Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
Gemeindezentrum - Fischackerweg 10 - Katharina von Bora-Haus

 

Predigttext:
Kirchenrat Wolfgang Döbrich,
Heiligabend Christnacht , 24.12.2004
Allmannshausen

Thema: „Que tengan una bendecita Nochebuena -
             eine gesegnete Gute Nacht ”
             Joh. 3,16-21

 

Liebe Gemeinde,

que tengan una bendecita Nochebuena - eine gesegnete Gute Nacht Ihnen allen. Nochebuena: „Gute Nacht“ heißt der Heilige Abend in den spanischsprachigen Ländern. Das kommt davon, dass in dieser Nacht die Gute Nachricht, la buena noticia, laut wurde, die allen Menschen gilt. Deswegen ist dies eine Fröhliche Nacht, die begangen wird unter freiem Himmel, auf den Straßen und Plätzen. Die Restaurants und Bars sind voll und der Höhepunkt ist ein alles überstrahlendes Feuerwerk. Die „Gute Nacht“ wird gefeiert im südlichen Sommer mit Temperament und Leidenschaft. In Lateinamerika ist sie der Start in die sommerliche Hochsaison der Ferien. Die „Nochebuena“, die Gott schenkt, gibt Hoffnung auf viele gute Nächte der Freude und der Liebe.

Auch dieses Fest ist Folge des gewaltigen Ereignisses, das Johannes mit dem Satz beschreibt: “Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab.“ Martin Luther sagt in einer Auslegung dazu: “Dieses Evangelium ist der herrlichsten Predigten eine, die man im ganzen neuen Testament finden kann, so dass es wohl billig wäre, dass man sie mit goldenen Buchstaben in das Herz schriebe... Denn es sind solche Worte, die ein trauriges Herz fröhlich und einen toten Menschen wieder lebendig machen können, wenn man nur fest daran glaubt“ (LD 8,256).

Luther hat Recht: Diese gute Nachricht ist so mitreißend, dass sie in immer neuen Formen vor Augen und in die Herzen gebracht werden muss. Nochebuena oder Heilige Nacht – es geht um ein weltveränderndes Ereignis. Gott, der Schöpfer, wendet sich seiner Welt zu. Nicht, weil ihn irgendeine Pflicht dazu triebe; nicht weil diese Welt einen Anspruch oder ein Recht darauf hätte! Sondern ganz einfach und doch unergründlich: Er tut dies aus Liebe. Gott liebt diese Welt. Eine klare und unumstößliche Erkenntnis, gewonnen aus der Begegnung mit Jesus, dem Kind von Bethlehem, dem Prediger und Heiland, dem Mann am Kreuz.

Gott liebt diese Welt. Das heißt doch: er liebt uns alle, die wir uns aufgemacht haben, um diese Botschaft zu hören. Er liebt die Glücklichen, aber auch die Traurigen und Einsamen,  er liebt die fest im Glauben stehenden, aber auch die Zweifelnden und sogar die Verzweifelten. Er liebt die Guten, aber auch die Bösen. Er liebt die Welt, die ganze Welt. Er liebt sie so sehr, dass er seinen einzigen Sohn in diese Welt gibt.
Das sind eindeutige und klare Worte. Sie erinnern an die Weihnachtsgeschichte: “Die Klarheit des Herrn leuchtete um sie“. Und der Engel sprach zu den Hirten: „Siehe ich verkündige Euch große Freude, die allem Volke widerfahren wird.“

Dieser klaren Botschaft von der Liebe Gottes steht in unserem Evangelium nun aber eine bezeichnende Aussage über die Liebe der Menschen gegenüber: “Das ist aber das Gericht, dass das Licht in die Welt gekommen ist und die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht.“ Kann man die Zerrissenheit des Menschen noch deutlicher beschreiben? Kann man unsere Situation noch besser erfassen? Wir lieben ja das Licht, von dem wir leben. Wir schätzen die Freundlichkeit und Güte, die uns in dieser Welt entgegen strömen. Wir erkennen die Gabe Gottes an. Im Zweifelsfall aber lieben wir die Finsternis mehr, die unseren eigenen Herzen entspringt. Und mit dieser Vorliebe stellen wir alles, das Licht und das Leben, in Frage.

Wir brauchen uns in diesen Weihnachtstagen nur in der Welt umzusehen und wir müssen zutiefst erschrecken. Wer sät denn diesen Hass zwischen den Menschen, der sich in immer neuen Selbstmordaktionen im Irak entlädt? Bomben in Menschengestalt – welche Abgründe tun sich auf? Das Flüchtlingsdrama im Sudan, die neue Kriegswelle im Kongo.

Zentralamerika seufzt unter der Gewalt der Maras, der Jugendbanden. Manche Stadtteile werden in der Nacht unpassierbar, dann tobt der Bandenkrieg. Im Sommer hatte die Kirchengemeinde Kelheim an der Donau Gäste aus der Partnerkirche in Honduras. Gemeinsam planten wir den Zentralamerikatag unserer Kirche zum Thema: Maras – Jugendbanden, eine Herausforderung für die Arbeit der Kirche. Am Vorabend erhielt ein Delegationsmitglied, Schneidermeisterin, Laienpredigerin in La Ceiba, die Nachricht, dass ihr Sohn von einer Jugendbande getötet wurde. Sie konnte nicht einmal mehr Abschied nehmen von ihrem Kind.
Heute scheint es einen neuen traurigen Höhepunkt in diesem Krieg gegeben zu haben. Wir trauern um die erschossenen Passagiere des Linienbusses in San Pedro Sula.

Hass und Gewalt sind aber nicht auf fremde Länder begrenzt. Auch die Situation vor unserer eigenen Haustüre lässt uns erschrecken. Können die Unsicherheiten des Umbruchs und der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland alleine die Gewalt erklären, die immer wieder gegen wehrlose Menschen, Kinder, Alte, Behinderte, Ausländer geübt wird?  „Die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht“ – welche erschreckende Wahrheit.

Dabei müssen wir auch in das eigene Leben blicken. Unsere Aggressionen geschehen vielleicht nicht mit physischer Gewalt, aber oft mit scharfen, unduldsamen, harten Worten – oder mit unnachgiebiger Feindseligkeit gegenüber dem, der nicht ganz auf meiner Linie ist. Wie viel Dunkles und Verworrenes befindet sich auch in unserem Leben! Da zeigen sich Lieblosigkeit und Gleichgültigkeit, Neid und Bosheit, Arroganz und Überheblichkeit.

Und damit sind wir mitten im Gericht, von dem unser Evangelium spricht. Gericht gibt es nicht erst im Jenseits, Gericht schaffen wir uns schon heute, Tag für Tag, durch die Art, wie wir leben, glauben und lieben. Gott spricht kein einziges Urteil über uns, das tut das Leben ohne Gott ganz von selber. Wir erfahren immer wieder: Wer nur in der Finsternis lebt, richtet sich und seine Welt zu Grunde. Er stellt seine Macht und seinen Einfluss über Mitgefühl und menschliche Wärme. Menschen, die sich nicht mehr berühren lassen, werden hart. Ein Versteinerungsprozess setzt ein. Bald merken sie nicht mehr, wie sehr sie das Eigentliche verloren und ihre Seelen verkauft haben. Sie sind unzugänglich geworden für Liebe, für Lachen und auch Weinen.

Es ist schwer, solche versteinerten Menschen wieder lebendig zu machen. Gott versucht es immer wieder: durch Rettungstaten und Bewahrungen, durch Warnungen und mahnende Worte, durch Gebote und Weisungen. Die Bibel bezeugt dieses Mühen Gottes um seine Geschöpfe. Doch in der Mitte seines Ringens um uns, so sagt es das Neue Testament, steht die Sendung seines Sohnes, „damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben“.

Der Sohn ist kein verhallendes Wort, kein vom Vater losgelöster Gedanke. Er ist derjenige, der dem Vater am Nächsten steht: „Gott von Gott, Licht von Licht, wahrhaftiger Gott von wahrhaftigem Gott, geboren, nicht geschaffen, mit dem Vater eines Wesens“ - wie das nizänische  Glaubensbekenntnis einzuprägen versucht. Wir ahnen: hier will Menschengeist dem Geheimnis von Gottes Liebe nachspüren. Dabei braucht er nur Anleihe bei sich selbst zu nehmen. Eine allgemeine Gottesliebe verflüchtigt sich schnell. Unverbindliche Liebeserklärungen schaffen keine Verbindung. In Jesus Christus können wir Gott ins Angesicht sehen. In seinem Spiegelbild, in diesem Jesus von Nazareth, erkennen wir, wie Gott ist und was Gott will.

Es geht um die lebendige Einladung zur Umkehr, die der Vater in seinem Sohn ausspricht. Dass sie aus dem Munde des Sohnes, des menschlichen Bruders, erfolgt, kann uns in unserer Verhärtung helfen. Sohn sein und Tochter sein, heißt doch: Seiner eigenen geschöpflichen Herkunft bewusst sein; heißt ertragen, dass man von jemandem abstammt. Die Welt fängt nicht mit uns an. Ich habe sie nicht geschaffen. Ich brauche auch nicht meinen ganzen Ehrgeiz darauf zu verwenden, sie nach meinen Plänen und Vorstellungen – die oft genug für andere Menschen etwas Bedrückendes haben – zu verändern. Ich muss anderen nicht meinen Willen aufzwingen: weder in meiner Familie noch an meinem Arbeitsplatz oder im Freundeskreis. Es muss nicht einsam, kalt und dunkel um mich werden.

An Weihnachten kann ich, können wir alle von Jesus lernen. Das Kind in der Krippe wird zum Bruder der Menschen. Er nimmt die Welt an, so wie sie ist. Er freut sich, in ihr zu leben. Er öffnet sein Herz für Tiere, Pflanzen und natürlich auch für seine Geschwister Er kommt ihnen nahe und lässt sich auf sie ein. So entdeckt er auch bald die Dunkelheit, in der die Menschen leben. Aber weder wendet er sich davon ab, noch lässt er sich von ihr überwältigen. Er schenkt allen Menschen Mitgefühl und Zuneigung. Die Liebe Gottes leuchtet durch ihn. Wo sie angenommen wird, beginnen die versteinerten Verhältnisse zu tanzen. Mühselige und Beladene atmen auf, Kranke und Verkrüppelte fangen wieder an zu leben, Feindschaften werden verwandelt, Freude verdrängt Kummer und Verzweiflung. Die Welt verändert sich: Aber nicht durch Druck von Außen oder von Oben, sondern von innen her, durch Liebe und Verständnis.

„Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde“ lautet das dankbare Resümee des Evangelisten Johannes und er fährt fort: „ wer an ihn glaubt, der wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, der ist schon gerichtet“.

Er bleibt in der Finsternis der Eigenmächtigkeit. Er begibt sich nicht auf den Weg der Liebe. Das aber ist Glauben: Vertrauen, dass in diesem Menschensohn Jesus die Liebe des Vaters aufleuchtet. Und dass diese Liebe mir, uns allen, gilt. Sie will mein Leben, sie will unser Leben, in allen Dunkelheiten froh und hell machen.
Wenn ich das annehmen kann, bleibt Weihnachten kein äußerliches Fest. Wenn ich mich der Liebe Gottes öffne, dann wird Weihnachten wahr: Das Fest des Gottes, der im Menschen zur Welt kommt. Ich darf mich freuen an dem, was Gott unter uns Menschen tut. Ich darf froh sein über meinen Gott, der Dazu muss ich freilich erst lernen, zu sehen, was Gott tut. Vielleicht sehe ich anfangs noch nicht viel. Nur kleine Zeichen. Das Weihnachtslicht kann die Augen schärfen und hell machen. Gott ist am Werk.

Es ist schön,  - wie er - ein Menschenkind zu sein. Ich darf die Möglichkeiten des Lebens in mir und den anderen neu entdecken. Ich darf die Freude, das Licht und die Liebe des Festes bei mir und den anderen zulassen. Ich kann durch Jesus ein Mensch, ein neuer Mensch werden. Und ich spüre: ich bin dabei nicht allein. Gottes Liebe beginnt zu wirken in unserem Leben: durch uns und unser Handeln. Es wäre töricht, wenn wir dies auf die Festtage beschränkten. Wir können das Licht und die Liebe des Heiligen Abends, der Guten Nacht, hinaustragen in die nächsten Wochen und Monate.

Wir Europäer haben dabei noch ein besonderes Zeichen: wie jetzt nach der Wintersonnenwende die Tage länger werden, so wird das Licht auch in unseren Herzen heller werden. Davon bleibt die Welt gewiss nicht unberührt, die Finsternis weicht und der Tag bricht an. Gottes Welt ist im Kommen. Das ist die gute Nachricht dieser Nacht.

Amen.