Predigttext:
Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns,
Heiligabend (Christvesper) ,
Kirche Sankt Johann Baptis in Berg

Thema: Weihnachtsgeschichte
             Lukas 2, 10-14

 

Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkünde euch große Freude, die allem Volk widerfahren soll, denn euch ist heute der Heiland geboren, Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden unter den Menschen; denn  für sie hat sich Gott entschieden (andere Übersetzung: „seines Wohlgefallens“).

 

Das Weihnachtsfest übt eine ungebrochene Anziehungskraft auf uns aus, liebe Gemeinde. So viele Gottesdienste feiern die Kirchen an keinem anderen Fest des Kirchenjahres. Das Geheimnis, das dahinter steht, verstehen wir, wenn wir unsere eigenen Lebenserfahrungen betrachten. Denn die besagen, daß uns nichts so sehr berührt wir die Geburt eines Kindes und der Tod eines nahen Menschen. Für die meisten von uns sind solche Erfahrungen sogar noch wichtiger als der Anfang oder das Ende einer Liebe. Um das Unbegreifbare, das sich mit allem Anfang und Ende verbindet, geht es zwar in all diesen Erfahrungen. Aber nur bei der Geburt und dem Tod von Menschen geht es auch zugleich um unser Woher und unser Wohin.

Als ich vor fast neun Jahren eine Konfirmandengruppe danach gefragt hatte, was sie denn am Glauben überhaupt interessiere, sagten die meisten Jungen und Mädchen: Woher wir kommen und wohin wir gehen. Biologisch war das natürlich keine Frage mehr für sie. Was sie wissen wollten, betraf jene andere Dimension von Leben, zu der die Naturwissenschaften schweigen und die dennoch ernstgenommen werden will. Denn nur, wenn wir etwas sagen können zu unserem Woher und Wohin, können wir auch etwas zu dem Leben sagen, das wir zwischen den beiden Toren unserer Lebenszeit haben.

Das ist im Blick auf die Gestalt, die in unserem Glauben die zentrale Rolle spielt, nicht anders. Im Gegenteil: Die Geschichten, die von der Empfängnis und Geburt Jesu auf der einen Seite und von seinem Sterben und Auferstehen auf der anderen Seite handeln, nehmen in unseren Überlieferungen einen sehr großen Raum ein. Doch nicht nur die Bibel, auch die Kunstgeschichte zeugt davon. Und all diese Zeugnisse sagen, daß Jesus ganz und gar in unser Leben hineingehört, an ihm Anteil hat. Was seine Geburt angeht, spricht davon das (eine) Zeichen, das die Hirten erhalten: Ein Kind liegt in Windeln gewickelt. Nichts Heiliges also? Denn schlichter geht es ja nicht. Aber gerade in dieser Schlichtheit wird das Wunder, das Heilige, dieser Geburt sichtbar. Kaiserliches Gold würde es verstellen: Der Heiland Gottes wird geboren, begleitet von den Schmerzen der Mutter und der Unsicherheit und Angst der anderen. Wie alle anderen Kinder auch. Mit seiner Geburt macht Gott offenbar, daß er sich für die Menschen – daß er sich für uns – entschieden hat. Sein Wohlgefallen richtet sich darauf, daß wir mit allen anderen Geschöpfen zusammen in Frieden leben. Gott ist also ganz und gar als Gott für uns zu verstehen. Ja, Gott und Menschen sind nicht voneinander zu trennen. Wenn wir das wirklich glauben, hat das Auswirkungen darauf, wie – und das heißt: von woher - wir unser Leben verstehen, und was ein gutes Leben ist.

Martin Luther hat einmal von einem frommen Mann erzählt. „Der wollte schon in diesem Leben in den Himmel kommen. Darum mühte er sich ständig in den Werken der Frömmigkeit und Selbstverleugnung. So stieg er auf der Stufenleiter der Vollkommenheit immer höher empor, bis er eines Tages mit seinem Haupte in den Himmel ragte. Aber er war sehr enttäuscht: Der Himmel war dunkel, leer und kalt. Denn Gott lag auf Erden in einer Krippe.“ Als Juri Gagarin, der erste Weltraumfahrer, 1961 nach seiner Erdumrundung zur Erde zurückkam, hat er bekanntlich verkündet, er habe keinen Gott im Himmel über der Erde gefunden. Die Sowjets meinten damals, den Glauben auf diese Weise widerlegt zu haben. Doch hätten sie Luther gelesen oder gar die Weihnachtsgeschichte selbst, hätten sie gemerkt, daß ihr Gottesbild schon seit 2000 Jahren veraltet war. Denn seit Jesu Christi Geburt ist klar, daß Gott da ist, wo Menschen leben.  Das gilt aber nicht irgendwie, sondern so, wie Tolstoi es einmal formuliert hat: „Wo Liebe ist, da ist Gott.“ Deshalb sollen wir alle Liebe, die Gott gelten will, auf seine Geschöpfe richten. Und alle Liebe, die wir Menschen und Tieren geben, nimmt Gott als Liebe an, die ihm gilt.

Was aber das Ende unseres Lebens angeht, so haben wir es in unserem zerbrechlichen Leibe schon seit unserer Geburt an uns. Doch weil Gott sich Weihnachten unlösbar mit uns verbunden hat, weist dieses Fest sogar über unseren Tod hinaus: in die große Verwandlung, in die alles Leben hinein geboren wird und in die hinein es stirbt. Von dieser großen Verwandlung wissen die Religionen im Grunde nur eines: daß sie mit Licht zu tun hat, mit Licht, das das Dunkel des Todes erhellt. Deshalb das Licht in dieser winterlichen, langen Heiligen Nacht. Und die vielen Lampen, die jetzt in den Gärten leuchten, sind bewußt oder unbewußt ein Zeichen der Sehnsucht nach diesem Licht und nach dieser Verwandlung.

Noch aus einem anderen Grund aber reden wir von dieser Nacht zu Recht als von der Heiligen Nacht. Denn indem sie unseren Blick immer wieder auf die Geburt und die Geborenen lenkt, lehrt sie uns auch, wie wohltätig Gott die Welt und unser Leben vor der Vergreisung bewahrt; er hält das Leben zukunftsoffen und hoffnungsvoll, unabgeschlossen und voll von Neuem, das nie zuvor dagewesen ist. Daß das so ist, gehört zu Gottes Schöpferkraft, die sich in der ersten Schöpfung nicht erschöpft hat, sondern weiter wirkt und das Leben verwandelt. Noch im Sterben werden wir ihr wunderbar begegnen.

Diese Kraft Gottes verwandelt aber auch ihn selbst. „Gott wird Mensch dir Mensch zugute, Gottes Kind, das verbindt sich mit unserm Blute.“ Gott hat sich in der Weihnachtsgeschichte – wenn Ihr mir den Ausdruck gestattet – selbst verjüngt, hat das Bild von einem Gott, der dem Leben fremd gegenübersteht und nur willkürlich eingreift, zerstört. Er ist als Menschenkind geboren worden. Das ist eine Liebeserklärung an uns und zugleich ein unerhörtes Gottesprogramm. Denn es bedeutet nicht mehr und nicht weniger als eine Neuschöpfung Gottes: Heraus aus der Allmachtsfigur, und hinein in die Kindesgestalt; heraus aus der Menschenferne, und hinein in die Zerbrechlichkeit eines menschlichen Leibes, der unendliche Liebebedürftigkeit ausstrahlt. Liebebedürftig zu sein, ist die Würde der Kinder, aber seit Jesu Geburt auch Gottes eigene Würde. Und die macht ihn und alle Menschenkinder aller Liebe wert.

Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns, Berg

 

Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
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