Predigttext:
Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns,
3. Sonntag nach Epiphanias 25.01 2004,
Katharina von Bora-Haus Berg

Thema: Das Evangelium als Kraft Gottes
             Röm 1,13-17

 

Liebe Gemeinde,

heute möchte ich Sie ein wenig mit dem Predigtverständnis des Apostels Paulus vertraut machen. Davon etwas kennenzulernen, hilft auch beim Hören eines solchen Briefabschnitts und dann beim Nachdenken darüber.  Denn die Briefe und Evangelien und anderen Texte des Neuen Testaments sind ja nicht „vom Himmel gefallen“ – wie man früher sagte, wenn man sagen wollte, daß es um Offenbarung geht. Sondern sie sind geschrieben worden als Glaubenszeugnisse, für Gemeinden, um in ihren Versammlungen vorgelesen zu werden. So wie heute. Denn heute gibt es ja auch noch ein Interesse daran, aus dem Leben Jesu zu hören und darüber nachzudenken, was diese ganze Jesus-Geschichte nun eigentlich mit dem Gottesglauben zu tun hat. Auch damals gab es Probleme damit und Zweifel, bei ehemaligen Juden genauso wie bei denen, die eher einer griechisch oder spätägyptisch beeinflußten oder der römischen Religion angehört hatten, ehe sie Christinnen und Christen geworden waren. Und dann sind da noch all die Menschen gewesen, die erst noch für den Christus Jesus gewonnen werden sollten. Und die waren die besondere „Zielgruppe“, wie man heute sagt, des Apostels Paulus. Ihnen gegenüber fühlt er sich, wie er den Römern schreibt, als Schuldner.

Er schuldet ihnen das Evangelium von Jesus Christus (V. 15). Diese Bringeschuld hat einen einfachen Grund: Das Evangelium von Jesus Christus ist des Paulus neue Lebensgrundlage geworden, es trägt ihn, hat seinem Leben einen neuen Sinn gegeben. Ausgangspunkt dafür war diese unglaubliche Begegnung bei Damaskus mit dem auferstandenen Christus, von der Lukas in der Apostelgeschichte 9 erzählt. Diese Begegnung ist die umstürzende Erfahrung seines Lebens geworden. Die treibt ihn um, zu den Menschen hin. Denn das Evangelium erweist sich, dessen ist er sich sicher, in jedem Menschen, der ihm glaubt, der sich darauf einläßt, als eine Kraft Gottes, die Heil wirkt, also: die die Seele heil macht. Solch eine Glaubensgewißheit muß weitergegeben werden, damit auch andere etwas für ihre Seele tun können. Glaube hilft nicht nur dem, der glaubt, sondern lädt auch andere zum Glauben ein. Glaube setzt ein großes Hören-Sagen in Gang, und das will „aus Glauben zu Glauben“ laufen (V. 17). Denn der „Glaube kommt aus dem Hören, und das, was wir von anderen als Glaubenszeugnis gehört haben, geht letztlich auf die Überlieferung von Jesus Christus zurück“ (Röm 10,17), kommt also auch aus dem Hören. Glaubensgeschichte ist im Kern Hören-Sagen. Wie Liebesgeschichten übrigens auch: Da ist neben aller herrlichen Verliebtheit am Anfang die untrügliche Erfahrung, im Herzen angesprochen, selbst gemeint zu sein. Und irgendwann die gegenseitige Liebeserklärung. Aufs Ja-Wort hin werden dann die Lebensweichen gestellt. So lebensentscheidend wichtig ist die Erfahrung, gemeint zu sein als die und der, die wir sind.

Deshalb schämt sich Paulus auch nicht, den Hauptstädtern in Rom, die die großen akademischen Schulen und Theater hatten und gebildete Leute waren, von seinen Erfahrungen mit diesem unbekannten Zimmermannssohn Jesus zu schreiben, der aus der palästinischen Provinz Galiläa stammte und in Jerusalem hingerichtet worden war. Denn er hat als wahr erfahren, was er lange und mit allen Mitteln geheimpolizeilicher Gewalt selbst verfolgt hatte: Der Hingerichtete ist nicht im Tod geblieben. Ja, Paulus hat als neue Wahrheit wahr-genommen, daß Gott selbst sich in diesem Jesus in einer neuen, überraschenden Gestalt unter den Menschen gezeigt hat. Und diese neue Gestalt ist die Jesus-Gestalt: Gott ist nicht mehr der himmlische Kaiser mit großem Hofstaat, vor dem alle sich in den Staub werfen müssen. Sondern mit diesen ganzen Hofstaatszenarien irdischer Herrschergewalt will Gott nichts zu tun haben. Die legt er wie einen in der Religionsgeschichte verschlissenen Mantel ab und wird – ein liebender und liebebedürftiger Gott in unserem Fleisch und Blut. In der Krippe in Bethlehem liegt Gott. Fortan gilt als Wort Gottes: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“. (Mt 25,40)

Wo Menschen andere Geschöpfe wahrnehmen, die Liebe, Nähe, Hilfe brauchen, da geschieht der neue Gottesdienst als Liebesdienst. Und Liebesdienst ist Dienst am Leben. Darin spiegelt er nur, was Gott durch Jesus den Menschen selbst entgegengebracht hat: Liebe. Gott hat nicht hier und da auch ein wenig Liebe für uns übrig neben all seinem berechtigten Zorn über diese friedlose Menschheit und neben all seiner Überbeschäftigung im Himmel. Gott ist Liebe (1. Joh 4,16). Und weil, ja, gerade weil die Menschheits- und die Religionsgeschichte zum Jammer für ihn geworden sind, bleibt er unbeirrbar bei seiner Liebe, geht er sogar heraus aus allen Sicherungen göttlicher Macht und Herrlichkeit und hinein in die herrliche, verletzlich schöne, empfindungs- und erfindungsreiche Menschlichkeit. Er bleibt auch dann noch bei seiner entschiedenen Menschenliebe, als er dafür getötet wird. Alles andere hätte doch wieder auf den Irrweg zurückgeführt, Liebe und Gerechtigkeit könnten mit Gewalt durchgesetzt werden. Nein. Nur Liebe bezeugt Liebe. Das als Gottes ganze Wahrheit zu glauben, lädt Jesus ein. Wir sollen also nicht glauben, daß der Schöpfer im Schmollwinkel sitzt und am Ende im Gericht seine Wut herauslassen wird über uns undankbare Geschöpfe. Jesus lädt ein, ins Angesicht des barmherzigen, hilfreichen Gottes zu schauen.

Und das sagt Paulus weiter. Das geht auch die Hauptstädter an, die Gebildeten, die noch viel perfider gegeneinander kämpfen können als die Schlichten, die auf Tische oder Köpfe hauen. Uns Menschen mit unseren verletzten Seelen und Biographien geht dieses neue Gottesbild an; aber es geht uns auch an,  weil wir gelegentlich etwas richtig gut hinbekommen und uns von Herzen freuen. Gott ist Liebe, ist für uns. Das hatte Paulus an sich selbst erfahren, ehe er anfing, Briefe zu schreiben. Gott ist nicht gegen uns, sondern für uns, und darum können wir aufhören, ihn von uns aus versöhnen zu wollen. Mehr braucht ein Mensch von Gott nicht zu wissen, wenn er wissen will, mit wem er es da zu tun hat. Der Rest ist Theologie und füllt ganze Bibliotheken. Aber alle Theologie ist zu nichts nütze, wenn wir nicht erfahren haben und glauben, daß Gott Liebe ist (1. Kor 13).

Paulus hatte als Jude gegen den Jesus-Glauben gekämpft, weil er den Monotheismus beschädigt sah durch den Gedanken, daß Gott selbst Fleisch und Blut wird, als Kind geboren, und als Hingerichteter stirbt. Da sah er die Ehre Gottes verletzt bis ins Tiefste. Doch dann hatte ihn der verfolgte Auferstandene eines Tages eingeholt und gefragt: Was verfolgst du mich? Durch Verfolgung bekommst du die neue Wahrheit nicht weg, daß Gott Liebe ist. Und Paulus ergibt sich dieser Liebe, stellt sich in ihren Dienst und ruft dann den Menschen zu: Laßt euch versöhnen mit Gott! (2. Kor 5,20) Das ist eine wichtige Botschaft. Denn wer sich in seinem Herzen von Gott selbst versöhnt weiß, kann sich auch mit denen versöhnen, die ihm ganz und gar nicht liebenswert erscheinen.

„Aus Glauben zu Glauben“ führt der Lauf des Evangeliums. Deshalb sitzen wir hier. Wer sich geliebt weiß, lernt zu lieben. Der muß sich nicht rechtfertigen dafür, daß er lebt, daß er ist, wie er ist. Der muß nichts alles an sich reißen, um Gewicht zu haben. Wer sich geliebt weiß, von Menschen und Gott, hat Gewicht. Darum sehnen sich doch auch so viele Menschen nach Liebe, weil sie das wissen oder ahnen und sie noch nicht gefunden haben. Andere jagen nach Macht und Besitz – weil sie noch nicht wissen, daß sie da Ersatz für Liebe suchen.

Doch so oder so: Für unsere Biographie, in der vieles nicht so aussieht, wie wir es gerne hätten, brauchen wir uns nicht zu schämen. Gott will von sich aus mit uns zu tun haben. Gott macht uns passend zu sich, indem er uns liebt. Das ist seine Art, gerecht zu sein. Und das ist auch die einfachste Übersetzung des großen Wortes von der Rechtfertigung des Sünders. Damit können wir leben, aus Glauben. Und zum Glauben einladen. Auch in Berg. Laßt euch versöhnen mit diesem Gott!

Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns, Berg

 

 

13 Ich will euch aber nicht verschweigen, liebe Brüder, dass ich mir oft vorgenommen habe, zu euch zu kommen - wurde aber bisher gehindert -, damit ich auch unter euch Frucht schaffe wie unter andern Heiden. 14 Ich bin ein Schuldner der Griechen und der Nichtgriechen, der Weisen und der Nichtweisen; 15 darum, soviel an mir liegt, bin ich willens, auch euch in Rom das Evangelium zu predigen.

16 Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist eine Kraft Gottes, die selig macht alle, die daran glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen. 17 Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben; wie geschrieben steht (Habakuk 2,4): »Der Gerechte wird aus Glauben leben.«
 

Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
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