Predigttext:
Pfarrer Johannes Zultner,
Karfreitag 09.04.2004 ,
Pfarrkirche Aufkirchen Berg

Thema: „Versöhnung, nicht Genugtuung”
             2. Kor. 5, 19-21

 

TAGESGEBET

Jesus Christus, du Sohn Gottes.
Am Kreuz bist du unser Bruder geworden.
Alle Not der Welt hast du mit uns durchlitten.

An dem, was uns zerbrechen müsste, bist du zerbrochen.
Hilf uns, dass wir dir nahe sind unter dem Kreuz,

so wie du uns  im Kreuz unendlich nahe bist.

Amen.

 

"Versöhnung, nicht Genugtuung"

Worum geht es an Karfreitag ? Was hat Jesu Tod mit uns zu tun ?
Wir hören und glauben, dass Jesus für uns gestorben ist.
Was dies bedeutet - für uns - darüber möchte ich heute mit Ihnen nachdenken. Aber nicht nur nachdenken, sondern auch das Herz dafür öffnen, unser Leben dafür öffnen. Denn ein Wissen allein hilft uns nicht. Es muss in unser Leben eingehen, es muss unser Leben zuinnerst berühren und verwandeln. Nur dann ist wirklich "für uns" etwas geschehen, für uns und mit uns.

Für uns - da geht es um etwas bei uns Menschen, und da geht es um etwas bei Gott. Wer aber kann uns dies sagen, worum es geht?

Wir erfahren es zum Beispiel aus den Liedern, die wir am Karfreitag singen. Nehmen wir Paul Gerhardt: In ihm haben wir ein großes Beispiel von protestantischem Glauben und evangelischer Frömmigkeit. Eines seiner Lieder haben wir vorhin gesungen  –

„O Haupt voll Blut und Wunden“. Die vierte Strophe dieses Liedes hatte ich weggelassen und lese sie jetzt vor:

EG 85,4  Paul Gerhardt, O Haupt voll Blut und Wunden 

      Nun, was du, Herr, erduldet,
      ist alles meine Last,
      ich hab es selbst verschuldet,
      was du getragen hast.
      Schau her, hier steh ich armer,
      der Zorn verdienet hat.
      Gib mir, o mein Erbarmer,
      den Anblick deiner Gnad.

Es geht also am Karfreitag um den Zorn Gottes, den ich Mensch verdient habe, den jedoch Christus ertragen hat -  durch seinen Tod am Kreuz. Diese Gedanken finden sich in anderen Liedern Paul Gerhardts noch deutlicher ausgedrückt:

EG – fehlt! (alt 64,11)  Paul Gerhardt, O Welt sieh hier dein Leben 

      Wie heftig unsere Sünden
      den frommen Gott entzünden,
      wie Rach und Eifer gehn,
      wie grausam seine Ruten
      wie zornig seine Fluten,
      will ich aus diesem Leiden sehn.

83,2   Paul Gerhardt, Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld  

      Geh hin, mein Sohn, und nimm dich an
      der Kinder, die ich ausgetan
      zur Straf und Zornesruten.
      Die Straf ist schwer, der Zorn ist groß
      du kannst und sollst sie machen los
      durch Sterben und durch Bluten.

Worum geht es also an Karfreitag, wenn wir sagen, es ist etwas für uns geschehen, Christus ist für uns gestorben ? Nach diesen Liedern, die ja Glaubenszeugnisse sind, geht es auf Seiten des Menschen um Sünde und Schuld, um Verfehlungen.
Auf Seiten Gottes geht es um Zorn, geht es um - so Paul Gerhardt - "Rach und Eifer, grausame Ruten, zornige Fluten". Um Strafe geht es in all diesem, um die Strafe Gottes an den schuldigen Menschen.

Nun aber kommt die Liebe Gottes ins Spiel - auch das lesen und singen wir in diesen und vielen anderen Liedern. Nicht, dass der Zorn Gottes kleiner würde durch seine Liebe. Er wird nicht kleiner, er wird durch die Liebe nur umgelenkt. Die Liebe Gottes bewirkt, dass sein gerechter Zorn nicht auf uns Menschen fällt, sondern auf seinen eigenen Sohn, auf Jesus Christus, der am Kreuz jene Strafe erleidet, die uns hätte treffen müssen. Der Zorn und die Strafe Gottes trifft damit den einzig Unschuldigen, trifft Gott selbst in seinem Sohn.

Mit diesen Sätzen, liebe Schwestern und Brüder, habe ich die Karfreitagsbotschaft, die Kreuzesbotschaft eigentlich schon gesagt. ... Zumindest in der Form, wie sie in der Tradition überliefert ist, in fast allen Liedern unserer Kirche begegnet den meisten bekannt ist. Hier könnte ich aufhören und sagen: Nehmt euch das zu Herzen, Amen. Fürchtet Gottes großen Zorn und schätzt seine noch größere Liebe. Seid froh, dass ihr der Strafe entgangen seid und macht Gott nicht wieder zornig durch eure Sünden!

Doch genau an diesem Punkt, liebe Gemeinde, kann ich nicht aufhören. Genau an diesem Punkt muss ich erst richtig anfangen.

Denn dies Gesagte und Bekannte zwingt mich nochmal zum Reden - weil es so nicht stimmt. Ich sehe darin eine grobe Verstümmelung Gottes. Manche, auch in der Vergangenheit, haben dies erkannt, aber ihre Stimme ist nicht laut genug gewesen. Das, was sich so eingenistet hat in den Büchern und in den Köpfen, ist nur schwer zu beseitigen.

Ist Christus am Kreuz ein Opfer des zornigen, des beleidigten und wütenden Gottes? Anselm von Canterbury, ein wirkungsmächtiger Theologe des frühen Mittelalters meint, unsere Sünde sei für Gott eine Majestätsbeleidigung, ein Gesichtsverlust. Deshalb sei er gezwungen sich zu rächen, müsse strafen und Genugtuung fordern, um sein Gesicht nicht zu verlieren. Und nur eines konnte ihm Genugtuung für die ihn beleidigenden Sünden der Menschen verschaffen: Der Tod des einzig Unschuldigen: der Tod Jesu, Mensch und Gottes in einem.

Wie erbärmlich ist doch dieser Gott, der ganz von seinem Zorn beherrscht ist. Freilich ist er auch von seiner Liebe beherrscht. Aber der Zorn wird durch die Liebe nicht kleiner, sondern bloß umgelenkt. Er fällt nicht auf uns, die Schuldigen, sondern auf Christus, den Unschuldigen, so dass wir noch einmal davonkommen.

Unsere Schuld, liebe Schwestern und Brüder, sie ist sicherlich da, jeden Tag und nicht zu klein. Mit unserer Schuld stehen wir vor Gott. Ist er zornig darüber? Ich glaube nicht. Ist er also gleichgültig? Wie könnte er, der liebende Vater, gleichgültig sein! Denn er sieht, dass meine Schuld Leid verursacht; dass ich durch meine Schuld anderen, aber auch mir selbst Leid zufüge, immer wieder. Aber Gott sieht dies nicht nur, unsere Schuld und unser Leid, sondern er erlebt es mit uns mit. Durch unsere Schuld, unsere Sünde machen wir Gott nicht zornig, sondern wir machen ihn leiden. Er leidet das Leid, das wir Menschen einander, das wir Menschen uns selbst bereiten.

In unserem selbstverschuldeten Leid, aber auch in allem anderen Leid möchte Gott uns nicht allein lassen. Am Kreuz hat er unsere Not, hat er die Not dieser Welt geteilt und auf sich genommen. Dies ist gemeint, wenn die Bibel sagt, Christus sei für uns gestorben.

Dadurch sind Schuld und Leid nicht aus der Welt geschafft. Aber sie haben ihre tödliche Kraft verloren. Wir fallen in Schuld und Leid und müssen tief unten durch. Aber da unten begegnen wir nicht mehr dem Tod, sondern Gott. Da unten begegnen wir dem Gekreuzigten. Alles, was uns für immer da unten halten könnte, hat er auf sich genommen. Er ist festgenagelt, festgehalten. Wir nicht. Wir müssen da unten zwar durch, aber da nicht bleiben. Wir dürfen weitergehen, weil er für uns zurückbleibt, als Bürge für unser Leben. Eines ist völlig klar, liebe Schwestern und Brüder: Wir haben uns und ihn dahin gebracht. Das ist unsere Schuld, uns selbst gegenüber und Gott gegenüber. Wir bringen uns und ihn ans Kreuz. Aber wir können wieder gehen, weil er für uns zurückbleibt. Unser Weg in dieser Welt führt immer wieder zum Kreuz hin, aber dann auch wieder vom Kreuz weg. Er führt weiter von jenem Kreuz, an dem der eine Balken unsere Schuld, der andere Balken unsere Not ist. Das ganze Kreuz aber ist das Leid, das wir Gott zufügen und das er uns abnimmt, damit wir weitergehen können, während er am Kreuz zurückbleibt.

Ist da noch Platz für den Zorn Gottes, liebe Schwestern und Brüder? Haben wir nicht genug an seiner Liebe, die alles für uns tut? Reicht es nicht, ihn so leiden zu sehen, durch uns und für uns? Reicht dies nicht, um zu ihm zurückzukehren, uns glücklich und ihn froh zu machen? Brauchen wir da noch den Zorn Gottes, um das Leben zu suchen statt den Tod?

Viel zu lange, Jahrhunderte lang haben wir den himmlischen Vater irdischen Vätern gleichgemacht, die in ihrem Zorn nicht besser waren als ihre Kinder im Ungehorsam. Gott aber ist anders. In ihm können nicht Zorn und Liebe zugleich sein. Wenn die Liebe Gottes wirklich unendlich ist, wie die Bibel es sagt, dann kann es seinen Zorn nicht geben. Im berühmten „Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lukas 15) finden wir die richtige Vorstellung von Gott als Vater: Er enterbt uns nicht, er stößt uns nicht von sich, wenn wir nur seine Liebe wahrnehmen, die uns ziehen lässt und wieder zu ihm zieht.

In der heutigen Epistel, einer Zusammenstellung aus dem ersten und dem zweiten Brief des Paulus an die Korinther, findet diese große, liebende Zuwendung Gottes ihren Ausdruck in dem Wort „Versöhnung“:

 

EPISTEL UND PREDIGTTEXT  1Kor 1,23-25 + 2Kor 5,19-20

Wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit. Denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit. Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind

Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung. So sind wir nun Botschafter an Christi Statt, denn Gott ermahnt durch uns. So bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott !

„Versöhnung“ hat im Deutschen eine fatale Wortähnlichkeit mit „Sühne", also der strafabwendenden Genugtuung für einen Beleidigten und Erzürnten, und ist auch stets dahingehend missverstanden worden. So meinte man – siehe Anselm von Canterbury – der erzürnte Gott sei es, der versöhnt werden müsse, und dies geschehe durch den Sühnetod Jesu. Aber die Bibelworte aus dem Korintherbrief sagen eindeutig etwas anderes:

Nicht Gott wird versöhnt, sondern die Welt: Wir Menschen sind es, die versöhnt werden – mit Gott.

Das Wort „Katallagé“ im neutestamentlichen Griechisch bedeutet sinngemäß nur Versöhnung und nichts anderes. In wörtlicher Übersetzung bedeutet es „dem anderen gerecht werden“, „dem anderen entgegenkommen“, „für den anderen da sein“:

Gott ist für uns da. Nirgends ist er so sehr für uns da wie am Kreuz. Am Kreuz geschieht die Versöhnung. Aber: Nicht Gott wird versöhnt, sondern wir werden durch ihn mit ihm versöhnt:

Wir hören auf, seine Feinde zu sein, die gegen ihn und gegen sich selbst leben, die sich selbst und damit ihn ans Kreuz bringen. Wir beginnen, als seine geliebten Kinder zu leben.
Dann haben wir es nicht mehr nötig, ihn vor der Welt zu einem zornigen Patriarchen zu degradieren.

Ich habe zu Beginn auf die Fragwürdigkeit mancher Liedtexte unseres Gesangbuchs hingewiesen und mir dafür gleich unseren größten Liederdichter herausgegriffen, der an diesem Punkt eben auch ein Opfer jahrhundertealter Missverständnisse war. Doch gerade Paul Gerhardt kennt auch das andere, das dem liebenden Gott gemäße Sagen und Singen:

EG 84,5  (alt 64,6)   Paul Gerhardt, O Welt sieh hier dein Leben  

      Du nimmst auf deinen Rücken
      die Lasten, die mich drücken
      viel schwerer als ein Stein.
      Du trägst den Fluch, dagegen
      verehrst du mir den Segen.
      Dein Schmerzen muss mein Labsal sein.

Wir haben aber nicht nur die Lieder von Paul Gerhardt, sondern auch neue, die dem, was auch ich heute zu sagen versucht habe, Rechnung tragen.

In einem dieser Lieder ist diese neue, aber zugleich ursprüngliche, weil biblische Sicht des Kreuzestodes Jesu in ergreifenden Worten ausgedrückt. Wir singen es gemeinsam:

 

EG 94,1-5 „Das Kreuz ist aufgerichtet“ (5: „Kinder“ statt „Söhne“).

Die ungewohnte, weil moderne Melodie werden wir von Strophe zu Strophe besser singen können und dabei feststellen, wie sie das in den Worten Gesagte musikalisch vertieft. Die Liebe Gottes möge uns dadurch erreichen.

Amen.

 

DANKGEBET NACH DEM ABENDMAHL

Jesus Christus,

in deiner Liebe bist du weiter gegangen als alle Menschen.
Vielen gingst du damit zu weit.
Darum wurdest du verraten, verurteilt und gekreuzigt -
wahrscheinlich auch durch uns, wären wir damals dabei gewesen.
Doch mit deinem Leib, der zerschlagen,
und mit deinem Blut, das vergossen wurde,
hast du uns deine Vergebung geschenkt.
So stehn wir schweigend vor deinem Kreuz
und begleiten dich durch diesen Tag,
der dir den Tod und uns das Leben brachte.

Amen.

 

 

Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
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