Predigttext:
Prof. Frieder Harz,
Silvester 2003, Pfarrkirche Aufkirchen Berg

Thema: „Jahreslosung 2004”
             Markusevangelium 13

 

Liebe Gemeinde!

Worte der Bibel können unser Leben begleiten. Das sind zum einen die ganze persönlichen wie etwa der Konfirmationsspruch, und das sind auch die für alle ausgewählten, wie etwa das Bibelwort für ein ganzes Jahr, die sogenannte Jahreslosung.

Im zurückliegenden Jahr 2003 war es ein Wort aus dem Alten Testament, aus der Geschichte von Davids Erwählung zum König in Israel. Als sich der Prophet Samuel anschickte, den stattlichsten der Söhne Isais zum König zu salben, da wird er von Gott zurückgewiesen. Der Kleinste, Unscheinbarste ist es vielmehr, der zu diesem Amt bestimmt ist. Und dazu hört Samuel die Worte: „Der Mensch sieht, was vor Augen ist, Gott aber sieht das Herz an“. Jahreslosungen treffen in die Mitte biblischer Botschaft: Es gibt viele Geschichten in der Bibel, in der die Kleinen, Unscheinbaren, von den anderen Übersehenen besondere Beachtung gewinnen. Und das geschieht, weil sie von Gott her nicht mit nüchtern abwägendem Kosten-Nutzen-Blick gesehen werden, sondern mit der Anerkennung und Wertschätzung, die von Herz zu Herz geht.

Das neue Jahr steht unter einem Wort Jesu aus dem Markusevangelium, Kap.13: „Jesus Christus spricht: Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.“ Dieser Satz steht am Ende von Bildern über das Ende der Welt. Drastisch sind dort die Aussagen über das Vergängliche. Sie mahnen uns, das Vergängliche in unserem Lebensbereich deutlich wahrzunehmen. Am Jahresende wird uns bewusst, was im Laufe dieses Jahres vergangen ist, was zur Vergangenheit geworden ist. Erinnerungen wandern zurück zu Menschen, die nicht mehr da sind und deren Verlust weh tut. Oder sie wandern zu Ereignissen, die wir gerne festgehalten hätten, aber die wir hinter uns lassen mussten. Oder es sind die nachlassenden Kräfte an uns selbst, die uns an unsere eigene Vergänglichkeit mahnen. Und auf der anderen Seite ist es so manches, dem ich bewusst Vergänglichkeit wünsche: den Kriegen und Katastrophen mit ihren schlimmen Folgen, wie sie auch in diesem Jahr immer wieder das Weltgeschehen bestimmt haben. Kann das nicht anders werden? Kann es denn nicht ein Stückchen menschlicher zugehen auf unserer Welt?

„Meine Worte werden nicht vergehen“ sagt Jesus. Und da denke ich an seine Reden, Gleichnisse und Taten. In ihnen hat er eine Sicht des Menschen gezeigt und gelebt, die gut zu dem passt, was auch die Losung des Jahres 2003 bestimmt: Er hat die Kleinen groß gemacht, den Menschen am Rande der Gesellschaft neue Bedeutung gegeben. Er hat Niedergedrückte aufgerichtet, die Unbedeutenden in den Mittelpunkt gerückt und immer wieder diese Sichtweise des Herzens angemahnt. So ermuntert uns auch die Jahreslosung für 2004 dazu, dieser Sichtweise zu folgen und aufmerksam darauf zu achten, wo die Würde von Menschen bedroht wird - sei es in den großen politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen wie im Kleinen des täglichen Umgangs miteinander.

Aufgabe der Kirchen wird es deshalb auch im kommenden Jahr sein, die Lebensrechte derer anzumahnen, die selbst nicht laut genug reden können: von den Alleinerziehenden und Kindern, die immer mehr von Armut bedroht sind, bis zu den Menschen im hohen Alter, deren menschenwürdige Betreuung unter den Sparzwängen leidet. Christen müssen sich noch deutlicher zu Wort melden, wo nur noch in den Kategorien des Geldes und des Marktes gedacht wird. „Maße des Menschlichen“ ist der Titel der Denkschrift der Evangelischen Kirche zur Bildungsthematik, und das gilt wahrlich nicht nur für diesen Bereich. „Meine Worte werden nicht vergehen“ – das ist ein Signal der Hoffnung, dass die Perspektive des Evangeliums immer noch eine Chance hat. Es steht gegen all die bedrängenden Erfahrungen, dass an so vielen Orten in unserer Welt die Würde des Menschen als Ebenbild Gottes mit Füßen getreten wird.

Dieses Wort stellt uns aber auch vor Aufgaben innerhalb unseres christlichen Denkens und kirchlichen Lebens. Das möchte ich an einigen Beispielen genauer bedenken:
„Meine Worte werden nicht vergehen“ – dieser Satz passt für viele in das Denkmuster der Überlegenheit des christlichen Glaubens über andere religiöse Ansichten und Überzeugungen. Wird denn da nicht ein letztgültiger Anspruch des christlichen Glaubens über andere Glaubensweisen verkündet? Wer auf der Seite dieser Worte Jesu steht, hätte demnach das Recht auf seiner Seite – gegen die anderen. Ist das so gemeint? Die Überlegenheit des eigenen Glaubens, der eigenen Konfession, des eigenen Frömmigkeitsstils?
Was hier allzu leicht übersehen wird, ist, dass wir Gottes Wort immer nur inmitten unserer eigenen begrenzten Blickrichtungen und Verhaltensweisen haben. Gotteswort geschieht im Menschenwort und damit auch unter all den Grenzen, die dem menschlichen Verstehen und Verwirklichen gesetzt sind. Glauben geschieht auf vielerlei Art und Weise, innerhalb und auch außerhalb unserer Kirchen. Und das bringt die Aufgabe mit sich, auf andere zu hören und sich der Vielfalt zu stellen, in der Menschen heute glauben. Christliche Gemeinde sollte ein Ort, ein Forum sein, in der die Vielfalt des Glaubens zu Wort kommt, auf dem Austausch und auch Auseinandersetzung geschieht – und dabei auch darum gerungen wird, was der Botschaft Jesu entspricht. Und da gibt es wahrlich viel zu tun. Es beginnt etwa auch dort, wo bestimmte Gruppen in der Gemeinde für sich den Geist Gottes reklamieren, ihre eigene „Gemeinde im Aufbruch“ zelebrieren und den Blick für die anderen vergessen.

Es führt weiter zur Aufgabe der Verständigung unter den Konfessionen, die in der Vielfalt des je begrenzten Eigenen der Botschaft Jesu verpflichtet sind. Wie kann das Gespräch zwischen gleichberechtigten Brüdern und Schwestern, der Ausbau interkonfessioneller Gastfreundschaft im Geiste der Botschaft Jesu vorankommen, trotz mancher Rückschläge?

Und es geht auch um Verständigung zwischen den Religionen: Wie kann die Botschaft Jesu auch im Gespräch zwischen den Religionen Gestalt gewinnen? Sicher nicht im Ausgrenzen der anderen als solchen, die zu uns, zu unseren kulturellen Traditionen nicht passen. Sondern doch eher im Nachfragen, ob und wie auch bei ihnen, in ihrer religiösen Lehre und Praxis Menschen in ihrer Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit als Geschöpfe Gottes geachtet werden. Religiöse Unterschiede sollen nicht verwischt oder relativiert werden. Und religiös motivierte Radikalismen sollen auch nicht verharmlost werden. Aber Vertreter anderer Religionen sollten auch die Chance haben, ihre Sicht des Menschen darzustellen und zu zeigen, was ihnen an ihrem Glauben wichtig ist. Der Streit um das Tragen des islamischen Kopftuchs in den Schulen wäre dazu ein guter Anlass. Natürlich ist Wachsamkeit geboten, damit Erziehung nicht zu politischer Manipulation wird. Aber wäre es nicht genauso wichtig, sich in den Schulen mit denen, die so ihren Glauben zeigen wollen, auseinanderzusetzen. Wäre dies nicht eine Anregung, die eigene christliche Position zu verdeutlichen, nämlich die Sicht des Menschen von Jesus her und die Überzeugung von der Tragfähigkeit dieser Sichtweise. Wo es nur um das Verbot von etwas geht, ist noch nichts gewonnen. Wo es nur beim Verbot bleibt, wird die Chance verspielt, christliche Überzeugung in das Gespräch mit anderen einzubringen, aufmerksam zu hören und sorgfältig zu prüfen. Dass Jesu Worte nicht vergehen, das heißt auch, dass sie aktiv ins Gespräch kommen wollen mit Andersdenkenden. In und unter unseren Menschenworten will und wird Jesu Wort auf seine Weise immer wieder neu zum Zuge kommen.

Unvergängliches Gotteswort im vergänglichen Menschenwort – Jesu Sicht des Menschen und unser Umgang miteinander: da geht es auch um Streit unter Christen, um Fehler und Versäumnisse. Im zurückliegenden Jahr hat der sog. Starnberger Kirchenstreit die Gemüter erhitzt. Auch Christen sind fehlbare Menschen. Auch in der Gemeinde Jesu Christi darf es Konflikte geben, denn das gehört zum Menschsein dazu. Das Evangelium ist in die Hände fehlbarer Menschen gegeben. Für diese Botschaft tragen in der Gemeinde viele Mitverantwortung. In diese Verantwortung sind die Pfarrerinnen und Pfarrer gerufen und Kirchenvorsteher in entsprechender Weise durch ihr Versprechen und Einsegnung in ihr Amt. In unserer Gemeinde ist es unter den so Berufenen zum Konflikt gekommen. Die Lösungsmöglichkeit gemäß der Ordnung unserer Kirche besteht darin, dass die Inhaber übergemeindlicher Leitungsämter sorgfältig den Fall prüfen, alle Beteiligten mit ihren Vorwürfen zu Wort kommen lassen, um so zu einem gerechten Urteil zu kommen. Das Ziel solchen Urteils ist es gerade nicht, Beteiligte in ihrem Ansehen zu beschädigen, sondern unter der Achtung der Würde aller Beteiligten eine Klärung herbeizuführen, die einen Neuanfang möglich macht. Ungedeihlichkeit – so der amtliche Begriff – bezieht sich streng auf die Qualität des Miteinanders in der Leitungsaufgabe der Gemeinde, nicht auf Abwertung oder Verurteilung von Personen. Nicht im Sinne dieser Ordnung ist es aber, dass sich einzelne zu selbst ernannten Richtern aufschwingen und das Recht beanspruchen, selbst ein Urteil zu fällen. Es ist auch nicht im Sinne dieser Ordnung, dass möglichst viele zum Urteilen aufgefordert werden, dass Kampagnen geführt werden, um auch noch alle die zu gewinnen, die letztlich keinen Einblick in die differenzierte Sachlage haben können. Konfliktlösung im Sinne des Evangeliums muss vielmehr heißen, auf Vorverurteilungen zu verzichten und die eigenen Wünsche und Erwartungen dem Urteil der dazu Berufenen anheim zu stellen. Streitigkeiten hat es in der Kirche immer gegeben, schon von der frühen Gemeinde an, und es wird sie wohl auch immer geben, solange Menschen am Werk sind. Aber im Ringen um Lösungen soll sich wenigstens ansatzweise das Bild des Menschen im Sinne von Jesu Worten abzeichnen.

Durch all die Auseinandersetzungen, Herausforderungen, Aufgaben hindurch, die uns jetzt und in Zukunft gestellt sind, will dieses Bild wirksam sein und bleiben. Das gilt für alle Lebensbereiche, in denen wir tätig sind. In all dem Vergänglichen unserer menschlichen Aktivitäten soll das Unvergängliche der Botschaft Jesu durchscheinen.

Nehmen wir die Jahreslosung mit Jesu Worten mit hinein in das neue Jahr. Sie will uns Mut machen, diesem Bild des Menschen in der Sicht Jesu zu folgen. Sie lädt dazu ein, uns selbst in der von Gott gewollten Einzigartigkeit und Würde zu sehen. Und sie gibt uns den Auftrag, uns in diesem Sinne überall dort einzusetzen, wo wir Möglichkeiten haben, etwas zu bewirken. So kann und wird im Neuen Jahr von Jesu Wort, diesem unzerbrechlichen Schatz in den zerbrechlichen menschlichen Gefäßen, Segen ausgehen für uns selbst und die Menschen um uns. Gott schenke uns, dass wir viel von seiner Wirkung spüren. 

Jesus Christus spricht: Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen.

Amen.

 

Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
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