Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
Gemeindezentrum - Fischackerweg 10 - Katharina von Bora-Haus

 

Predigttext:
Pfarrer Johannes Zultner,
Vorletzter Sonntag des Kirchenjahres , 14.11.2004
Katharina von Bora - Haus, Berg

Thema: „Dem Leben einverleibt”
             2. Kor 5, 1-5

 

1. Blick über die Grenze, von Weitem, in das gelobte Land: Gibt es ein Wissen ?

Meine Kindheit in Siebenbürgen, Rumänien:  Der Blick aus Osteuro-pa, vom Balkan in den goldenen Westen, nach Deutschland, in eine Welt, die tatsächlich besser war, die es auch wirklich gab, und die weit, weit weg war. Wirklich eine „andere Welt“.

Die wichtigste Verbindung war der Rundfunk - Bayern1 auf Mittelwelle: Das Radio wurde gegen Abend eingeschaltet und lief die ganze Zeit. Nicht was da kam, war wichtig, sonder dass etwas kam – etwas aus der anderen, der besseren Welt. Jede Verkehrsdurchsage wur-de wie ein Evangelium empfangen - „Stau an der Donnersberger Brücke“, jeder seichte Schlager wie ein Hosianna.

Man hätte wissen können, was da los war, da drüben, hätte man genau hingehört, zum Beispiel auf die politischen Debatten. Aber wir wollten nicht wissen, sondern träumen: Alles war gut und golden. Uns in den Himmel hineinträumen, der doch nur eine bessere Welt war: Besser, aber Welt. Begrenzte, endliche Welt. Das hätte man wissen können.

Ein Blick in den Himmel, jetzt am Ende des Kirchenjahres. Das Kirchenjahr bildet ja die Zeit ab: Die Zeit Gottes mit seinen Menschen, die Heilszeit. Am Ende des Kirchenjahres blicken wir auf das Ende der Zeit, auf das Ziel, an dem sich der Himmel für uns auftun soll. Wir blicken in den Himmel, über die Grenze der Zeit hinweg in die Ewigkeit. Doch hier scheint es so, als bliebe alles bei einer leisen Ahnung. Wer kann schon Genaueres darüber wissen ? – so fragen wir, ziemlich hilflos. Wissen scheint hier nicht möglich, der große Immanuel Kant hat es uns gelehrt: Die Vernunft kann ihre Grenzen nicht überschreiten - „Begriffe ohne Anschauungen sind leer“ - die Kritik der reinen Vernunft. Hier etwas wissen zu wollen, scheint ü-berheblich, hier ein Wissen zu behaupten, scheint anmaßend.

Wie könnte denn ein Bibeltext beginnen, in dem Paulus, der Apostel, über das ewige Leben schreibt ? Über den Himmel, das Jenseits, die Ewigkeit ? Über uns in dieser Ewigkeit ?

Beginnt Paulus ganz zögerlich „Es könnte sein, dass ...“ ?
Sagt er ganz vorsichtig „Nehmen wir doch mal an“, um sich ja nicht zu weit vorzulehnen ?
Oder sagt er gar, mit erleichterter Resignation, nicht auch dieses noch seinen unverständigen Gemeinden erklären zu müssen: „Nein, da können wir wirklich nichts darüber sagen“ - und im Stillen zu sich selbst: „Gott sei Dank, drei Seiten weniger Korintherbrief !“. Oder sagt er, wie schon einmal im 1 Kor 13: „Da sehen wir was, aber ganz undeutlich, wie in einem dunklen Spiegel“ - eine vage Ahnung also nur, ein undeutliches Raumbild, mehr nicht.

Hören wir doch, wie Paulus wirklich anfängt, wenn er über den Him-mel und das ewige Leben redet, und was er darüber zu sagen hat, wenn er im 2. Korintherbrief, Kapitel 5, Vers 1-5 schreibt:

[1] Denn wir wissen: wenn unser irdisches Haus, diese Hütte, abgebrochen wird, so haben wir einen Bau, von Gott erbaut, ein Haus, nicht mit Händen gemacht, das ewig ist im Himmel. [2] Denn darum seufzen wir auch und sehnen uns danach, dass wir mit unserer Behausung, die vom Himmel ist, überkleidet werden, [3] weil wir dann bekleidet und nicht nackt befunden werden. [4] Denn solange wir in dieser Hütte sind, seufzen wir und sind beschwert, weil wir lieber nicht entkleidet, sondern überkleidet wer-den wollen, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben. [5] Der uns aber dazu bereitet hat, das ist Gott, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat.


2. Wissen: Was ?

Paulus sagt doch tatsächlich: „Wir wissen.“ Knapp, bündig, ohne Umschweife. Ohne falsche Bescheidenheit.  Aber: Was ? Was wissen wir ?

Lassen wir uns ein auf die von Paulus verwendeten Bilder, was eine genaue Betrachtung des Bibeltextes erfordert.

Die irdische Hütte - so übersetzt Luther - ist bei genauem Hinschau-en in das griechische Original des Bibeltextes ein Zelt. So auch die Einheitsübersetzung:

Wir wissen: Wenn unser irdisches Zelt abgebrochen wird, dann haben wir eine Wohnung von Gott, ein nicht von Menschenhand errichtetes ewiges Haus im Himmel. 

Diese Beobachtung ist wichtig: Denn das Zelt verweist auf das Nomadenleben, auf die unsichere Wanderschaft - unser irdisches Le-ben. Jeder stärkere Windstoß kann das Zelt wegreißen, dann stehen wir schutzlos und ausgeliefert da.

Dem wird das Haus gegenüber gestellt: Ein Haus ist fest gegründet, sicher. Schützend umgibt es unser verletzliches Leben von allen Seiten. Das Haus ist vom Himmel, kommt zu uns und überkleidet unse-re Nacktheit, das heißt: unsere absolute Schutzlosigkeit.

Mit dem schönen Wort „überkleidet“ entsteht ein noch intensiveres Bild: Noch näher als das schützend umgebende Haus ist ein Kleid, das uns umgibt und schützt. Der Unterschied: Das Kleid ist auf mei-nen Leib zugeschnitten, es berücksichtigt die Besonderheit meiner  Gestalt.

Nicht entkleidet - also endgültig schutzlos und preisgegeben - sollen wir am Ende dastehen, sondern „überkleidet, damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben“.
„Verschlungen werden“ meint nicht etwa „verzehrt werden“, sondern so viel wie „einverleibt“ - also das Gleiche wie „überkleiden“.

Alles Irdische an uns - was wir doch so sehr lieben, das dürfen wir ruhig zugeben - wird also nicht verzehrt, nicht aufgezehrt, nicht zum Verschwinden gebracht, sondern einverleibt. Unser irdischer Leib, unsere einmalige Gestalt wird umkleidet von dem himmlischen Leib – das ist nochmal viel näher Kleid. Es gibt nichts, dass uns näher wäre als unser Leib, der irdische wie der himmlische. „Einen Körper habe ich, mein Leib bin ich“. Das ist der Unterschied. Es gibt die Auferstehung des Leibes. Ich bin wiedererkennbar für alle, man wird mir zuwinken, mich erkennen, mir zurufen. „Schön, dass du auch da bist“. Im Himmel werde ich kein Gespenst sein, kein bloßes Seel-chen.


3. Wissen: Wie?

Wie können wir dies alles wissen ? Die Antwort gibt der letzte Satz unserer Bibeltextes:

„Gott selbst hat uns dazu bereitet, der uns als Unterpfand den Geist gegeben hat.“

Ein Stück Himmel ist zu uns gekommen. Nicht nur zu uns, sondern in uns: Gott als Geist. Und wenn dieser Geist Gott selber ist, dann ist er auch nicht nur ein Stück, sondern ganz. Gott kann nicht als Bruchstück seiner selbst kommen, zu ihm gehört es, dass er ganz da ist.

Nicht, dass wir, in uns selber hineinschauend, Gott entdecken wür-den. Da entdecken wir leider viel anderes. Aber, wenn der Geist da ist, entdecken wir aus uns heraus den Himmel - nicht wegen, sondern trotz dessen, was in uns ist und uns für Gott, für den Himmel eigentlich verschließt. Der Geist aber öffnet zunächst in uns selbst ein Fenster zum Himmel, bis einst der Himmel selber seine Tür für uns öffnet, ja ganz offen über uns kommt, uns umbáut und umkléidet und „umléibt“. Der Geist drückt uns aber auch sein Siegel auf, damit der Himmel uns als die Seinen erkennt, wenn er kommt.

Uns, mich: Das heißt, auch meinen Leib. Denn wo wohnt denn der Geist, der uns gegeben ist ? „Euer Leib ist der Tempel des heiligen Geistes“, so sagt Paulus im anderen, im ersten der beiden Korintherbriefe.

Mein Leib ist würdig, Tempel des heiligen Geistes zu sein. Der heilige Geist wohnt in mir, damit ich aus mir herausschauen kann in seine Welt. Deshalb kann ich es wissen: Weil ich nicht in mir verschlossen bleibe. Weil ich, mein Leib, der ich bin, mich öffnen lasse zum Himmel hin. Damit, wenn alles von meinem irdischen Leib abfällt, sogar mein Körper, ich nicht als nackte Seele dastehe, sondern überkleidet werde mit dem himmlischen, dem geistlichen Leib.

Nicht Geist statt Leib, wie die Heerscharen der Esoterik uns weis-machen wollen. Sondern geistlicher Leib: Das ist der wirklichste Leib, den es gibt. Das ist der unvergängliche Leib. Der mit Herrlich-keit umkleidete Leib. Das bist Du, das bin ich. Und zwar ganz und gar so, wie Gott Dich, wie er mich gemeint hat.

Wir werden nicht sein, die wir waren; aber die, die wir nach Gottes Willen schon immer sein sollten, von denen der Geist uns mehr als nur eine Ahnung gegeben hat. So werden wir uns erkennen, bei Gott und vor Gott: Als die, die wir immer schon sein sollten und dann end-lich sind.

Amen.