Predigttext:
Pfarrer Johannes Zultner,
Osternacht 11.04.2004 ,
St. Johanis Berg

Thema: „Das Leben nicht mehr sterben”
             1. Kor. 15, 1-10

 

Ostern ist für viele Menschen das Fest ursprünglicher Freude.  Ursprünglich bedeutet: Ich begreife und empfinde meine Wurzeln, meine Herkunft, den Grund meines Lebens in einer mächtigen Weise, vielleicht auch in einer neuen Weise. Dass eine Kraft mich ins Leben getrieben hat -  so wie den Trieb einer Pflanze - , dass diese Kraft mich und alles andere Leben bis heute durchströmt - dieses Wissen und Empfinden lässt ursprüngliche Freude auflodern.

In meiner Kindheit habe ich diese Schöpfungsfreude noch viel stärker empfunden. Ich lebte auf dem Land, inmitten von sehr greifbaren Naturläufen und vielerlei Tieren. Nach einem langen und harten, sehr kontinentalen Winter halfen wir Kinder mit Begeisterung dem Frühling nach, wenn schlagartig, fast von einem Tag auf den anderen, die Schnee- und Eisplatten zu schmelzen begannen, die ganze Welt voll kleiner Flüsse war, denen wir den Weg bahnten, damit sie den Winter schneller davontragen konnten. Unter jeder Schneeplatte, die in Bewegung kam, waren schon die Schneeglöckchen da.

In wenigen Tagen wurde die Sonne stark, alles trocken und Ostern war da. Ostern war die Zeit, in der alle unsere Tiere Junge hatten, und das war etwas Wunderbares für uns Kinder: Lämmer, Häschen, Küken, Entchen, Ferkel, Büffelkälber  - ein Fest für die Augen, ein Fest für die streichelnden Hände -  aber auch viel Arbeit, denn für die Pflege des tierischen Nachwuchses war der menschliche Nachwuchs zuständig. Diese ganze Nähe, diese ganze freudige Verantwortung wurde jedoch in dem Wissen gelebt, dass manche dieser Tiere bald würden sterben müssen, damit wir leben konnten: Nachdem sie eine Zeitlang von uns lebten, würden wir von ihnen leben.

Dieses Wissen hat uns aber niemals bedrückt, denn wir bekamen eines mit: Zunächst einmal durfte alles leben, und zwar wirklich leben, jedes seinen Bedürfnissen entsprechend und trotzdem in der Nähe der Menschen und mit diesen verbunden.

Was hier vielleicht nach Idylle klingt, war oft schwer und ist in vielen Gegenden der Welt bis heute schwer. Aber es war eine Ursprünglichkeit, die menschliches Leben lebendig machte. In solchen Tagen wurde und wird Leben gelebt.

Schon lange weiß ich, dass Leben auch gestorben werden kann. Viele Menschen sterben ihr Leben, statt es zu leben. Um es genau zu sagen und die Menschen nicht in solche und solche einzuteilen: Jeder Mensch, jeder auch von uns hier gehört auch zu denen, die ihr Leben nur teilweise, nur in Bruchstücken leben. Den Rest unseres Lebens sterben wir. Und der Unterschied zwischen uns einzelnen besteht nur darin, ob dies ein kleiner oder ein großer Rest ist. Aber was es bedeutet, das Leben zu sterben statt es zu leben, das weiß jeder von uns.

Jesus, der Mann aus Nazareth, hat das Sterben des Lebens so oft mitempfunden, wenn er die Menschen anschaute. Zum Beispiel Menschen, die zwar äußerlich gesund und wohlsituiert waren, aber an einer innerlichen Gesetzesstarrheit zugrunde gingen. Aber auch Menschen, die von der Gesellschaft, die von den Machthabern ihres lebendigen Lebens beraubt wurden und deren Lebensrest nur noch Sterben war. Wenn Jesus diese wie jene Menschen sah, dann, so sagt es die Bibel auf Deutsch, „jammerte ihn“. Ein schwaches Wort für das, was tatsächlich mit Jesus geschieht, wenn er uns Menschen unser Leben sterben sieht. Das griechische Wort „esplanchníste“ bedeutet, wörtlich übersetzt: „es zerriss ihn im Inneren seines Leibes“. Nicht nur eine Seelenregung des Mitleids, sondern ein leibliches Mitsterben mit allen, die nicht leben können oder dürfen: Das ist die Anteilnahme Jesu. Das ist seine tausendfache Kreuzigung schon vor dem Kreuz.

Es war nicht Boshaftigkeit, es war auch nicht Berechnung, die Jesus, den lebendigsten aller Lebenden, ans Kreuz brachten. Es war nur die tiefe Verzweiflung aller, die nicht leben konnten -  und das sind wirklich alle, alle Menschen. Diese gesammelte Verzweiflung, die in Todeswut umschlägt, konnte auch ihn, vor allem ihn, nicht leben lassen. So starb Jesus, nicht nur durch uns Menschen, sondern auch mit uns Menschen und vor allem für uns Menschen.

Weil er mit uns starb, können wir mit ihm leben. Er hat die Teufelskreise unseres täglichen Sterbens durchbrochen, weil er in diese Teufelskreise eintrat, sie mit-sterbend in sich aufnahm und in Leben zurückverwandelte: in ursprüngliches Leben.

Mit ihm dürfen wir heute ganz neu ins Leben treten. Aber nicht nur heute, sondern jeden Tag. Auf jeden Fall jede Woche, denn jede Woche beginnt für uns mit dem Auferstehungstag Christi, mit dem Sonntag.

Wenn wir die Teufelskreise unseres täglichen Sterbens von ihm, dem Auferstandenen, aufbrechen lassen zu fließendem Leben, dann ist das kein gewaltsamer Akt und auch nicht die Sache eines Augenblicks. Es ist eher ein behutsames, ein geduldiges Sich-Öffnen für das neue Leben, für mein neues Leben. Dieses neue Leben ist ein Geschenk  - ich kann es mir nicht selber geben, sondern muss es mir geben lassen. Christus hält es in den Händen: Er gibt mir mein Leben, das so sehr vom Tod durchfressen war, ganz neu zurück: ganz lebendig, ganz frühlingshaft, ganz ursprünglich, wie am ersten Tag der Schöpfung. Der Auferstehungstag fällt zusammen mit dem ersten Tag der Woche und der Schöpfung.

Das Geschenk meines neuen Lebens kann ich nur empfangen, wenn ich mich Christus zuwende: mit offenen Augen, mit den Augen meines Herzens, mit offenen Händen. Dieses „auf Christus schauen“ ist entscheidend.

Aber was sehen wir, wenn wir auf Christus schauen? Wir sehen den  auferstandenen Gekreuzigten. Beides also, immer beides:

sein Leben-Können trotz seines Sterben-Müssens.

Auf Christus schauen: dies ist die große Einladung von Ostern, denn damit verbindet sich das Leben. In Johannes 19 spricht Christus: „Ihr aber sollt mich sehen; denn ich lebe, und ihr sollt auch leben.“

Die Bibel legt größten Wert darauf, dass Menschen den auferstandenen Gekreuzigten gesehen  haben. Das sind nicht nur Zeugenaussagen über die Auferstehung. Dieses „Christus sehen“, Christus schauen bedeutet viel mehr noch, sein neues Leben und damit auch mein neues Leben wirklich vor Augen zu haben, dieser neuen und einzigartigen Möglichkeit wirklich ansichtig zu werden. So redet Paulus in der heutigen Epistel 1Korinther 15 ganz besonders davon, dass er und andere den auferstandenen Gekreuzigten gesehen  haben und dass dadurch ihr Leben anders wurde, neu wurde. Hören wir dieses älteste biblische Zeugnis von der Auferstehung:

1Korintherbrief 15,1-10ab

1 Ich erinnere euch aber, liebe Brüder, an das Evangelium, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch fest steht, 2 durch das ihr auch selig werdet, wenn ihr's festhaltet in der Gestalt, in der ich es euch verkündigt habe; es sei denn, dass ihr umsonst gläubig geworden wärt.
3 Denn als Erstes habe ich euch weitergegeben, was ich auch empfangen habe: Dass Christus gestorben ist für unsre Sünden nach der Schrift; 4 und dass er begraben worden ist; und dass er auferstanden ist am dritten Tage nach der Schrift;  5 und dass er gesehen worden ist von Kephas, danach von den Zwölfen. 6 Danach ist er gesehen worden von mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten noch heute leben, einige aber sind entschlafen.  7 Danach ist er gesehen worden von Jakobus, danach von allen Aposteln.
8 Zuletzt von allen ist er auch von mir als einer unzeitigen Geburt gesehen worden.  9 Denn ich bin der geringste unter den Aposteln, der ich nicht wert bin, dass ich ein Apostel heiße, weil ich die Gemeinde Gottes verfolgt habe.  10 Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin. Und seine Gnade an mir ist nicht vergeblich gewesen.

„... gestorben für unsere Sünden“, heißt es da:  Nach dem von mir Gesagten ist Sünde aber nicht irgendeine Schuld, sondern unser Hang, dem Tod mehr zu dienen als dem Leben. Daraus erst erwächst dann Gewalt und Schuld. Durch Christi Sterben werden wir nicht nur von der Schuld, sondern von der ursächlichen Todesverfallenheit befreit.

Dann haben wir da noch, gleich im ersten Satz, das altertümlich-religiöse Wörtchen „selig“: Sein Klang mag verstaubt sein, aber sein Inhalt ist von eruptiver Lebendigkeit. Denn er meint den Zustand des neuen Lebens, des Lebens im Leben, das Geschenk der Auferstehung im Hier und Jetzt, als gelebte Vorfreude des ewigen Lebens.

Christus sehen, den auferstandenen Gekreuzigten anschaun: Damit sehe ich nicht nur das Entscheidende von Christus, sondern auch das Entscheidende von mir: Ich sehe die Last meines alten Lebens und zugleich die Möglichkeit meines neuen Lebens. Denn ich stehe nicht nur vor dem Bild Christi, sondern ich bin in dieses Bild des auferstandenen Gekreuzigten auch hineingenommen : In meiner, in unserer Taufe ist dieses geschehen, dass wir ganz zu Christus gehören: dass wir in ihm auch uns selber sehen dürfen, dass seine Auferstehung auch unsere Mit-Auferstehung ist. Deshalb werden wir alle im Ostergottesdienst auch an unsere Taufe erinnert: Durch das neue Osterlicht, das der Ursprung unseres Tauflichtes ist; durch die Farbe Weiß am Altar, die Farbe von Ostern und der Taufe.

Ich hatte meine Predigt damit begonnen, ein fast paradiesisches Frühlingsbild meiner Kindheit inmitten pulsierender Schöpfung zu malen. Es waren beglückte Kinderaugen, die das haben sehen dürfen. Aber diese Augen haben damals schon -  und dann durch viele, oft auch weniger frühlingshafte Zeiten hindurch -  auch den auferstandenen Gekreuzigten bittend angeschaut. Ich hatte Menschen und ich hatte eine Kirche und Gemeinde, die mich zu ihm hingeführt haben.

Dass ein durch uns und mit uns und vor allem für uns Menschen Gestorbener neues Leben hat, neues Leben auch für uns, das ist ein ganz besonderer Frühling. Das ist die erste und die neue Schöpfung zugleich. Das ist die Freude, wie es sie nur an Ostern gibt.

Amen.

 

OSTERLIED  Wir wollen alle fröhlich sein  - Halleluja

  1. Wir wollen alle fröhlich sein  / in dieser österlichen Zeit /  denn unser Heil hat Gott bereit.  Halleluja, Halleluja, Halleluja, Halleluja, gelobt sei Christus, Marien Sohn.
  2. Es ist erstanden Jesus Christ  / der an dem Kreuz gestorben ist /  dem sei Lob, Ehr zu aller Frist.  Halleluja ...
  3. Er hat zerstört der Höllen Pfort’  / die Seinen all herausgeführt /  und uns erlöst vom ew’gen Tod.  Halleluja ...
  4. Es singt der ganze Erdenkreis  / dem Gottessohne Lob und Preis  / der uns erkauft das Paradeis.  Halleluja ...
  5. Des freu’ sich alle Christenheit /  und lobe die Dreifaltigkeit / von nun an bis in Ewigkeit.  Halleluja ...

 

 

 

Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
Gemeindezentrum - Fischackerweg 10 - Katharina von Bora-Haus