Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
Gemeindezentrum - Fischackerweg 10 - Katharina von Bora-Haus

 

Predigttext:
Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns,
4. Sonntag nach Trinitatis 04.07.2004 ,
St. Johanis Berg

Thema: „Die Liebe Gottes”
             Röm 14,10-12 und Lk 6,27-38

 

„Die Liebe, die Liebe, ist eine Himmelsmacht“. Das weiß sogar das Libretto der vielgesungenen Operette. Und alle, die sich durch Liebe verbunden fühlen und ihr Glück genießen, stimmen ein: „Die Liebe, die Liebe …“ Dazu paßt auch unsere Rede vom „lieben Gott“, der sich vor allem dadurch als „lieb“ erweist, daß er auf unserer Seite steht. Das „Wir“ kann das eigene Volk, die eigene Religion, aber auch die eigene Familie und Gruppe oder auch die eigene Partei meinen, und in jeder Art von Streit meint es die eigene Seite und Sache. Der liebe Gott ist mein Gott, unser Gott. Und es ist ganz selbstverständlich, daß die Liebe, die uns mit unserem Gott verbindet, uns auch eine Sonderstellung bei Gott zu sichern scheint. Im jüdischen Teil der Bibel ist davon die Rede, Israel sei Gottes Augapfel (Sach 2,8).

Da habe ich als Bube immer schon empfunden, daß diese Bevorzugung der einen eine erhebliche Benachteiligung der anderen bedeutet. Gott hat doch alle Menschen geschaffen! Wieso liebt er sie dann nicht alle? Aber weil die Christen die Erwählung Israels auf sich selbst übertragen haben, habe auch ich es mir lange wohlsein lassen in dem Gefühl, zu denen zu gehören, die Gott besonders liebt.

Daß in der Verkündigung Jesu die Liebe Gottes eine so große Rolle spielt, hat dem Christentum gewiß schon zu Beginn unserer Zeitrechnung die Herzen der Menschen erschlossen, als es in der Mittelmeerwelt seinen Ausgang nahm: „Nichts in der Welt kann uns trennen von der Liebe Gottes!“ schreibt Paulus an die Römer (8,39). Und im 1. Johannesbrief (4,16) steht der schöne Gottesname: „Gott ist Liebe.“ Das besonders Schöne an dieser Liebe Gottes ist, menschlich gesehen, daß sie nun vor allem den Christen gilt.

Das Denkmuster der Erwählung gab es zwar schon viel früher. Die alten Ägypter haben es an Israel vererbt, und die Christen haben es von Israel übernommen. Christen wissen sich durch Christus Gott näher als alle anderen: Wir haben durch Christus gewissermaßen den direkten Draht zu Gott. Das ist bis heute so geblieben. Jedes dritte Gesangbuchlied spricht irgendwann davon. Obwohl wir nach wie vor bekennen, daß es nur einen Gott gibt und daß er alle Menschen schafft. Er schafft die Fremden und Fremdreligiösen in unserem Land genauso wie uns, und natürlich hat er auch alle diejenigen, die uns nicht lieb, sondern feind sind, geschaffen wie uns. Selbst diejenigen, die wir moralisch verurteilen.

Genau an dieser Stelle kommt aber ein Problem mit dem „lieben Gott“ auf. Denn Jesus Christus selbst hat den Glauben, daß der eine Gott alle Menschen geschaffen hat und weiterhin schafft, in eine Richtung hin zugespitzt, die wir nur schwer ertragen können: Gott, sagt er, schafft nicht nur alle Menschen, sondern er liebt sie auch alle. Wodurch wir Menschen uns auch immer unterscheiden und nach welchen Maßstäben wir uns gegenseitig beurteilen und verurteilen, miteinander verbünden oder voneinander scheiden mögen: Der neue Maßstab, den Jesus mit der Liebe Gottes verbindet, steht darüber: „denn Gott ist selbst gegen die Undankbaren und Bösen gütig.“ So haben wir es mitten im Evangelium gehört (Lk 6,35).

Hier, in diesem Satz, steckt ein Teil der religiösen Revolution Jesu Christi. Daß Gott selbst den Undankbaren, ja, denen, die Böses tun, mit gütiger Liebe und mit Barmherzigkeit antwortet, stellt alle Vorstellungen von irdischer Gerechtigkeit auf den Kopf. Aber gerade darin äußert sich die neue, mit Jesus Christus als unserem Gott verbundene Gerechtigkeit Gottes. Die macht Ernst damit, daß alle Menschen Geschöpfe Gottes sind und ihr Leben von ihm haben. Er durchbricht die alte Gerechtigkeitsvorstellung, die will, daß Gleiches mit Gleichem vergolten wird. Denn Jesus hat wie kein anderer erkannt, daß sich diese Art, Gerechtigkeit herstellen zu wollen, an einem uralten System orientiert. Vereinfacht, besagt es, daß jede Form von seelischer oder körperlicher Gewalt wieder mit einer Form von Gewalt eingedämmt oder ausgeglichen werden müsse. Das führt dazu, daß sich das System von Gewalt und Gegengewalt fortsetzt, ja, verselbständigt und zum wahren Herrscher der Welt wird.

Ein solches System läßt Liebe und Güte keine Chance. Es läßt auch Gott keine Chance, gütig und barmherzig zu sein. Es läßt der Vergebung keine Chance und dem Frieden keine Chance. Der Anfang des 21. Jahrhunderts hat auf schreckliche Weise belegt, wie das Herrschaftssystem aus Gewalt und Gegengewalt selbst die westlichen Rechtsstandards außer Kraft zu setzen versteht. Daß die Führungsmacht der weltlichen Welt Konzentrationslager baut und Foltermethoden benutzt, die auf die Entwürdigung der Feinde zielen, ist ein trauriges Kapitel Zeitgeschichte.

„Liebet eure Feinde; tut wohl denen, die euch hassen; segnet die, welche euch fluchen; bittet für die, welche euch beleidigen!“ In Summa: „Seid barmherzig, wie euer (himmlischer) Vater barmherzig ist!“ (Lk 6,27.36) Jesus bringt die Liebe ins Spiel, die eine wirkliche Himmelsmacht ist, eine wirklich göttliche Macht. Sie macht nicht die Gegenliebe zur Bedingung. Sie hat überhaupt keine Bedingung. Sie hat ein Ziel, auf das hin sie liebt und gütig ist: Frieden im Zusammenleben zu schaffen. Haß abzubauen. Neuanfänge möglich zu machen. Und das geht nur, wenn wir uns gegenseitig nicht mehr in der Vergangenheit festhalten, in der wir aneinander schuldig geworden waren. Sondern uns freigeben.

Das ist der Sinn der Feindesliebe. Sie weiß, daß die Vergeltung von Gleichem mit Gleichem die Wurzel alles Unfriedens ist. Daß die Bevorrechtigung der einen Haß bei den Benachteiligten schafft. Sie weiß, daß die ganzen völkischen und religiösen Fronten, die Selbstüberhebungen der einen über die anderen genauso wie der Anspruch, die Wahrheit zu besitzen, Instrumente des Unfriedens sind, die heute die Kämpfe und Kriege von morgen vorbereiten. Schluß damit! Ist die Botschaft Jesu. Und weil einer anfangen muß, den circulus vitiosus, den Kreislauf des Bösen, zu durchbrechen, weist er sich selbst und den Christen diese Rolle, damit anzufangen, zu. Und wehrt sich nicht mit Gewalt, als ihm Unrecht geschieht. Seine Auferstehung aber bestätigt, daß mit ihm die neue Welt Gottes begonnen hat.

Darum ermahnt Paulus die kleine römische Gemeinde zu Recht, wenigstens im eigenen Bereich Jesu Beispiel zu folgen und den eigenen Bruder weder zu richten noch zu verachten. „Wer sagt, ich liebe Gott, und haßt seinen Bruder, lügt“, sagt auch der 1. Johannesbrief (4,20). Daß Paulus aufgrund antiker Denkvorstellungen dann aber das Bild vom Jüngsten Gericht bemüht, um seiner Ermahnung Gewicht zu geben, atmet im Grunde noch den alten Geist der Vergeltungsdrohung. Denn er malt Gott ja wieder, sehr im Unterschied zu Jesus, in einer Drohgebärde an den Himmel. Paulus setzt hier nicht darauf, daß Liebe und Güte selbst die Kraft haben, die menschlichen Beziehungen zu verbessern. Nur zu oft ist die Kirche später Paulus und nicht Jesus gefolgt und hat ihrerseits auf die Gewalt gesetzt. Jesus hat dagegen seinen Peinigern vom Kreuz herab vergeben. Noch hat das Christentum nicht versucht, zur Veränderung der Welt genauso entschieden auf Liebe und Güte zu setzen wie Jesus Christus. Die gegenwärtige Schwäche des Christentums kommt daher, daß wir Jesus Christus an diesem Punkt nicht mehr folgen.

Jede Beleidigung und Kränkung, jedes Unrecht, das wir erleiden müssen, aber auch jede Enttäuschung von nahen Menschen, bringen uns in eine schwere Krise. Bleiben wir bei der Liebe und Güte Jesu Christi, bei der Vergebung? Oder fallen wir in die Welt vor Christus zurück? Es gehört zu der großen und schweren Würde, die uns Christus zugedacht hat, daß wir als einzelne Menschen mit entscheiden, wohin sich die Welt entwickelt. Gottesdienste sind dazu da, daß wir erinnern, daß der zu Unrecht Hingerichtete aus dem Tod erstanden ja, das Leben ist. Daß wir uns gegenseitig darin bestärken, seinen Weg zu gehen, dazu gibt es Gemeinde.