Predigttext:
Pfarrer Dr. Pfister,
Sonntag, 06.11.2005 (Reformationsfest)
24. Sonntag nach Trinitatis
Pfarrkirche Aufkirchen ,Berg

Thema: „Jünger-Aussendungsrede Jesus
            
Matth. 10,26-33

 

Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
Gemeindezentrum - Fischackerweg 10 - Katharina von Bora-Haus

 

Liebe Gemeinde!

Am 31. Oktober 1517 schlug Martin Luther seine 95 Thesen an der Schlosskirche in Wittenberg an, was die Reformation auslöste. Deshalb gilt dieser Tag als das Grunddatum der Evangelischen Kirche, als der Tag  des protestantischen Selbstbewusstseins. Die Älteren unter uns erinnern sich wahrscheinlich an gewaltige Reformationsfeiern, bei denen das Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“, das wir  vorhin als Eingangslied gesungen haben, aus Tausenden von Kehlen machtvoll erklang. In der Nürnberger Lorenzkirche, mit der sich meine Jugenderinnerungen verbinden, waren es regelmäßig zehntausend Menschen.

Da wurde die Erinnerung wachgerufen, wie Luther sich als Mönch in der Klosterzelle jahrelang mit strengsten Bußübungen quälte, aber keinen Frieden  mit dem Furcht erregenden Gott der mittelalterlichen Frömmigkeit und mit sich selbst fand, bis ihm aus der Bibel die Einsicht aufging: Gott ist nicht der gnadenlose Richter, sondern der gütige, liebevolle Vater, der uns in Jesus Christus bis zur Selbstaufopferung liebt. Aus dieser befreienden Einsicht erwuchsen die 95 Thesen, mit dieser Gewissheit konnte Luther vor den Kaiser hintreten und sagen: Hier stehe ich, ich kann nicht anders.

Den Jüngeren, die Luther höchstens aus dem Schulunterricht kennen, fällt zu solchen Schilderungen wahrscheinlich als Kontrast das Bild ein, das die Evangelische Kirche heute abgibt: Leere  Kirchenbänke, allgemeine Gleichgültigkeit, Mitgliederschwund. Da scheint das, was in der Reformation so eindrucksvoll begonnen hatte, ziemlich am Ende  zu sein.

Aber vielleicht denken einige, die genauer hingehört haben, auch an das reformatorische Wort von der immer wieder neu reformbedürftigen Kirche, der „ecclesia semper reformanda“. Also immer wieder Reformation, nicht nur einmal im Jahr 1517! Das ist heute aktueller denn je. Denn Glaube und Religion sind heute keineswegs am Ende. Überall regen sich religiöse Sehnsüchte und Hoffnungen. Nur weil dass so ist, besteht rege Nachfrage nach Esoterik und Horoskopen, können Scharlatane und Geschäftemacher aus der modernen Sektenszene viel Geld verdienen und Menschen bis zur Zerstörung ihrer Persönlichkeit in den Bann ziehen.

Reformation heute, wirkliche Reform und nicht nur historisches Gedenken, das wäre das eigentliche Thema, die wirklich brennende Aufgabe.

Doch wie sollen wir das bewältigen? Martin Luther hat die Erneuerung der völlig desolaten mittelalterlichen Kirche nicht nur aus der kritischen Bestandsaufnahme ihres katastrophalen Zustands und auch nicht aus neuen Organisationsprogrammen gewonnen, von denen es schon damals genügend gab, ohne dass sie etwas verändert hätten. Sondern Luther wurde zum Reformator, weil er zu den Quellen zurückging. Aus der Quelle des Glaubens, aus der Bibel, gewann er die umwälzenden Erfahrungen, die ihm die Kraft und den Mut gaben für die Erneuerung der Kirche. Denn um die Erneuerung der ganzen Kirche ging es ihm ja ausdrücklich, nicht um die Spaltung oder die Gründung einer Sondergemeinschaft.

Lassen Sie uns deshalb auch heute, am Reformationsfest 2005, zu dieser Quelle zurückgehen und die Bibel befragen. Nicht nur nach Informationen über Vergangenes, sondern nach Perspektiven und Hilfen für unsere Gegenwart und unsere Zukunft.

Hören wir deshalb den für das Reformationsfest in diesem Jahr vorgegebenen Predigttext aus der Jünger-Aussendungsrede Jesu im 10. Kapitel des Matthäusevangeliums:

(Jesus spricht:) Fürchtet euch nicht vor ihnen. Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das predigt auf den Dächern.

Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können...

Kauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen. Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Nun aber sind auch eure Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht. Ihr seid besser als viele Sperlinge.

Wer nun mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.

Matthäus 10, 26-33

Vielleicht ist es Ihnen aufgefallen: Gleich dreimal sagt Jesus in diesen wenigen Sätzen: „Fürchtet euch nicht!“ Nicht nur bei seinen Zeitgenossen und zu Luthers Zeit waren Furcht und Angst weit verbreitet. Auch heute sind viele Menschen, alte wie junge,  mit Zukunftsangst erfüllt. Die Gründe dafür sind uns allen bekannt und werden uns täglich in den Medien neu präsentiert.

„Fürchtet euch nicht!“ sagt Jesus, und diese Botschaft ist auch die große Entdeckung der Reformation, vom Reformator Martin Luther als ureigenste befreiende Erfahrung erlebt.

Die Angst hatte ihn ins Kloster getrieben, zu einem der strengsten Orden. Alle Vorschriften und Übungen, die Gebete zu allen Tageszeiten, Selbstprüfung und regelmäßige Beichte, hatte er peinlich genau eingehalten. Er fand aber keinen Frieden. Im Gegenteil: Die Zweifel, ob er alle Gebote Gottes erfüllen könnte, verstärkten sich bis zur Verzweiflung.  „Die Angst mich zu verzweifeln trieb“ dichtet er später in seinem Lied „Nun freut euch, lieben Christen g’mein“. Geholfen hat ihm nur die jahrelange intensive Beschäftigung mit der Bibel. Dabei hat er die aus allen Ängsten befreiende Entdeckung gemacht: Gott ist nicht der gnadenlose Richter, der Forderungen über Forderungen an mich richtet und mich verurteilt, wenn ich sie nicht alle erfülle. Sondern Gott ist der Vater, der mich gern hat. Das zeigt mir Jesus Christus, der mir nicht nur die Botschaft von der Liebe Gottes bringt, sondern diese Liebe lebt und dafür sein Leben einsetzt.

Gott liebt mich. Er sagt „Ja“ zu mir. Ich bin sein Kind. Er sagt: Du bist mir recht. Und das, obwohl ich es nicht schaffe, seine Gebote zu erfüllen. Das ist die befreiende Botschaft, die Luther aus der Bibel neu entdeckt hat. Aus dieser Einsicht erwuchsen die 95 Thesen, mit dieser Gewissheit konnte Luther das lebensgefährliche Risiko wagen, vor die Mächtigen des Reiches zu treten.

Was er mit Jesus Christus erlebt hat, lässt ihn so mutig auftreten. Mit den Worten Jesu aus dem Evangelium gesagt: Was für sich allein „in der Finsternis“ gehört hat, was ihm „ins Ohr geflüstert“ wird, das sagt er im Licht der Öffentlichkeit. Was er erlebt hat, das ist das Entscheidende, das ihm das Bekennen erst möglich macht.

Das gilt sicher nicht nur für Luther, sondern genauso für uns. Jesus lädt uns ein, dass wir das, was wir von ihm gehört und mit ihm erfahren haben, auch den anderen sagen. Wir sind deshalb zuallererst eingeladen, intensiv zu hören. Hören auf die Stimme Jesu, wie sie uns vielfältig begegnet in der Bibel, in Gottesdienst, in der Stille, im Gebet, in der Gemeinde, im persönlichen Gespräch, in tiefen eigenen Lebenserfahrungen. Auch wenn sie uns auf vielerlei Weisen begegnet, ist die Stimme Jesu dennoch eine leise Stimme, die so oft in unserem Leben von anderen, lauten und schrillen Geräuschen übertönt wird. Gerade deshalb ist das aufmerksame Hören so wichtig. Denn dabei schöpfen wir immer wieder neu aus der Quelle. Das stärkt und gibt Gewissheit für den eigenen Lebensweg. Denn was ich da erfahre und spüre ist ein einziges, umfassendes Ja zur mir, wie ich es mir selbst niemals so sagen und spüren lassen kann. Ich bin geliebt, von Gott zutiefst geliebt, und nichts kann mich von seiner Liebe trennen. Und wenn von Jesus Christus zu mir so unbegrenzt Ja gesagt wird, dann ist mein eigenes Ja zu ihm eigentlich die ganz selbstverständliche Reaktion. Wenn Jesus sagt „Wer mich bekennt vor den Menschen, den will ich auch bekennen vor meinem himmlischen Vater“, dann meint Bekennen nichts anderes als dieses auf die erfahrene Bejahung antwortende Ja, meint diese eigentlich ganz selbstverständliche Reaktion.

Die Worte, die uns Jesus heute im Evangelium sagt, können uns also davor bewahren, dass wir das Reformationsfest nur als einen Gedenktag an ein Ereignis der Vergangenheit feiern. Denn wir werden vor allem hingewiesen auf das, was unserem eigenen Leben seine Tiefe und seinen Sinn gibt. Das Reformationsfest lädt uns ein, darauf zu achten, intensiv zu hören.

Amen.