1. Nachdem Gott vorzeiten vielfach und auf vielerlei Weise geredet hat zu den Vätern durch die Propheten,
  2. hat er in diesen letzten Tagen zu uns geredet durch den Sohn, den er eingesetzt hat zum Erben über alles, durch den er auch die Welt gemacht hat.
  3. Er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Ebenbild seines Wesens und trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort und hat vollbracht die Reinigung von den Sünden und hat sich gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe
  4. und ist so viel höher geworden als die Engel, wie der Name, den er ererbt hat, höher ist als ihr Name.
  5. Denn zu welchem Engel hat Gott jemals gesagt: »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt«? Und wiederum: »Ich werde sein Vater sein, und er wird mein Sohn sein«?
  6. Und wenn er den Erstgeborenen wieder einführt in die Welt, spricht er: »Und es sollen ihn alle Engel Gottes anbeten.«

I.

Gestern noch -  Heiliger Abend: Das Kind in der Krippe, anschaulich und zum Anfassen wie beim Krippenspiel alle Jahre wieder, altvertraut seit Jahrhunderten, vertraut und immer wieder ersehnt auch in unserem Lebenslauf.

Heute ist das eigentliche Fest, aber es verblasst gegenüber dem Abend der Lichter und der Geschenke.

Heute erst ist eigentlich Weihnachten: In seiner ganzen Bedeutung, rot im Kalender, in allen Kirchen und Konfessionen begangen, die festliche Feier des Abendmahls, in Rom der Segen urbi et orbi.

Und heute, am eigentlichen Feiertag, hören wir eine so ganz andere Weihnachtsgeschichte: „Biblischer Alltag“ ? - nach den vertrauten, so feierlich empfundenen Worten des Lukasevangeliums gestern Abend.

Heute: Ein Text aus dem Hebräerbrief, ganz nüchtern und theoretisch beim ersten Hören. Beim nochmaligen Hören: sprachlich hochkonzentriert, bekenntnishaft. Doch wer sich mit seinen Worten wirklich vertraut macht, der findet einen großartigen Hymnus, einen der schönsten, den das frühe Christentum in neutestamentlichen Zeit hervorgebracht hat.

 

II.

Er beginnt mit einem Gegensatz: Früher hat Gott vielfach zu den Altvorderen geredet, doch jetzt in den letzten Tagen – ganz aktuell also – redet er zu uns durch seinen Sohn.

Hier ist etwas Umwerfendes passiert, denn eine Entwicklung ist – endlich, nach langem Weg – an ihr Ziel gekommen: Das Suchen ist im Finden aufgegangen, das Ahnen in der Gewissheit und das Tasten im Schauen. Gott hat auf dem Weg zu seinen Menschen den Meilenstein gesetzt, an dem sich alles Weitere orientieren wird, nach dem die Seinen sich ab jetzt richten werden. Dieses Ereignis hat Raum und Zeit eröffnet und umgriffen.

 „Ein Sohn ist uns geboren“, und zwar  d e r Sohn – Gottes großes und grundlegendes Ja zu uns Menschen. Das überbietet in der Tat alles das, was den Propheten versprochen war.

Es gibt in unserer Welt so viele verschiedene Ja’s – angefangen bei dem zaudernden „Ja – aber“ über das hinhaltende „Jaaa“ oder das gehorsame „Jawoll“ bis hin zu dem schlichten, aber Grund legenden „Ja“. Ich denke da z. B. an den Amtseid, an ein tiefes Versprechen voreinander oder auch an das Ja, das sich zwei Menschen zueinander und füreinander sagen: Ja. Dieses Ja legt wirklich Grund, kann deshalb immer wieder neu Bezugspunkt der Erinnerung, der Ermutigung, der Selbstvergewisserung sein.

Genau dieses Meilenstein-Ja Gottes uns Menschen gegenüber erfolgte damals in der Nacht draußen vor Bethlehem: „Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben“ (Jesaja 9,5) – Licht aus dem Dunkel, die Engelsbotschaft gegen tiefe Angst, die Erfüllung aller bisherigen Verheißung. Ja und abermals Ja – das elementare Wort von Weihnachten.

Dieses große „Ja“ Gottes ist an Weihnachten in die Welt gekommen und seither der Grundton der Lebensmelodie eines jeden Menschen. Kurt Marti, der zeitgenössische Dichter, hat dies unvergesslich zum Ausdruck gebracht:

    Ich wurde nicht gefragt bei meiner Zeugung,
    und die mich zeugten,
    wurden auch nicht gefragt bei ihrer Zeugung.
    Niemand wurde gefragt außer dem einen,
    und der sagte Ja.
    Ich wurde nicht gefragt bei meiner Geburt,
    und die mich gebar,
    wurde auch nicht gefragt bei ihrer Geburt.
    Niemand wurde gefragt außer dem einen,
    und der sagte Ja.

 

III.

Und – wie könnte es anders sein bei diesem letzten und großen Ja, bei dem Sohn und Erben? Dieser steht natürlich ein für die Verlässlichkeit, für die Beständigkeit, für die Verheißungen Gottes. Insofern ist die Mitteilung an die Hebräer nicht nur einleuchtend, sondern stimmig und konsequent: Dass Gott ihn „eingesetzt hat zum Erben über alles“. Um das noch zu unterstreichen, um Zweifel überhaupt nicht erst aufkommen zu lassen, fügt der Briefschreiber hinzu, dass Gott durch ihn „auch die Welt gemacht hat“. Hier wird der ganz große Bogen geschlagen vom Uranfang an bis zum Ende aller Tage:

Er und immer wieder Er – wie im Anfang so auch jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit! In diesen Bildern werden wir förmlich erinnert an byzantinische Christusdarstellungen oder an die Ikonen der Orthodoxie: Wie er als Weltenherrscher, als Pantokrator in allem und über allem thront, die eine Hand zum Segen erhoben und in der anderen Hand die Heilige Schrift.

Das Kind in der Krippe und dieser Weltenherrscher – unterschiedlicher kann man die Weihnachtserfahrung gar nicht ausdrücken, und doch gehört beides ganz eng zusammen, verweist das eine immer schon auf das andere und umgekehrt. Elementarer kann die Rolle überhaupt nicht geschildert werden, die Gott seinem Sohn zugedacht hat: Erfüllung und Heil, Garant und deshalb auch Erbe mit allen Rechten.

 

IV.

An ihn können wir Menschen uns halten. Als der Sohn und Erbe, als der Garant Gottes ist er von letzter Wichtigkeit für Schöpfung und Welt, für Zukunft und Leben. Deshalb gibt er mir den Rahmen und das Maß vor – für meinen Glauben, für meinen Alltag, für mein Selbstverständnis.

Sicher, wir alle kennen genügend Einflüsterer im Großen und im Kleinen, kennen diejenigen nur zu gut, die in der Bibel an anderer Stelle „Mächte und Gewalten“ genannt werden. Wir kennen die, die sich als Engel ausgeben, und auch die, die lange schon gefallene Engel sind. Und weil deren Einflüsse und deren Rolle oft so groß sind, heißt es an die Hebräer ganz unmissverständlich: Der Sohn aber „ist so viel höher geworden als die Engel, wie der Name, den er ererbt hat, höher ist als ihr Name“. Deshalb muss sich für mich alles messen lassen an dem Maß, das Jesus der Christus vorgegeben hat. Da können alle die Einflüsterer und erst recht die Einpeitscher Zeter und Mordio schreien; da können sie alle ihre Mittel einsetzen – gegenüber dem Erben Gottes sind sie nicht einmal zweite oder dritte Garnitur. Er als der Sohn und der Erbe ist der, der den Ton angibt, ist, als das große Ja Gottes, der Grundton nicht nur eines jeden Lebens, sondern der ganzen Geschichte.

Das ist sicher fordernd, es ist aber unendlich mehr fördernd und zum Leben befreiend. Wie heißt es so schön im alten Kirchenlied: „Hab ich das Haupt zum Freunde und bin geliebt bei Gott, was kann mir tun der Feinde und Widersacher Rott?“ (EG 351,1) Ein solches Selbst- und Lebensverständnis setzt Kraft frei und nicht weniger Mut und Vertrauen und Trost in guten wie in schweren Tagen, fürs Leben und auch dann, wenn es ans Sterben geht.

Im Bibelwort für heute wird dieser Aspekt wieder auf ganz eigene Weise ausgedrückt: Er, der Erbe, „trägt alle Dinge mit seinem kräftigen Wort“ – also die Sterne und die Atome, das Eichhörnchen und die Rose und deshalb auch uns und unser ganzes Leben. Deshalb können wir uns auch mitten in allen Turbulenzen, die dieses Leben mit sich bringt, auf das Wort Gottes verlassen. Es ist ein Wort, nicht nur so dahingesprochen, sondern Gestalt geworden, Mensch geworden, Geschichte geworden: unter uns lebend bis heute, damit wir mit ihm lebe -  heute und allezeit und in Ewigkeit.

Amen.

 

 

Predigttext:
Pfarrer Johannes Zultner,
Weihnachten 2003
Christfest am 1. Weihnachttag 25.12.2003 ,
Katharina von Bora-Haus Berg

Thema: „...zu uns geredet durch den Sohn”
             Hebräerbrief 1, 1-6

 

Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
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