Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
Gemeindezentrum - Fischackerweg 10 - Katharina von Bora-Haus

 

Predigttext:
Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns,
Sonntag 17. Sonntag nach Trinitatis 18.09.2005 ,
Katharina von Bora - Haus, Berg

Thema:
„Predigt zur Geschichte und Problematik der kirchlichen Abendmahlsfeier in Verbindung mit einer Synopse der Texte  von Mk, Mt, Lk, 1. Kor und Didache („Zwölfapostellehre“)

Textlesung v.d. Predigt: Joh 13*

 

Predigt zum Abendmahlsverständnis

 

Liebe Gemeinde,

eines der liebenswertesten Kennzeichen der evangelischen Kirche ist ihre schon früh entwickelte Fähigkeit, unsere biblischen Überlieferungen auch kritisch sehen zu können. Erster Beleg dafür sind die sogenannten „Vorreden“ Martin Luthers zu den einzelnen Büchern der Bibel, in denen er sich manchmal sehr reserviert, ja, sogar offen ablehnend äußern konnte, wenn ihm deren Theologie das Evangelium von Jesus Christus zu verdecken schien. Den Brief des Jakobus und die Offenbarung des Johannes hätte er am liebsten aus seiner Bibelübersetzung ins Deutsche herausgelassen, und er hat sich nur schweren Herzens der Einheit des Kanons gefügt.

Liebenswert ist diese Fähigkeit zur Kritik, weil sie schon ganz am Anfang der Reformation von der Einsicht spricht, daß auch die biblischen Bücher nicht vom Himmel gefallen, sondern Ausdruck davon sind, wie gläubige Menschen die großen Erzählungen von Jesus Christus wahrgenommen und theologisch interpretiert haben. In den Schriften des Neuen Testaments spiegeln sich deshalb die religiösen Grundüberzeugungen ganzer Gemeinden und ihrer Theologen, die dann als Evangelisten und Apostel Einfluß auf die Entwicklung des Christentums gehabt haben. Weil das so ist, unterscheiden sich die biblischen Schriften auch zum Teil kräftig in ihrer Theologie. So kräftig jedenfalls, daß sich die Väter des Kanons dazu entschlossen haben, vier Evangelien und nicht nur eines in den Kanon aufzunehmen. Sie haben begriffen, daß der lebendige Gott in lebendigen Menschen, wenn er ihnen begegnet, keine Einheitsgestalt annimmt, sondern von ihnen in unterschiedlicher Gestalt wahrgenommen wird. Die Unterschiede hängen ganz wesentlich mit der Herkunft der Menschen und ihrer religiösen Vorprägung zusammen. Deshalb steht zum Beispiel der Jesus, den wir von Matthäus bezeugt finden, der jüdisch-pharisäischen Theologie viel näher als der Jesus des Johannesevangeliums. Denn Matthäus war ein früherer jüdischer Schriftgelehrter, Johannes aber von religiösen Traditionen geprägt worden, die in Ägypten und Syrien beheimatet waren.

In einem Bereich hat sich die jeweilige Vorprägung der Gemeinden besonders stark ausgewirkt: im Bereich des Gottesdienstes. Das ist seit Kain und Abel so. Der eine, Abel, hatte Gott blutige Schlachtopfer auf seinen Altar gelegt, weil er ein Kleinviehbauer war. Der andere, Kain, der Ackerbauer, hatte Feldfrüchte dargebracht. Zwei Gottesdiensttypen sind daraus entstanden: Der Schlachtopferkult auf der einen und der unblutige Kult auf der anderen Seite.

Unsere frühchristlichen Schriften zeigen, wie stark diese beiden Grundtypen noch auf die Verschriftlichung der Jesus-Überlieferung und auf die frühen christlichen Gottesdienstordnungen eingewirkt haben. Geschehen ist diese Einwirkung im 1. Jahrhundert nach Christus, also innerhalb der ersten 70 Jahre nach Jesu Tod. Und diese Einwirkung ist deshalb so tiefgreifend ausgefallen, weil schon sehr bald nach Jesu Tod die ganze Jesus-Geschichte nicht mehr in seiner Muttersprache Aramäisch, sondern in der Weltsprache Griechisch weitererzählt worden ist. In diesem großen sprachlichen Umformungsprozeß sind die alten Prägungen der Menschen in die neue Erzählgestalt eingeflossen. Um zu verstehen, worum es gegangen ist, muß man sich ein Beispiel hernehmen, etwa: Daß ein zweisprachiger Amerikaner aus Chicago, der in Oberammergau die Passionsspiele erlebt, aber kein Textbuch hat, sich hinterher hinsetzen und aus dem Gedächtnis einen englischsprachigen Text für eine Aufführung in seiner Heimat verfassen würde. Unweigerlich käme dabei viel Amerikanisches auf die Bühne, was den Oberammergauern nun aber sehr fremd wäre.

II. Ich habe Ihnen für den heutigen Gottesdienst und das Weiterstudium zuhause Texte nebeneinander gestellt, die direkt vom Abendmahl handeln, also den Rang liturgischer Texte haben. Dazu gehört auch der auf der Rückseite abgedruckte Text einer Eucharistiefeier aus der Zwölfapostellehre. Wenn Sie das Blatt von links nach rechts lesen, sehen Sie, daß es mit Markus beginnt. Sein Evangelium gilt als das älteste der biblischen, was aber nicht heißt, daß andere nicht eventuell ältere Quellen benutzt haben können als er. Unterstrichen habe ich diejenigen Stellen, an denen die anderen Texte von Markus abweichen. Ganz rechts steht unser offizieller kirchlicher Abendmahlstext. Er ist in Grundzügen schon in altkirchlicher Zeit aus den biblischen Texten zusammengestellt worden, aber so in keiner biblischen Schrift zu finden.

Denken Sie nun zuerst noch einmal an den großen Unterschied, der sich in der Religionsgeschichte zwischen einem blutigen und einem unblutigen Gottesdienst entwickelt hat. In den nebeneinander gestellten Texten können wir nämlich durchgängig den Einfluß eines Kultes finden, der blutig gewesen ist. Zur Zeit Jesu was das im Jerusalemer Tempel der Fall, in dem täglich geopfert worden ist. Es war aber auch in der griechischen und römischen Religion so. Auch da wurden täglich Schlachtopfer dargebracht.

Alle blutigen Opfer folgen einem Dreischritt, der aus dem Nehmen der Tiere, ihrem Geschlachtetwerden und dem Teilen des Opferfleisches beim Opfermahl besteht. Dieses Muster ist so tief in den antiken Menschen verankert gewesen, daß viele der frühen Christen auf der Suche nach einem Sinn für die schreckliche Hinrichtung Jesu in ihr ein Opfer gesehen haben. Das drückt sich bei all unseren kanonischen Texten darin aus, daß sich in ihnen der Dreischritt wiederfindet, nun schon übertragen auf den Umgang Jesu mit dem Brot. Die entsprechenden Stellen habe ich kursiv gesetzt: Er nahm das Brot – das ist das Nehmen / er brach das Brot – das ist das symbolische Schlachten / er gab ihnen das Brot zu essen – das ist das symbolische Teilen des Opferfleisches. Der tiefste Einfluß aber aus dem Opferkult kommt darin zum Vorschein, daß in diesen Texten Brot und Wein, die zum jüdischen Abendmahl gehören, mit Jesu Fleisch und Blut identifiziert werden: „Dies ist mein Leib“, „Dies ist mein Blut des Bundes, das vergossen wird für viele“ heißt es bei Markus. Die anderen ergänzen diesen Text, verändern ihn, fügen Rahmenangaben hinzu. Bei Lukas und im 1. Kor finden wir noch die Aufforderung, das Abendmahl nach Jesu Tod als Feier zu halten, um seiner zu gedenken. Alle richten den Blick voraus ins Reich Gottes bzw. in die erwartete Wiederkehr Jesu: die Gemeinde hofft, einst wieder mit Jesus gemeinsam das Mahl halten zu können. Aber nur bei Matthäus wird das Abendmahl ausdrücklich mit der Vergebung der Sünden in Verbindung gebracht. Denn die Sühnung der Schuld verband sich nun einmal mit dem jüdischen Opferkult im Jerusalemer Tempel. Und die wollte Matthäus festhalten.

III. So sind die unterschiedlichen Texte gewachsen. Keiner kann heute definitiv sagen, was Jesus wirklich gesagt hat. Eins aber wissen wir aus der Sprachgeschichte: So, wie es hier überall als Übersetzung aus dem Griechischen steht, kann Jesus in seiner Muttersprache das Brot nicht mit seinem Leib und den Wein bzw. Kelch nicht mit seinem Blut gleichgesetzt haben. Denn dieses identifizierende „dies ist“ gibt es im Aramäischen nicht. Von meinem Doktorvater habe ich gelernt, Jesus könne allenfalls gesagt haben: Denkt, wenn ihr in Zukunft das Mahl ohne mich haltet, beim Brechen des Brotes daran, wie mein Leib zerbrochen, und beim Ausschenken des Weines daran, wie mein Blut vergossen worden ist. Aber wissen kann das keiner.

Diese vorsichtige Aussage müssen wir auch deshalb machen, weil wir im Johannesevangelium gar keine Abendmahlsfeier finden, sondern statt dessen die Feier der Fußwaschung. Mit ihr verbindet Jesus alles, was ihm als Botschaft von der Liebe Gottes wichtig ist: Sie ist das Beispiel der dienende Liebe Gottes, die Jesus den Menschen gebracht hat. Sein Beispiel und seine Liebe befähigen uns dazu, es ihm nachzumachen. Das gilt für die Liebe und die Vergebung der Sünden. So haben wir es vorhin gehört. Dann gehören wir mit ihm als Brüder und Schwestern in der Familie Gottes zusammen, wie wir es im heutigen Evangelium gehört haben.

Auch bei Lukas lesen wir eine merkwürdige Abweichung: eine Doppelung. Da gibt es nämlich im ersten Teil einen mit dem Dankgebet verbundenen Kelchritus, der aussieht, als sei er schon die Abendmahlsfeier, die ins Reich Gottes vorausweist. Und dann gibt es trotzdem noch ab V. 19 einen zweiten Teil mit Brot und Wein. Der scheint aus derselben Tradition zu stammen wie der Text, den Paulus im 1. Korintherbrief zitiert und in dem es um das Gedenken an Jesus geht. Wenn irgendwo, dann wird hier sichtbar, wie unterschiedlich die Überlieferungen vom letzten Mahl Jesu gewesen sind. Lukas bemüht sich offenbar, seine besondere Überlieferung mit der weitverbreiteten zu verbinden, die auch Paulus kennt.

Wichtig ist im Überblick noch einmal, daß nur Matthäus das Mahl als Sühnopfermahl versteht: für ihn bewirken Leib und Blut Jesu, am Kreuz geopfert, durch die Teilnahme am Abendmahl die Vergebung der Sünden. Davon kann bei keinem anderen die Rede sein. Und zwar deshalb nicht, weil die Sündenvergebung nach dem Vaterunser doch etwas ist, was wir uns untereinander täglich weitergeben: Wie Gott uns unsere Schuld vergibt, so sollen und können auch wir uns untereinander vergeben.

Am konsequentesten hat die Zwölfapostellehre den Glauben bezeugt, daß das Abendmahl nichts mit einem Opfer und nichts mit der Vergebung der Sünden zu tun hat. Da ist es eine Feier, in der wir Menschen Gott für seine Lebensgaben danken. Brot und Wein stehen dabei für alle anderen Lebensgaben. Jesus ist derjenige, der uns das Leben aus Gottes Liebe vermittelt hat. Der Dank dominiert alles, Einsetzungsworte werden gar nicht überliefert in diesem Gottesdienstformular. Die Kirche hat diese Dankgebete teilweise übernommen, aber vor die eigentliche Opfermahlfeier gestellt.

IV. Wenn wir uns nun unsere kirchlichen Abendmahlsworte ansehen, so sammeln sie gewissermaßen alle Elemente ein, die die Evangelisten und Paulus zusammengenommen haben. Sie folgen dem Gedanken, alles aufnehmen zu müssen, weil man wohl meinte, nur so der Überlieferung gerecht werden zu können. Aber dabei ist verwischt worden, daß die Verbindung aus Abendmahl und Sündenvergebung nur bei dem ehemaligen Schriftgelehrten Matthäus zu finden ist, und daß durch sie das Abendmahl auf die Sühnopfertheologie festgelegt wird. Heute, wo wir das Ganze der Überlieferung überblicken und auch die Entstehung der Texte rekonstruieren können, müssen wir entscheiden, ob wir im Abendmahl ein Sühnopfermahl sehen oder nicht. Wir haben gelernt, daß Jesu Verkündigung uns Gottes Liebe als etwas glauben gelehrt hat, das er uns bedingungslos gibt, ohne Vorleistung. Daß Gottes Liebe vom Tod des Menschen Jesus abhängig wäre, daß Gottes Liebe und Vergebung für uns erst durch Jesu Tod ermöglicht worden wären, paßt nicht zu Jesu Verkündigung und auch nicht zum Vaterunser.

Darum ist es gut, wenn wir in dieser Gemeinde damit beginnen, ein Abendmahl zu halten, das nichts mehr mit einem Opfermahl zu tun hat, sondern ganz dem Dank an Gott für seine Lebensgaben gewidmet ist, die wir in Gestalt von Brot und Wein genießen können. Damit die Sündenvergebung ihre Bedeutung behält, feiern wir sie in einem eigenen Teil der Liturgie. Über gegenseitige Vergebung und Dank finden wir dann auch hin zum Dank für alle anderen Lebensgaben, die Gott uns schenkt. Und durch Vergebungsbereitschaft und Dank können wir aufmerksamer und liebevoller mit Gott, Menschen, Tieren und Pflanzen leben. Und darum geht’s. Denn es geht im Glauben ums Leben.

 

Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns, Berg

 

 

Die Eucharistie der Didaché

 

Die Zwölfapostellehre, griechisch Didaché, ist um die Wende vom 1. zum 2. Jahrhundert geschrieben worden, vielleicht in Ägypten, vielleicht in Syrien-Palästina. In Ägypten war sie jedenfalls sehr früh verbreitet. Sie enthält eine Art Kirchenordnung, in der »ein Weg des Lebens und ein Weg des Todes« (1,1) beschrieben werden, und sehr detaillierte Anweisungen für die liturgische Praxis. Da wird das Vaterunser (mit Doxologie am Schluß) als das zentrale Gebet genannt (8,2-3). In Kapitel 9 geht es um die »Eucharistie«. Das Verb, das dazu gehört, heißt »Dank sagen«. Wir haben hier also so etwas wie die Ur-Eucharistie vor uns.

 

(1) Was die Eucharistie betrifft, so sagt folgendermaßen Dank:

(2) Zuerst in Bezug auf den Kelch:
Wir danken dir, unser Vater,
für den heiligen Weinstock Davids, deines Knechtes,
den du uns offenbart hast durch Jesus, deinen Knecht.
Dir gehört die Herrlichkeit (dóxa) in Ewigkeit.

(3) In Bezug auf das Brot aber (sagt folgendermaßen Dank):

Wir danken dir, unser Vater,
für das Leben (und die Erkenntnis),
das du uns offenbart hast durch Jesus, deinen Knecht.
Dir gehört die Herrlichkeit in Ewigkeit.
(4) Wie dies (Korn) zerstreut war auf den Bergen
und zusammengebracht ein Brot geworden ist,
so soll deine Kirche zusammengebracht werden
von den Enden der Erde in dein Reich!
Denn dir gehören die Herrlichkeit und die Kraft in Ewigkeit.

 

 

"Die Abendmahlstexte der Bibel im Vergleich"