Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
Gemeindezentrum - Fischackerweg 10 - Katharina von Bora-Haus

 

Predigttext:
Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns,
Sonntag Invocavit 13.02.2005 ,
Katharina von Bora - Haus, Berg

Thema: „Sündenfall !”
             Gen 3

 

Liebe Gemeinde,

I.

es gibt kaum eine biblische Erzählung, die so massiv eingewirkt hat auf die Vorstellung, die wir Menschen von uns selbst haben, wie 1. Mose 3, die Erzählung von Adam und Evas „Sündenfall“. Wer sind wir? „Gefallene Geschöpfe, angewiesen auf den Sühnopfertod des Erlösers“, sagt die kirchliche Tradition. Und wie sind unsere inneren und äußeren Zielsetzungen zu bewerten? „Als von der Erbsünde und der durch sie bedingten Sterblichkeit geprägt“, sagt diese Tradition auch. Diese Antworten werden freilich nicht von der Predigt Jesu abgeleitet, sondern von einem vorchristlichen Gottes- und Menschenbild. Darum geht es heute zuerst.

Die Sündenfallgeschichte ist eine sehr grundsätzlich gemeinte Erzählung. Das hören wir sofort. Sie ist prallvoll von theologischer Lehre, hat Katechismuscharakter. Katechismen sind Glaubenslehre und Glaubenshilfe. Müssen, ja, können wir der Erbsündenlehre glauben? Nein. Denn auch zu ihr ist Christus für uns der Verstehensschlüssel, ist er das Licht, in das wir biblische Überlieferungen stellen müssen, wenn wir fragen, ob sie unseren Glauben binden können. 

Die Sündenfallerzählung hat einen uralten mythischen Stoff aufgegriffen, der schon zweitausend Jahre lang erzählt wurde, ehe das 1. Buch Mose geschrieben worden ist. Wollen wir aber wissen, wie wir Christen diese Geschichte verstehen können, müssen wir erst einmal fragen, warum jüdische Theologie den alten Stoff aufgenommen und so umgeformt hat, wie wir ihn am Anfang der Bibel lesen. Wir müssen also ein wenig literarische Archäologie betreiben, etwas graben, um sie zu verstehen.

 

II.

Doch die literarische Archäologie führt uns zuerst zu einer altbabylonischen Überlieferung zurück, zu dem Epos von Gilgamesch, ins 3. Jahrtausend vor Christus. Gilgamesch ist König von Uruk, einer Stadt nahe dem heutigen Bagdad. Durch den Tod seines geliebten Freundes Enkidu, mit dem zusammen er wahre Heldentaten vollbracht hatte, ist der Tod als grausame Realität in sein Leben getreten. Er erkennt, daß auch er selbst sterblich ist. Er verliert seine bis dahin gewaltigen Kräfte, bricht innerlich zusammen und kennt nur noch eine Frage: Gibt es ein Mittel, das mich im Leben hält? Wie und wodurch finde ich eine Möglichkeit, die Vergänglichkeit zu besiegen, ein Mittel, zu bleiben?

Gilgamesch sucht dieses Mittel ganz gezielt durch den Rat der Götter. Sie allein sind unsterblich. Der Mensch nicht. Wenn es ein Mittel gibt, Unsterblichkeit zu erlangen, müssen es die Götter kennen. Der Gott Utnapischtim läßt sich schließlich von Gilgamesch’s Bitten erweichen, weil er selbst einmal sterblich gewesen war. Aber er verlangt dem Gilgamesch eine wahre Odyssee ab, um an dieses Wunderkraut zu kommen. Wie im Märchen sagt er: „Ein Verborgenes, Gilgamesch, will ich Dir enthüllen, Und ein Unbekanntes will ich dir sagen: Es ist ein Gewächs, dem Stechdorn ähnlich, wie die Rose sticht dich sein Dorn in die Hand. Wenn deine Hände dies Gewächs erlangen, findest du das Leben.“ (11. Tafel, Z. 266-270). Gilgamesch findet den Stechdorn, will ihn nach Uruk bringen und dort zu sich nehmen. Doch unterwegs geschieht das Unfaßbare: eine Schlange stiehlt ihm das Gewächs und frißt es selber auf. Gilgamesch geht leer aus. Um dennoch etwas zu haben, was sein sterbliches Leben überdauert, baut er die sagenhaft gewordene, viele Kilometer lange Stadtmauer von Uruk, deren Grundmauern noch heute zu besichtigen sind.

Das Gilgameschepos zeigt den Menschen als tragische Gestalt. Es ist eine Tragik, die uns bis heute rührt, weil auch uns der Tod erschreckt, wenn er plötzlich dicht neben uns geschieht, einen Menschen wegreißt, der uns etwas bedeutet, zu unserem Leben gehört hat. Erst dann betrifft er uns. Erst dann fängt der Tod, den wir ja immer nur von anderen kennen, an, unser Tod zu werden. Und dann plötzlich wissen wir nicht nur, daß alle Menschen sterben müssen, sondern, daß der Tod uns selbst betrifft. Es gibt keinen oder keine unter uns, die dann nicht fragen würden nach einem Mittel, das uns bleiben läßt. Das Gilgameschepos hilft uns, daß wir Menschen uns auf das besinnen, was wir sind und können, und uns dabei auf das Menschenmögliche beschränken. Die Schlange ist dabei eine Konkurrentin des Menschen, ist listig. Aber böse, oder gar der Satan, ist sie nicht. Sie tut, was der Mensch auch tut: sie nimmt, was sie kriegen kann.

 

III.

In der jüdischen Bearbeitung, mit der wir es zu tun haben, hat die alte Geschichte ein neues Gesicht bekommen. Trotz aller erzählerischen Feinheiten ist sie eine vorwurfsvolle Erzählung geworden. Sie fügt zum Baum des Lebens einen zweiten Baum hinzu mit Früchten, die verheißen, daß wer von ihnen ißt, gut und böse unterscheiden kann. Und sie macht aus der Schlange schon eine eindeutig satanische Figur, eine Konkurrenzgestalt zu Gott. Durchweht wird sie nicht mehr von der Tragik, daß wir Menschen ein Leben lang lernen müssen, unsere Endlichkeit zu akzeptieren und herauszufinden, was dem Leben dient. Die schwere Schönheit des irdischen Lebens ist in den Hintergrund geraten. Im Mittelpunkt steht nun der Vorwurf, daß der Mensch sein Schicksal selbst verschuldet habe: also die Sünde des Menschen. Und diese Sünde ist nichts anderes als Ungehorsam gegen Gottes Gebot. Dafür wird unsere Gattung als ganze bestraft: wir müssen in allem, was wir tun, leiden. Frauen und Tiere kommen besonders schlecht dabei weg. Und das Verhältnis von Mensch und Tier wird mit dem Fluch der Feindschaft vergiftet. Ja, das Bild eines unseren Ungehorsam rächenden Gottes wird als Schatten auf das Leben der ganzen nachparadiesischen Schöpfung gelegt.

Von da aus ist es nicht mehr weit bis zu dem Gedanken, die Sünde erst habe den Menschen sterblich gemacht. Wofür unsere Erzählung, genau besehen, allerdings gar keinen Anhalt liefert. Denn Gott droht Adam ja nur an, er, der Sterbliche, werde an dem Tag sterben, an dem er von dem verbotenen Baum ißt. Weit ist es auch nicht mehr bis zur Lehre von der Erbsünde, die der Kirchenvater Augustin formuliert hat. Augustin hat, unter Berufung auf Paulus, gelehrt, daß des einen Menschen Ungehorsam die ganze Schöpfung verdorben habe, die doch Gott selbst mehrmals gut, ja, sehr gut, genannt hatte. Und dies nur, weil Adam und Eva der Lust gefolgt sind, die die Früchte am Baum der Erkenntnis in ihnen ausgelöst hatten. Was dabei Ursache und was ist Wirkung, bleibt sowieso unklar.

In der Sündenfallgeschichte, liebe Gemeinde, geht es nicht mehr um die tragische Endlichkeit unserer menschlichen Existenz, die überall aufbricht, wenn der Tod in unser Leben einbricht. Adam und Eva müssen vielmehr einen programmatischen Sündenfall durchexerzieren. Denn sie sündigen durch ihren Ungehorsam gegen die Idee, daß ein religiöses Gesetz uns ein paradiesisches Leben bescheren könnte - würde es nur eingehalten. Dabei spielt es eine untergeordnete Rolle, ob dieses Gesetz Tora oder Koran oder Bergpredigt heißt. In der Idee geht es um den absoluten Gehorsam. Und weil wir Menschen dazu nicht in der Lage sind, müssen wir bestraft werden und fluchbelastet leben.

Jahrhunderte lang hat der Gedanke, daß Leiden und Tod Strafen Gottes sind für menschlichen Ungehorsam, den Glauben von Juden und Christen bestimmt und die Seelen der Menschen gegen Gott aufgebracht. In jeder Katastrophe ist er wieder da, dieser Gedanke, und kann sich auf die biblischen Erzählungen von der Vertreibung aus dem Paradies oder die Sintflut als Strafaktion nach Art eines Genozid berufen. Je mehr auf einen Schlag sterben, desto heftiger taucht der Gedanke wieder auf. Das hat die schreckliche Flutwelle in Südostasien gezeigt. In diesem Gedanken lebt das alte Bild vom strafenden, ja, rächenden Gott wieder auf, der die Sünde der Menschen verfolgt - und der dabei angeblich jedes Mittel benutzt und selbst die physikalische Beschaffenheit der Schöpfung einsetzen kann.

 

IV.

Tragisch ist das, finde ich, auch. Es ist die Tragik einer Gottesvorstellung, die in sich zerrissen ist. Auf die Predigt Jesu kann sie sich aber nicht berufen. Jesu Gottesvorstellung ist nicht in sich zerrissen. Bei ihm erleben wir Gott als den, den wir ansprechen sollen, „wie die lieben Kinder ihren lieben Vater“ (Luther). Kein Wort ist bei Jesus zu finden, das sagte, wir seien sterblich, weil Adam und Eva Menschen werden wollten wie wir, die gut und böse unterscheiden können und die aus der paradiesischen Kinderstube endlich heraus, die also erwachsen werden wollten. Kein Wort davon, menschlicher Ungehorsam gegen Gottes Gebote sei die Ursache dafür, daß die irdischen Geschöpfe sterben müssen oder daß es Katastrophen wie eine Flutwelle gibt. Kein Wort davon, daß ein Menschenopfer Gott gnädig stimmen könnte oder gar müßte, weil der Sündenfall alle Menschen verdorben habe. Wir sind als sterbliche Wesen geschaffen wie alle anderen auch. Der christliche Glaube ändert nichts an unserer Sterblichkeit. Aber er hilft, daß wir im Glauben besser leben und sterben können: Besser heißt: im Glauben daran, in Gottes Liebe geborgen zu sein.

Wir leben auf einer Erde, die in Bewegung ist und die uns immer wieder tragische Erfahrungen beschert. Denn die Schöpfung geht weiter. Davon zeugen nicht nur die Erdbeben und Sonneneruptionen, sondern davon zeugt auch die Tatsache, daß Menschen und Tiere nicht nur sterben, sondern täglich neu geboren werden. Die Schöpfung geht weiter. Aber zu diesem sterblichen Leben gehören tagtägliche Risiken, die einzelnen, oder vielen von uns auf einmal, das Leben kosten können, Menschen wie Tieren. Das Wissen darum verbindet uns mit Gott, aber es macht uns nicht zu Göttern und Göttinnen. Doch es macht uns verantwortlich für das, was wir tun. Aber daß wir das Gute tun und das Böse lassen können, setzt voraus, daß wir gut und böse unterscheiden können. Das Nachdenken darüber macht die Würde und Bürde des Menschseins aus. Es zu lernen, ist kein Vergehen gegen Gottes Ehre, wie es die Sündenfallerzählung noch lehrt. Ethisch verantwortlich zu leben, ist im Gegenteil der Grundauftrag der Bergpredigt. Unser Lebensrecht als Gottes Geschöpfe hängt nicht davon ab, daß uns der absolute Gehorsam gelänge. Denn Gottes Gebote sollen zum Leben helfen und nicht zu unserer Demütigung dienen. Je mehr wir davon verwirklichen können, desto besser für uns. Aber, das zu sagen, heißt gerade nicht, daß wir nur ein Lebensrecht hätten, wenn wir sie alle lückenlos verwirklichten. Sie verpflichten uns, zu tun, was wir zu tun in der Lage sind, um Katastrophen zu vermeiden, und, wenn sie unvermeidlich sind, als Schicksalsgemeinschaft für die Milderung der Folgen zu sorgen. Beides ist das Menschenmögliche.

Wo wir das Menschenmögliche versäumen, laden wir Schuld auf uns und bedürfen der Vergebung. Daß wir auf Vergebung hoffen können, ist Gottes Wille für uns. Er teilt das Leben mit uns und allen anderen Geschöpfen. Seit der Jesus-Geschichte wissen wir, daß Gott uns leiden kann. Er weiß um unsere menschliche Tragik, daß wir zwar über den Tod hinaus denken können, ihn aber dennoch vor uns haben. Jesus hat am Kreuz die Liebe zu uns nicht verraten, obwohl er den Tod vor Augen hatte. Darum ist das Kreuz der Baum des Lebens geworden. Und deshalb brauchen wir uns nicht nach einem Paradies der Ahnungslosigkeit zurückzusehnen, in dem Adam und Eva letztlich noch Embryos waren. Denn wir haben das Glück, daß wir Menschen sind, unsere Lebens- und Leidenserfahrungen miteinander teilen und dabei wissen können, daß Gott mitten unter uns ist.

Klaus-Peter Jörns