Zukunft jede Kirche meiden können. Hätte sich vom Fremden des Religiösen abschrecken lassen können, wie mancher Zeitgenosse heute. Sein Zugang zum Zwiegespräch mit Gott bliebe verschüttet und er würde weiter so dahinleben wie früher auf den Straßen von hier nach wohin. 

ABER

Der Gaukler der Geschichte handelt nicht so. Hören wir, was ihm weiter geschah:

In seinem Gram flüchtete er eines Tages, als die Glocke zum Chorgebet rief, in eine abgelegene Kapelle. „Wenn ich schon nicht mitbeten kann im Konvent der Mönche“, sagte er vor sich hin, "“so will ich doch tun, was ich kann.“ Rasch streifte er das Mönchsgewand ab und stand da in seinem bunten Rock, in dem er als Gaukler umhergezogen war. Und während vom hohen Chor die Psalmgesänge herüberwehen, beginnt er mit Leib und Seele zu tanzen, vor ‑ und rückwärts, links herum und rechts herum. Mal geht er auf seinen Händen durch die Kapelle, mal überschlägt er sich in der Luft und versucht die kühnsten Sprünge, um Gott zu loben. Wie lange auch das Chorgebet der Mönche dauert, er tanzt ununterbrochen, bis ihm der Atem verschlägt und die Glieder ihren Dienst versagen.

Ein Mönch war ihm aber gefolgt und hatte durch ein Fenster sein Tanzen mit angesehen und heimlich den Abt geholt.

Am anderen Tag ließ dieser den Bruder zu sich rufen. Der Arme erschrak zutiefst und glaubte, er solle des verpaßten Gebetes wegen gestraft werden. Also fiel er vor dem Abt nieder und sprach: „Ich weiß, Herr, daß hier meines Bleibens nicht ist. So will ich aus freien Stücken ausziehen und in Geduld die Unrast der Straße wieder ertragen.“ Doch der Abt neigte sich vor ihm, küßte ihn und bat ihn, für ihn und alle Mönche bei Gott einzustehen: „In deinem Tanze hast du Gott mit Leib und Seele geehrt. Uns aber möge er alle wohlfeilen Worte verzeihen, die über die Lippen kommen, ohne daß unser Herz sie sendet.“

Ein phantasievoll suchender Mensch ist dieser Gaukler. Ein Mensch voll der Sehnsucht, Gott zu begegnen, ihm sich zu zeigen, sein Herz auszuschütten, wie er es vermag.

Es ist schön, sich vorzustellen, wie dieser Mensch mit den ihn möglichen Gaben, ausdrückt, was er empfindet. Wie gut, daß er in diesem Abt einer Kirche begegnet, die weiß, daß der Glaube für das Leben und nicht das Leben für die Dogmen da ist, daß einer ihm zum Gegenüber wird, der dafür Verständnis hat, wie ein Leben in der Begegnung mit Gott sich selber finden will.

Ja, das hat der Gaukler uns voraus. Er traut sich Gott zu zeigen, so wie er ist. Lobt ihn mit dem, was bisher sein Leben erfüllte und seine Gabe war, das Tanzen.

Nein, es gibt nicht nur die geprägten Gebete und Formen, die Zwiesprache mit Gott zulassen. Es darf das ganz Eigene sein, wenn es nur aus der Seele kommt, mit mir identisch ist und Gott spüren läßt, was ich empfinde und wie mein Leben mich lebt.

Da braucht keiner Angst zu haben, „nur“ ein Gaukler zu sein. Nichts ist da zu gering, Gott zu begegnen.

Diese Geschichte trägt, eine tiefe Wahrheit in sich. Daß Beten auch dann geschieht, wenn sich darin ein Stück meines Lebens ausdrückt. Gebete ‑ sind nicht Worte allein. Gesten, Gebärden, können es sein. Ja, Stille auch, wie es Kierkegaard einmal sagte:

„Als mein Gebet immer andächtiger und innerlicher wurde, da hatte ich immer weniger und weniger zu sagen. Zuletzt wurde ich ganz still. ich wurde, was womöglich ein größerer Gegensatz zum Reden ist, ich wurde ein Hörer. Ich meinte erst, Beten sei Reden. Ich lernte aber, daß Beten nicht nur Schweigen ist, sondern Hören.“

So ist es : Beten heißt nicht, sich selbst reden hören, beten heißt still werden und still sein, und warten bis der Betende hört.

Liebe Gemeinde, Sie sehen, wie verschieden der Zugang zum Zwiegespräch mit Gott sein kann. Und zwischen diesen beiden Extremen gibt es unzählige andere Möglichkeiten, die Nähe Gottes, des ganz Anderen zu suchen. Ich vermute, denen unter uns, die es z.Z. nicht leicht haben, ist vielleicht Kierkegaards Weg näher: Da gibt es harte, leidvolle Zeiten, in denen die Worte ausgehen. Wir sind dann unsicher, wissen nicht, wie Gott etwas näher kommen kann. Dann dürfen wir auch so sein, nicht nur tanzend wie der Gaukler, sondern auch gebrechlich, schmerzverzerrt, im dunklen Tal und uns Gott so zeigen.

Wie oft ermutige ich Menschen, im Krankenbett oder Lebenskrisen Patienten sich Gott so zu zeigen, wie sie eben gerade sind. Ich bin sicher, er hat dafür Verständnis Die Entlastung, so sein zu dürfen wie ich bin, eben auch schweigsam und sprachlos, kann dazu führen, Gott neu zu hören. Er ist ja nicht außerhalb und weit weg, sondern will in uns Platz nehmen.

Sie merken, ich will Sie ermutigen, den Dialog mit unserem Gott zu suchen, als die, die sie sind mit den in Ihnen liegenden Möglichkeiten.

Wenn beten, dann muß es ganz zu mir gehören. Manchmal ist es vielleicht nur ein „Ach“.

„Ach, Gott“, wenn ich die Todesanzeige eines lieben Menschen sehe.

„Ach, könnte ich ihm doch helfen“, wenn ich mir Sorgen um jemanden mache.

Oder ein: „Ach wie schön, wenn ich mich an den Blumen und blühenden Bäumen des Frühlings freue.

Ja in dem „Ach“ ist alles beschlossen, meine Grenzen, meine Hilflosigkeit, meine Verzweiflung, oder mein Dank für etwas Glück.

Wie oft kommt mir, beim täglichen Lesen der Zeitung ein klagendes: „Ach, Gott!“ in den Sinn

Oder ich sage: „Mein Gott, wenn ich etwas nicht begreifen kann.“

Dann bin ich schon mit meinen Gedanken bei anderen und da beginnt die Fürbitte.

Das wünscht sich Paulus, daß wir dies willentlich und bewußt beten, als Gebet annehmen: Das, was aus uns herauskommt für uns und für andere. Denn Gott will, daß allen Menschen geholfen werde. Im Gebet füreinander beginnt dieses Helfen.- Und es hat eine tragende heilende Kraft:

„So ermahne ich nun, daß man vor al1en Dingen tue Bitte, Gebet, Fürbitte und Danksagung für alle Menschen.“

Von Simone Weil stammt der Satz: „Das Gebet ist nichts anderes als die Aufmerksamkeit in reinster Form.“

Gott wünscht sich diese Aufmerksamkeit füreinander, daß wir ihm erzählen, was wir erbitten, hoffen, was uns sorgt. Wer sich darauf einläßt, hineinwächst in diesen Dialog mit Gott, dessen Sicht der Dinge wandelt sich. Jesus Christus ermutigt uns dazu. Denn so wird Gott gegenwärtig im Alltag unser Lebens. Sich darauf einzulassen lohnt sich. Denn sie werden ganz neu spüren: ich darf

  • bitten
  • flehen
  • rufen
  • ich darf suchen
  • mich vortasten
  • der eigenen Unsicherheit Ausdruck geben
  • Ich darf meine Not aussprechen
  • meinen Standort suchen
  • Ich werde über mich hinauskommen
  • etwas zu vesrtehen suchen
  • mich nicht abfinden
  • dankbar wahrnehmen
  • hinschauen
  • einsichtig werden
  • hinhorchen
  • einen Ruf vernehmen
  • antworten
  • nachsinnen
  • etwas nach innen nehmen
  • verdauen
  • mir einverleiben
  • für etwas für jem. eintreten
  • mich mit einer Not identifizieren
  • hoffen
  • mich ausstrecken
  • etwas erwarten
  • mich aufmachen
  • mich aufgehoben wisssen
  • mich hingeben
  • lieben
  • in schweigender Verbundenheit stehen
  • zur Ruhe der Übereinstimmung kommen.

Gottes Geist ermutige Sie dazu.

Amen

 

Predigttext:
Pfr. Köppen , Rogate 20. Mai 2001

Thema: Das Beten . . .

 

Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
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