Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
Gemeindezentrum - Fischackerweg 10 - Katharina von Bora-Haus

 

Predigttext:
Pfarrer Dr. Pfister,
Sonntag, 30.01.2005
Gemeindegründungsgottesdienst
Katharina von Bora - Haus, Berg

Thema: „Reich Gottes”
             Markus 4,26-29

 

Liebe Gründungsfestgemeinde!

Der letzte Festgottesdienst, den ich hier im Katharina-von-Bora-Haus in Berg mitgefeiert habe, war vor 6 Jahren zum zehnjährigen Jubiläum dieses Gemeindezentrums.  Das Haus und 10 Jahre Leben der Gemeinde mit Ausstrahlung weit über die Gemeindegrenzen hinaus wurden dankbar gefeiert. Schon damals ging es bei dem Festgottesdienst freilich nicht nur um einen festlichen und dankbaren Rückblick auf die 10 Jahre und ihre Vorgeschichte, sondern ebenso um einen Ausblick nach vorne mit einer Predigt über die Zukunft der Gemeinde und der Kirche.

Wenn wir heute das Gemeindegründungsfest feiern, dann steht dieser zweite Aspekt, der Blick nach vorne, noch viel stärker im Vordergrund. Denn Gründung, das ist ja Aufbruch, verbunden mit vielen Hoffnungen und Erwartungen. Hoffnungen und Erwartungen für die Gemeinde, aber auch für jede und jeden hier ganz persönlich.

Und dieser festliche Gottesdienst heute will uns in der Gewissheit bestärken: Das ist richtig! Wir dürfen uns etwas erwarten, für die Gemeinde und für uns persönlich. Wir dürfen erwarten, dass sich da etwas entfaltet, wächst und gedeiht.

Eine große Ermutigung und Bestätigung dafür ist unser heutiger Predigttext aus dem Markusevangelium. Es ist der für den heutigen Sonntag Sexagesimae (d.h. „60 Tage“ vor Ostern mit dem Sonntagsthema „Das Wort Gottes“) vorgegebene Text, über den heute in allen evangelischen Gottesdiensten in Deutschland gepredigt wird. Also nicht etwas, was wir Pfarrer für diesen Gemeindegründungsfestgottesdienst herausgesucht haben, weil wir es als Selbstbestätigung hören wollten.

Da ist vom Wachsen die Rede, vom Sich-Entfalten, vom Gedeihen. Das dürfen wir heute als Ermutigung und Bestätigung hören, gerade weil nicht nur das gesagt wird, was wir uns immer schon selbst gesagt haben.

Doch hören wir selbst (Markus 4,26-29):

Und Jesus sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und wächst - er weiß nicht, wie.  Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm, danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn sie aber die Frucht gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.

Liebe Festgemeinde, vom Wachsen und Gedeihen ist tatsächlich die Rede, freilich in einer besonderen Weise, im Zusammenhang mit einem bemerkenswerten Bauern.

Ich fürchte allerdings, er wäre heute auf dem EG-Agrarmarkt nicht mehr konkurrenzfähig, dieser Bauer, der nach der Aussaat einfach selig schläft, der in den Tag hineinlebt und dem es nichts ausmacht, wenn er gar nicht weiß, wie es mit dem Wachstum auf seinen Feldern steht. Dabei wissen doch schon die Kleingärtner unter uns: Ohne Bewässerung und Düngung und ohne Unkrautvernichtung wächst nicht viel. Und die Bauern, die Vollerwerbslandwirte, müssen sich um noch viel mehr kümmern: Kredite aufnehmen, in neue Maschinen investieren, den Betrieb rationalisieren, Schädlinge bekämpfen, Subventionsanträge stellen und immer wieder kalkulieren: Lohnt es sich noch, oder komme ich nicht besser weg, wenn ich aus meinen Feldern einen Golfplatz mache? Es ist also viel zu bedenken und zu entscheiden, vom Schlafen und Nichtstun kann heute keiner mehr leben.

Er passt wohl nicht in unsere Zeit, dieser Bauer aus dem Gleichnis, aber gerade deshalb ist er gerade für unsere Zeit, für die Gemeinde an ihrem Gründungsfest besonders wichtig. In einer Zeit, in der Unternehmen ihre Mitarbeiter zu immer größerer Leistung antreiben mit der Warnung: Die Konkurrenz schläft nicht. Wer schläft, bleibt zurück. Auch eine schlafende Gemeinde ist kein Ruhmestitel. Denn auch in der Kirche wird gefragt: Wo tut sich was, wo gibt es „action“, wo gibt es Events? Es soll doch nicht zum Einschlafen sein.

Dabei gibt es heute immer mehr Menschen, die Schlafmittel nehmen, weil ihnen die vielen Aufgaben, die Pflichten und Termine nicht aus dem Kopf gehen, so dass sie auch nachts keinen Schlaf finden. Gibt es Kinder, die so nervös sind, dass sie ohne Beruhigungsmittel keine Schulaufgabe mehr schreiben können.

Wir müssten es also wissen, dass Schlafen können ein Stück Gnade ist: Wer abschalten, loslassen die Arbeit und die Probleme ruhen lassen und ruhig schlafen kann, dem wachsen durch die Ruhe des Schlafs neue Kräfte zu. Der zum Sprichwort gewordene Psalmvers „Den Seinen gibt’s der Herr im Schlaf“, den wir fast immer nur ironisch gebrauchen, bringt diese Einsicht schon zum Ausdruck. Und in dem Bauern aus dem Gleichnis von der von selbst wachsenden Saat ist sie Gestalt geworden. Schlafen können ist Gnade, weil es direkt mit dem Gottvertrauen zusammenhängt. Das deutlichste Beispiel ist der schlafende Jesus in dem sturmbedrohten Boot auf dem See Genezareth, von dem der Evangelist gleich ein paar Verse danach erzählt. So ruhig sein kann nur, wer aus einem ganz tiefen Vertrauen heraus lebt, wer sich selbst und die ihm anvertrauten Menschen in Gottes Hand geborgen weiß.

Schlafen kann also Ausdruck des Gottvertrauens sein, allerdings nicht in jedem Fall. Auch das steht schon in der Bibel. Die Jünger Jesu im Garten Gethsemane, die in der Nacht des Verrats in einen apathischen, lähmenden Schlaf fallen, der sie unfähig macht, das jetzt Notwendige zu tun, auch unfähig macht, sich in einen anderen hineinzufühlen, der Hilfe und Beistand braucht. Apathie, Durchhängen, null Bock,  Rückzug ins Private oder in die kleine Gruppe der Gleichgesinnten ohne Blick für die anderen und für das Ganze, das gibt es ja heute genauso.

Dem möchte das Gleichnis selbstverständlich nicht Vorschub leisten und tut es bei genauem Hinsehen auch nicht. Jesus erzählt es Menschen, die mehr wollen, die sich Gedanken machen: Was wird aus uns, was wird aus der Welt? Menschen, die sich für andere verantwortlich wissen, die etwas tun wollen und vor allem darunter leiden, dass man dabei so wenig Erfolge sieht. Warum gibt es soviel Unrecht in der Welt? Warum setzt sich der Egoismus immer wieder durch? Warum wird der Einsatz für andere so wenig gedankt? Warum spürt man so wenig von Gottes Macht, dass viele überhaupt an ihm zweifeln?

Allen, die so fragen, erzählt Jesus das Gleichnis vom Bauern und seiner Saat. Von der Saat, die ohne sein Zutun aufgeht und wächst, von selbst, „automatisch“ (wie es wörtlich im griechischen Urtext heißt). Man kann sich darauf verlassen, dass soviel Kraft in den Körnern steckt. Die Kraft, dass sie aufgehen und wachsen und Frucht bringen, diese ungeahnte Kraft des Wachstums, die nicht durch Maschinen und Chemikalien ersetzt werden kann. Auf sie sind wir heute genauso angewiesen wie die Bauern früher, auch wir in unserem Leben als Einzelmenschen und als Gemeinde.

So ist Gott, so schafft und wirkt Gott. So wie das Saatkorn nicht vom Bauern abhängig ist sondern seine Kraft in sich selbst hat, so ist auch Gott nicht von unseren Aktivitäten abhängig. Gottes Zukunft und auch die Zukunft einer Gemeinde entscheidet sich nicht daran, ob wir Christen mit heraushängender Zunge immer mehr Aktivitäten und ein immer größeres Angebot und Arbeitspensum präsentieren. Sondern Gottes Zukunft kommt, weil er sie schafft. Unabhängig und so gewiss wie die ausgesäten Körner auf den Feldern keimen und wachsen, auch wenn sie jetzt noch unter dem Schnee verborgen sind.

Die Zukunft bestimmt nicht, wer die stärksten Armeen oder die größte Wirtschaftskraft hat, sondern der Schöpfer der Welt und Herr der Geschichte. Er tut dies genauso kraftvoll und genauso still und unauffällig wie ein Saatkorn keimt und wächst. Lange Zeit bleibt es unter der Erde, man sieht zunächst gar nichts davon, und auch danach geht es langsam, so langsam, dass man ungeduldig werden und verzweifeln könnte.

Jesus lädt uns ein, es dem Bauern nachzutun, der nicht verzweifelt, sondern gelassen und realistisch bleibt.  Der sich fest darauf verlässt, dass die Saat aufgeht, wächst, reift, reichlich Frucht bringt. Denn Jesus sagt uns an, sagt seiner Gemeinde an wer wir sind: Saatgut Gottes, in verschwenderischer Fülle ausgestreut, aus dem etwas wird, ohne dass von  Wachstumsschmerzen oder dergleichen die Rede sein müsste.

Wachstum in verschwenderischer Fülle, so sehr, dass wir ins Staunen geraten, dass wir, auch die, die ihren Weg in der Gemeinde erst suchen, unversehens nicht mehr als Zuschauer am Feldrand stehen, sondern uns mitten im Saatfeld  vorfinden: im Staunen darüber, was hier an uns geschieht.

Wir selber sind die Saat, bestimmt dazu, Gottes Frucht zu werden. Das geschieht mit uns und durch uns, die Gemeinde.

Darauf können wir uns verlassen. Realist ist, wer sich auf die unglaubliche lebendige Kraft verlässt, die in jedem kleinen Saatkorn steckt. Realist ist noch viel mehr, wer sich ruhig, fröhlich und gelassen auf die schaffende Kraft Gottes verlässt, als Einzelmensch und auch zusammen als Gemeinde. Denn für sie, für Gottes schöpferisch schaffende Kraft ist auch das von Lebenskräften überquellende Saatkorn nur ein unzulängliches Gleichnis.

Amen