Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
Gemeindezentrum - Fischackerweg 10 - Katharina von Bora-Haus

 

Predigttext:
Pfarrer Johannes Zultner,
1. Sonntag nach Trinitatis 29.05.2005
Katharina von Bora - Haus, Berg

Thema: „Würde und Ehre”
             Johannes 5,39-47

 

Tagesgebet
Unbegreiflicher Gott, die Himmel können dich nicht fassen und doch kommst du uns nahe in deinem Wort. Hilf, dass wir deine Stimme unterscheiden von den vielen anderen Stimmen, die auf uns einreden, damit unser Leben dir gehöre, getragen und geformt von deiner Liebe, die uns in Jesus Christus begegnet, deinem Sohn, unserm Bruder und Herrn.

Alttestamentliche Lesung 5. Mose 6,4-9

Das „Sch’ma Jisrael“

[4] Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. [5] Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. [6] Und diese Worte, die ich dir heute gebiete, sollst du zu Herzen nehmen [7] und sollst sie deinen Kindern einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unterwegs bist, wenn du dich niederlegst oder aufstehst. [8] Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, [9] und du sollst sie schreiben auf die Pfosten deines Hauses und an die Tore.

 

 

PREDIGT (III)  Johannes 5,39-47

[39] Ihr sucht in der Schrift, denn ihr meint, ihr habt das ewige Leben darin; und sie ist's, die von mir zeugt; [40] aber ihr wollt nicht zu mir kommen, dass ihr das Leben hättet. [41] Ich nehme nicht Ehre von Menschen; [42] aber ich kenne euch, dass ihr nicht Gottes Liebe in euch habt. [43] Ich bin gekommen in meines Vaters Namen und ihr nehmt mich nicht an. Wenn ein anderer kommen wird in seinem eigenen Namen, den werdet ihr annehmen. [44] Wie könnt ihr glauben, die ihr Ehre voneinander annehmt, und die Ehre, die von dem alleinigen Gott ist, sucht ihr nicht? [45] Ihr sollt nicht meinen, dass ich euch vor dem Vater verklagen werde; es ist einer, der euch verklagt: Mose, auf den ihr hofft. [46] Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir; denn er hat von mir geschrieben. [47] Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?

Liebe Gemeinde,

am Anfang des 5. Kapitels des Johannesevangeliums, aus dem die Worte Jesu stammen, die unser Predigttext zu bedenken gibt, steht eine Geschichte (vgl. Joh 5,1-16). Sie bildet gleichsam den Hintergrund für das, was Jesus sagt.

In Jerusalem gab es einen Teich mit Namen Bethesda. Er diente den Menschen nicht als Schwimmbad oder zur Fischzucht. Es war ein wundertätiger Teich. Und so versammelten sich täglich Kranke und Behinderte aller Art samt ihrer letzten Hoffnung um dieses Wasser. Sobald es sich nämlich bewegte, spendete es Heilung. Aber - nur für den ersten, der im Wasser war.

Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott! Dieses Motto stand über dieser Wunderstätte. Der, der sich noch am besten selbst helfen konnte, oder sich muskelkräftige Helfer leisten konnte, wurde wieder ganz gesund. Es ging dort also zu „wie im richtigen Leben“.

Es war wieder einmal Sabbat, der Sonntag der Juden. Und Jesus war an diesem Tag dort, wo er die meiste Zeit seiner Wirksamkeit anzutreffen war: Bei den Menschen, die Hilfe brauchten; besonders bei denen, die sich selbst nicht mehr helfen konnten und also Gott für seine Hilfe kein bisschen Mitwirkung mehr bieten konnten. Wenn Du Dir selbst nicht mehr helfen kannst, wie soll dann Gott Dir noch helfen?

Es muss eine ganze verzweifelte und verrückte Hoffnung gewesen sein, die jemen Mann, von dem in Johannes 5 erzählt wird, dazu brachte, trotzdem am Teich Bethesda zu sein. Wir kennen seinen Namen nicht, aber wir erfahren: 38 Jahre war er krank und konnte sich kaum fortbewegen. Ein hoffnungsloser Fall.

Zu dem sagt Jesus: Willst du gesund werden? Und er antwortet bitter: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich ins Wasser trägt, und wenn ich es allein bis ans Ufer geschafft habe, sind alle anderen schon drin. Sagt Jesus zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und gehe hin. Und alsbald war der Mensch gesund, nahm sein Bett und ging - ging und vergaß, dass Sabbat war.

Sabbat war nicht irgendein Tag. Es war für den frommen Juden der Tag, um Gottes Wort zu hören, auszuruhen und über sich und das Leben nachzudenken. Es war ein heiliger Tag. Die Angst, die Heiligkeit dieses Tages und damit Gott selbst zu verletzen, hatte schon zu Mose’s Zeiten eine Fülle von Vorschriften hervorgebracht, die regelten, was am Sabbat zu tun und vor allem bei Strafe zu unterlassen war. Und das Tragen des eigenen Bettes und anderer Lasten, alles was irgendwie in Arbeit ausarten konnte, gehörte dazu.

Und so endet die Geschichte geradezu grotesk! Der nach 38 Jahren geheilte Mensch, der sein Bett nicht als Arbeit, sondern aus fassungsloser Freude nach Hause trägt, wird erwischt. Und Jesus bekommt eine Anzeige wegen Anstiftung zur Sonntagsarbeit.

Diese Anzeige ist nach dem Gesetz des Mose völlig berechtigt. Die Schriftgelehrten - das waren keine Menschenquäler. Das waren Leute, die ihren Glauben ernst nahmen. Das konnten sie doch nicht durchgehen lassen, ohne ihr Gesicht zu verlieren. Bald trägt am Sabbat jeder sein Bett herum, und dann heißt es: Wo wart ihr denn, als das anfing? Wo waren denn die Menschen, die für ihren Glauben eintreten und ihn verteidigen? Ihr ward das jedenfalls nicht. Ihr könnt in Zukunft den Tempelplatz fegen, aber mit den Ehrenplätzen ist es vorbei!

Und jetzt sind wir an dem Punkt, wo Jesus leidenschaftlich mit den Schriftgelehrten streitet. "Ich nehme nicht Ehre von Menschen; aber ich kenne euch, ihr habt die Liebe Gottes nicht in euch." Wo Euer Herz sein sollte, ist ein frommer Stein. Ihr glaubt wirklich im Namen Gottes und seiner Gebote zu handeln? In Wirklichkeit geht es nur um Euere eigene Ehre, Eure eigene Reputation, um Eure eigene Identität. Wer so um sich selbst besorgt ist, kann gar nicht glauben. Denn Glauben heißt, sich und seine Sorgen loszulassen und Gott anzuvertrauen. Aber das könnt Ihr nicht aus Angst um Euch selbst.

Luther lässt Jesus zur Stelle zu seinen Gegnern sagen: "Ihr habt etwas, was Euch hindert und was Euch nicht dazu kommen lässt, dass Ihr mich annehmt. Ihr habt nämlich einen eigenen Götzen in Eueren Herzen. Der heißt Euere eigene Ehre."

Denken wir einmal nach über eine Situation, in der wir bitter gesagt haben: Ich fühle mich in meiner Würde als unbescholtener Bürger, als Mann oder als Frau, ich fühle mich in meiner Menschenwürde verletzt. Ist es die Würde oder die Ehre, um die es uns ging? Kennen wir überhaupt noch den Unterschied?

Würde ist etwas Geschenktes, von Gott Geschenktes. Würde ist das, womit Gott den Menschen bekleidet. Ehre ist etwas vor anderen Menschen Verdientes. Und sie muss jeden Tag von uns neu verdient und legitimiert werden.

Leben wir vielleicht in einer Welt, die den Unterschied zwischen Würde und Ehre vergessen hat? Leben wir vielleicht in einer Welt, in der man sich seine Würde verdienen muss? Lebt nicht jeder von uns in einem Geflecht menschlicher Bestätigung, gegenseitiger Anerkennung und Wertbestimmung? In einem Schema heilloser Legitimationszwänge, in einem Netz, in dem sich das Leben früher oder später verfängt und erstickt?

Ihr beruft Euch auf Mose? – fragt Jesus die frommen Schriftgelehrten. Ja, natürlich könnte ihr die Bibel zitieren um andere ins Unrecht zu setzen. Aber wer das Wort Gottes gebraucht, um sich in der menschlichen Hackordnung oben einzureihen oder dort zu bleiben, vergreift sich am Geist des Gesetzes und damit am elementaren Willen Gottes selbst. Mose selbst, auf den ihr hofft und den ihr auf Euerer Seite glaubt, würde darüber bittere Klage gegen Euch führen. Gottes Liebe ist nicht das Gegenteil seiner Gerechtigkeit, sondern ihr innerster Kern. Gottes Liebe ist der innerste Kern des Gesetzes. Es beschreibt liebevolle Verhältnisse unter Gottes Geschöpfen. Deshalb fasst Jesus es zusammen im Doppelgebot der Liebe. Und stößt auf taube Ohren.

Denn was er sagt, bringt unsere alte menschliche Welt, in der man sich seine Würde durch die Anerkennung anderer verdienen muss, zum Einsturz. Das Reich Gottes als die Welt, die Gott die Ehre gibt und allein durch seine Liebe ihre Würde empfängt, schließt die alte Welt aus. Der Glaubende, der Gott die Ehre gibt und von ihm seine Würde empfängt, steht und fällt nicht mehr durch die Anerkennung anderer.

Die Verhältnisse im Reich Gottes bedeuten für die Ordnungen unserer alten Menschenwelt das Ende der Menschenmacht über andere Menschen und über Gottes Schöpfung. Wer in der alten Welt Macht hat, sagt deshalb dazu "Chaos und Anarchie".

Darum endete der Weg Christi am Kreuz, musste dort enden. Darum wird ihm nicht Ehre zuteil, sondern die Dornenkrone. Auf dem geordneten Weg in den Abgrund möchte die Welt nicht gestört werden.

Es gehört für mich zu den bewegenden Stellen des Evangeliums, wie Jesus, einen solchen Untergang der Menschen vor Augen, beim Anblick der Stadt Jerusalem, weint (Lukas 19,41). Wie er die Jünger bedroht, die ein bisschen Feuer vom Himmel fallen lassen wollen auf ein Dorf, das sie nicht aufnahm (Lukas 9,54). Und schließlich, wie Jesus zu denen, die seinen Kopf fordern, sagt: "Mag Mose Euch verklagen, weil Ihr Gottes Wort, das Ihr so glühend zu verteidigen vorgebt, doch nur für Eurer Zwecke missbraucht ... ich verklage Euch nicht bei Gott“.

Das heißt doch, liebe Gemeinde: Gott überlässt der Welt nicht das letzte Wort zu ihrem Schicksal. Seine Liebe lässt sich nicht erbittern (1.Kor. 13,5). Auf dem geordneten Weg in den Abgrund  stellt sich Gott auch weiter seiner Welt in den Weg. Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott? Nein, liebe Gemeinde, Gott gibt auch eine Welt nicht auf, die sich nicht helfen lassen will und die sich selbst nicht mehr helfen kann. Das ist nicht unsere letzte, sondern unsere tiefste Hoffnung. Der vertrauen wir uns an.

Amen.