Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
Gemeindezentrum - Fischackerweg 10 - Katharina von Bora-Haus

 

Predigttext:
Pfarrer Dr. Rainer Mogk ,
10. Sonntag nach Trinitatis  15.08.2004 ,
St. Johannes Berg

Thema: „Israelsonntag
            
Röm 9, 1-18, 14-16

 

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen!

Liebe Gemeinde!

Der Predigttext zum heutigen Israelsonntag steht im Römerbrief im 9. Kapitel:

Ich sage die Wahrheit in Christus und lüge nicht, wie mir mein Gewissen bezeugt im heiligen Geist, daß ich große Traurigkeit und Schmerzen ohne Unterlaß in meinem Herzen habe. Ich selber wünschte, verflucht und von Christus getrennt zu sein für meine Brüder, die meine Stammverwandten sind nach dem Fleisch, die Israeliten sind, denen die Kindschaft gehört und die Herrlichkeit und der Bund und das Gesetz und der Gottesdienst und die Verheißungen, denen auch die Väter gehören, und aus denen Christus herkommt nach dem Fleisch, der da ist Gott über alles, gelobt in Ewigkeit. Amen. Aber ich sage damit nicht, daß Gottes Wort hinfällig geworden sei. Denn nicht alle sind Israeliten, die von Israel stammen; auch nicht alle, die Abrahams Nachkommen sind, sind darum seine Kinder. Sondern nur »was von Isaak stammt, soll dein Geschlecht genannt werden« (1. Mose 21,12), das heißt: nicht das sind Gottes Kinder, die nach dem Fleisch Kinder sind; sondern nur die Kinder der Verheißung werden als seine Nachkommenschaft anerkannt. Aber nicht allein hier ist es so, sondern auch bei Rebekka, die von dem einen, unserm Vater Isaak, schwanger wurde. Ehe die Kinder geboren waren und weder Gutes noch Böses getan hatten, da wurde, damit der Ratschluß Gottes bestehen bliebe und seine freie Wahl - nicht aus Verdienst der Werke, sondern durch die Gnade des Berufenden -, zu ihr gesagt: »Der Ältere soll dienstbar werden dem Jüngeren« (1. Mose 25,23), wie geschrieben steht (Maleachi 1,2-3): »Jakob habe ich geliebt, aber Esau habe ich gehaßt.« Was sollen wir nun hierzu sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne! Denn er spricht zu Mose (2. Mose 33,19): »Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig; und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich.« So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen.

Liebe Gemeinde,

diese äußerst schwierigen Gedanken hat der Apostel Paulus in einem Brief an die Gemeinde in Rom geschrieben. Und wir stehen da und können sie kaum verstehen.

Aber zum Glück ist ja heute alles besser und die Kommunikation so viel einfacher geworden. Und ich habe – hoffentlich in Ihrem Sinne – ein Email an den Apostel Paulus geschrieben mit einigen Rückfragen.

Ich lese Ihnen am besten gleich einmal die Antwort vor:

„Liebe Gemeinde in Berg, lieber Pfarrer Mogk, leider erhält der Apostel Paulus derzeit sehr viele Anfragen zu seinen Briefen. Und Sie baten ausdrücklich um eine schnelle Antwort. So werde also ich antworten.

Ich darf mich kurz vorstellen: Mein Name ist Tertius. Ich war schon damals als Schreiber des Apostels beschäftigt. Sie erinnern sich sicher an den Schluß des Römerbriefs, wo es heißt: „Ich, Tertius, der ich diesen Brief geschrieben habe, grüße euch in dem Herrn.“ Auch sonst habe ich nie viele Worte um mich gemacht. Darum nun gleich zu Ihren drei Fragen:

Sind eigentlich alle Juden von Gott besonders erwählt oder nur die, die an Jesus Christus glauben?

Wenn Gott bestimmte Leute erwählt, heißt das auch, dass er andere nicht erwählt – also dass Gott grundlos liebt und haßt?

Und: bin ich jetzt von Gott besonders erwählt oder nicht?

Also, liebe Gemeinde in Berg, lieber Pfarrer Mogk, Sie sprechen das heikle Problem an, ob – wenn Gott Bestimmte erwählt, er nicht im Umkehrschluß andere nicht erwählt. Wie kommt aber Gott dazu, Leute zu übergehen? Und dann möchten Sie wissen, auf wen genau sich Gottes Erwählung bezieht. Ist nun jeder Jude durch seine Geburt als Jude erwählt oder doch nur der Jude, der an Jesus Christus glaubt? Und soll sich jeder Christ als erwählt betrachten?

Sie können mir glauben: Wir haben damals auch heftig diskutiert und sind zu immer schwierigeren Fragen vorgestoßen. Da ging es oft hitzig zu und gerade auch Paulus konnte sich ereifern. Besonders, wenn es um sein Lieblingsthema ging, um das Volk Israel. Wir, seine Mitarbeiter, waren ja auch denkbar unterschiedlich: Da fing doch einer der Mitarbeiter – Erastus mit Namen – an: „Tatsache ist, daß die ganz überwiegende Mehrheit der Juden nicht an Jesus Christus glaubt. Die meisten in der Kirche sind ehemalige Heiden wie ich und es werden immer mehr.“ „Stimmt,“ warf Timotheus ein, „ich bin ja Halbjude. Ihr wisst, ich habe einen heidnischen Vater und eine jüdische Mutter. Ich mußte seinerzeit noch erst richtiger Jude werden, bevor ich Christ werden konnte. Das ist inzwischen dank Paulus anders. Immer mehr Heiden werden direkt Christen. Warum sollten sie auch erst Juden werden, wenn Gott sie auch als Heiden liebt? Aber dafür wissen diese ehemaligen Heiden wenig oder nichts vom Judentum.“

Darauf Erastus: „Gut, meinetwegen entfernt sich das Christentum von seinen jüdischen Ursprüngen. Was ist daran so schlimm? Gott hat uns Heiden zum Heil erwählt, das ist der Grund. Natürlich nicht, weil wir so toll sind. Es ist Gnade – wie Paulus das nennt – , daß wir glauben. Aber eins ist doch auch klar: wer nicht an Jesus Christus glaubt, dem bleibt nur das Gericht. Das hast du, Paulus, uns immer wieder gesagt. Folglich ist das Judentum überholt, eine Religion der Vergangenheit. Gott hat nichts mehr mit den Juden zu schaffen.“

„Was heißt hier Religion der Vergangenheit,“ rief Paulus, „war nicht auch Jesus selbst Jude. Haben wir Juden denn nicht das Gesetz Gottes bekommen und die Verheißung? Und wenn Gott etwas verheißt, dann steht er doch zu seinem Wort! Und der Bund mit Abraham und Mose, der gilt doch weiterhin. Und schließlich der Gottesdienst und der Glaube an den einen Gott, das alles ist doch uns Juden gegeben! Das hat Gott nie aufgehoben. Sonst wäre er nicht mehr verlässlich. Und ich würde alles geben, wenn nur irgendwie meine jüdischen Schwestern und Brüder zum Glauben kommen könnten.“ Und so ging es damals, bis uns Gajus, in dessen Haus wir wohnten, zur Ruhe mahnte.

Wenn ich da Ihre drei Fragen höre, fällt mir etwas auf: Sie denken so stark vom einzelnen Menschen her. Sie fragen einfach: ist der einzelne erwählt? Ich meine, wenn Sie vom Einzelnen und seiner Erwählung oder Nicht-erwählung ausgehen, geraten Sie in lauter Sackgassen. Einzelne Leute, die sich selbst für besonders erwählt halten, sind mir eher suspekt. Gott greift doch nicht wie bei einer Lotterie aus dem Riesenhaufen aller Menschen blind ein paar heraus, die er dann erwählt.

Natürlich im Nachhinein heißt es in der Bibel immer wieder: Gott hat mit einzelnen Leuten etwas Besonderes getan. Aber doch immer im Blick auf sein Volk oder die ganze Menschheit. Abraham wurde erwählt, damit in ihm alle Geschlechter gesegnet werden. Freilich hat Gott nicht nur immer alle Menschen erwählt, sondern eben besonders sein Volk. Und da bin ich bei Ihrer ersten Frage:

Sind eigentlich alle Juden von Gott besonders erwählt oder nur die, die an Jesus Christus glauben?

Also zunächst: Gott hat sich ein Volk erwählt, das Volk Israel. Es geht nicht zunächst um einzelne Leute, sondern um ein Volk. Gott wollte ein besonderes Gegenüber haben, ein Volk für ihn und dieses Volk war und ist Israel. Und diese Erwählung bleibt. Gott macht sie nicht wieder und nie wieder rückgängig.

Erst nach dem Volk kommt der einzelne Jude in den Blick. Er gehört zu diesem erwählten Volk Israel, einfach durch Geburt damals und heute. Doch Paulus zeigt, dass Gott nicht bei der Erwählung der biologischen Nachkommen stehenbleibt.

Damals gings an diesem Punkt gleich wieder los: Erastus hat gerufen: „Also doch, wir die Christen, auch wenn wir nie Juden waren, wir sind jetzt das richtige Volk Gottes!“ „Genau,“ hat Paulus gesagt, „wir Christen dürfen die Verheißungen an Abraham auf uns beziehen. Wir sind das neue Volk Gottes, das sich Gott erwählt hat. Und doch sind und bleiben auch die Juden Gottes Volk.“ Paulus war beides wichtig: Dass die Christen Gottes neues Volk sind, dass alle Verheißungen und die Erwählung auch der Kirche gilt. Und doch bedeutet die Erweiterung der Erwählung auf die Kirche nicht, dass dadurch die Erwählung Israels zurückgenommen oder geschmälert wird. Die Juden bleiben Gottes erwähltes Volk. So von zwei erwählten Völkern zu reden, führt zu einer Spannung, die für Paulus ein Geheimnis war und die nur Gott wird auflösen können.

Aber komme ich nun zu Ihrer zweiten Frage: Wenn Gott bestimmte Leute erwählt, heißt das auch, dass er andere nicht erwählt – also dass Gott grundlos liebt und haßt?

Das war das zweite Lieblingsthema von Paulus: Wir sind von Gott erwählt, nicht weil wir besonders gut sind. Das trifft auf das Volk Israel zu. Es wurde nicht erwählt, weil es so groß oder toll war, sondern weil Gott es einfach so liebte. Und bei den Christen ist es genauso. Erwählung heißt nichts anderes, als dass Gott liebt, ohne dass wir es verdient hätten, ja noch bevor jemand überhaupt etwas tut. Sie wollen nun wissen, ob das auch eine Kehrseite hat. Ob wenn Gott Bestimmte liebt, er andere auch nicht liebt oder nicht erwählt. Bei uns ist das ja so: Wenn ich von meiner „Erwählte“ rede, also von meiner Frau, dann habe ich nur eine Frau, die ich liebe. Und das hat zur Kehrseite, dass ich ungefähr drei Milliarden andere Frauen eben nicht erwählt habe. Und Sie möchten jetzt wissen, ob sich Gott so etwas leisten kann, ob er durch die Erwählung zu so vielen anderen ungerecht ist. Aber da bin ich schon bei Ihrer letzten Frage:

Bin ich jetzt von Gott besonders erwählt oder nicht?

Gott erwählt ein Volk. Das bedeutet, dass er in der Geschichte an bestimmten Punkten gehandelt und gesprochen hat. Hier ist Gott identifizier- und erkennbar. Und darum hat er sich ein Volk, das Volk Israel erwählt. Er hat nicht an allen Orten der Geschichte und mit allen Völkern gleich gehandelt. In diesem Sinn sind die anderen nicht erwählt, auch wenn uns das irgendwie ungerecht vorkommt. In Jesus Christus, dem Juden, hat Gott seine Erwählung ausgeweitet. Er hat die Erwählung Israels bekräftigt und diese Erwählung geöffnet auf alle. Damit kommt die Erwählung Abrahams für alle Völker an sein Ziel. Und zu diesem neuen Volk Gottes kann jetzt jeder gehören. Gott erwählt in Jesus Christus alle Menschen und übergeht nicht einfach einzelne. Und es liegt nun an uns, im Glauben als Gottes neues Volk zu leben. Wenn ein einzelner für sich darüber nachgrübelt, ob er oder sie jetzt erwählt ist, wird er keine Antwort finden. Auch kann niemand sagen, er wäre ungerechterweise nicht erwählt. In Jesus Christus hat Gott uns alle erwählt. Aber er hat uns erwählt auf ein Ziel hin, dass wir als sein Volk ihn in der Welt bezeugen und an seinem Reich mitarbeiten. Erwählung bedeutet immer zugleich den Auftrag, Gottes Liebe weiterzugeben.

So, jetzt habe ich Ihnen viel geschrieben auf Ihre Fragen. Damals, als Paulus den Römerbrief diktierte, musste ich extra noch neue Tinte holen, weil er seitenlang jeden einzelnen grüßen wollte. Ich kenne Ihre Namen leider nicht, grüße aber herzlich und befehle euch „dem Gott an, der allein weise ist, ihm sei Ehre durch Jesus Christus in Ewigkeit. Amen.“