Liebe Gemeinde,

Kinder in der Schule stellen mich manchmal durch schlaue Fragen auf die Probe. Einmal wurde ich gefragt: "Was tun alle Dinge, alle Wesen, alle Menschen in jedem Augenblick?"

Mir fiel keine Antwort ein. Schließlich erlösten mich die Kinder, und die Antwort war ebenso einfach wie einleuchtend: "Sie werden älter".

Dieses Spielchen, von den Kindern eher zum Zeitvertreib gedacht, führte zu einem angeregten Gespräch über Zeit und Ewigkeit. Dabei wurde mir ein großer Unterschied klar: Kinder leben in dem Gefühl, noch alles vor sich zu haben. Ich aber als Erwachsener hatte den Eindruck, so vieles sei schon gelaufen, und was noch nicht gelaufen sei, das laufe mir gerade davon. - "Ja, du bist älter geworden, auch in dieser Stunde", so sagte ich mir auf dem Heimweg.

"Alles wird älter, jeden Augenblick". Die Zeit, mit ihrer Einbahnstraße, scheint die einzige Macht zu sein, der wir alle wirklich unterworfen sind, völlig ausgeliefert. Kein einziger Schritt zurück ist möglich, keine Sekunde wiederholbar. Wir sitzen in einem Zug, der ohne Unterbrechung weiterfährt. Nur die Geschwindigkeit scheint sich manchmal zu ändern und die Landschaft.

Wer sich in dem fahrenden Zug umschaut stellt fest, dass bekannte Gesichter, die eben noch da waren, plötzlich weg sind. Neue Menschen sind da und schauen aus dem Fenster, und mancher merkt dann, dass er fremd geworden ist in der neu zusammengesetzten Reisegesellschaft. Wo die anderen hin sind, die vertrauten Reisegefährten, das weiß keiner. Nur, dass sie  nicht mehr kommen. Das scheint gewiss.

Wir alle sitzen in diesem Zug, liebe Gemeinde. Wir fahren mit, wir können nicht aussteigen. Die Zeit nimmt uns mit. Und irgendwann, - dem einen früher, dem anderen später -, schießt die erschreckende Frage durch den Kopf: Gibt es da auch einen Zugführer? Sitzt überhaupt jemand in der Lokomotive? Oder rast der Zug führerlos durch die Landschaft?

Ich glaube, diese Frage beschäftigt viele Menschen. "Runaway Train" - so hieß ein Lied, dass vor zehn Jahren auf den ersten Plätzen der europäischen Hitparade zu finden war. "Runaway Train -  Führerloser Zug".  Damals brachte eine meiner Konfirmandinnen dieses Lied mit, wir hörten es an und lasen den Text. Und es handelte genau von dieser Ungewissheit und Angst: Wohin führt mein Leben, wenn ich es nicht führen kann und keiner mir hilft, es zu führen? Wenn keiner mir sagt, wohin die Reise geht oder gehen soll?

Was wird sein, wenn wir am Ziel sind? Werden wir dort die Verschwundenen vielleicht wieder sehen? Und wie gelangen wir ans Ziel, wenn wir, schon vor der Ankunft, auch zu den Verschwundenen gehören? Gibt es einen Fahrplan für diesen Zug, wartet jemand am Ziel auf die Reisenden, und was wird dort mit ihnen geschehen ?

Hören Sie eine Antwort auf diese Frage, eine Antwort aus der Bibel, aus dem Buch Daniel im 12. Kapitel (1b-3):

Zu jener Zeit wird dein Volk errettet werden, alle, die im Buch geschrieben stehen. Und viele, die unter der Erde schlafen liegen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die anderen zu ewiger Schmach und Schande. Und die da lehren, werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich.

Eine Antwort. Aber auch neue Fragen.

Zunächst erfahre ich, dass diese Reise ein Ziel hat. "Jene Zeit", die Zeit der Ankunft, es wird sie geben. Runaway Train - führerloser Zug?  Nein. Jemand weiß, wohin der Zug fährt und wann er da sein wird.

Und dann erfahre ich, dass es so etwas wie Passagierlisten gibt, wie auf einem Schiff: "alle, die im Buch geschrieben stehen", heißt es. All diese werden ankommen. Bin ich auch dabei? Steht mein Name auch drin? Wenn wir genau nachdenken, dann könnte dies für manchen die wichtigste Frage sein. Wo finde ich eine Antwort auf diese Frage?

Und da, liebe Schwestern und Brüder, da höre ich eine Stimme. Und nicht zum ersten Mal, aber vielleicht nach langer Zeit zum ersten Mal wieder: "Freuet euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind." Es sind die Worte unseres Heilandes Jesus Christus. Und wir wissen auch, wann dies geschehen ist, dass unser Name im Himmel aufgeschrieben wurde: Bei der Taufe. Da wurde unser Name ausgesprochen, nicht nur vor den anwesenden Menschen, sondern auch vor Gott. Und in diesen Namen, da sind wir dann hineingewachsen, der Name enthält unser ganzes Leben, wir sind eins mit ihm. Deshalb tun wir ja auch so vieles, um unseren Namen vor Beschädigung zu bewahren. Aber auch davor, dass er verloren geht, unser Name oder der Name von Menschen, die uns nahe stehen. Doch bei diesem Bemühen, Namen und Leben vor der Vergänglichkeit zu schützen sind wir ziemlich machtlos. Auf den Friedhöfen, da werden die Namen in Stein gemeißelt, ein dauerhaftes Material. Und doch habe ich Grabsteine gesehen, wo der Regen und die Zeit die Namen weggewaschen haben. Im Olympiazentrum in München sind die Namen aller Olympiasieger von 1972 auf Platten in Beton eingegossen. 30 Jahre erst seit damals -  und sie sind fast schon verwittert, die berühmten Namen der umjubelten Sieger. Schon zu Lebzeiten ist die Vergänglichkeit am Werk. Im Sterben hat sie dann ihr Ziel erreicht.

Wir alle erinnern die Namen unserer Verstorbenen, besonders am heutigen Tag. Doch das einmalige Menschenleben, das sich mit dem Namen einst unlöslich verband, entschwindet unserer Erinnerung immer mehr. Wir müssen loslassen

Wir müssen ...   Das klingt hart, und das ist hart. Manche von uns spüren das heute besonders. Und doch: Ich möchte Ihnen sagen, dass wir einen guten Grund haben, für dieses Erleben andere Worte suchen: "Wir dürfen loslassen", statt "wir müssen". Das ist für mich doch ein großer Unterschied. Unser Bemühen, ein Leben und seinen Namen festzuhalten, stößt an Grenzen. Ganz gleich, ob es um die geht, die aus dem Zug der Zeit verschwunden sind, oder um uns, die wir noch Reisende sind, aber auch einmal zu jenen gehören werden. Wir dürfen loslassen. Wir dürfen aufhören, unseren Namen in Stein herumzutragen, der das Leben schwer macht, aber doch nicht bewahren kann. Wir dürfen loslassen, weil unsere Namen dort aufgeschrieben sind, wo die Zeit sie nicht mehr wegwischen kann: Im Himmel. Und das bedeutet für mich: In der Erinnerung Gottes. In Gottes barmherziger Erinnerung ist jeder Name, ist jedes Leben aufbewahrt: Jedes Leben, das die Liebe Gottes nicht zurückgewiesen hat.

"Die da schlafen liegen, werden aufwachen." Auch diese Worte hören wir in der biblischen Antwort aus dem Danielbuch. Mir wird klar, dass unsere Verstorbenen noch nicht am Ziel sind. Sie haben den Zug verlassen, der durch die Zeit fährt, und bleiben zurück. Auch wir werden einst dazugehören. Und doch -  auch dieses Zurückbleiben ist ein Teil unserer Reise zu Gott. "Sie liegen schlafen"  - das sind Worte, die es uns leichter machen, an unsere Toten zu denken, die es uns auch leichter machen, an unserer eigenes Sterben zu denken.

Und dennoch spüren wir, dass der Tod unser größter Feind ist: Er entreißt, was wir lieben; er entreißt auch uns dem Leben. Im Tod sind alle Menschen zunächst die Besiegten, die Geschlagenen, noch nicht die Erlösten. Der Tod selber ist kein sanfter Schlaf. Weil wir dies spüren, ist unsere Trauer um andere, ist unsere Angst um uns selbst begründet. Und dennoch stimmen für uns Christen diese liebevollen Worte der Bibel: "Die Toten liegen schlafen". Sie stimmen deshalb, weil mitten im Tod und Sterben Gottes Hände uns umfangen. Unsere Toten sind tot, wir Sterbliche werden sterben. Doch all dieses geschieht nicht fern von Gott, sondern eingebettet in seine große Liebe und Barmherzigkeit. Vom Tod geschlagen und besiegt zu sein bedeutet nicht, aus Gottes Händen zu fallen. Und vor allem bedeutet es nicht das Ende !

Denn Gott will retten: Sein Volk, alle, die im Buch geschrieben stehen. So haben wir bei Daniel gehört. Dies ist wichtig: Wir werden gerettet nicht als einzelne, sondern durch unsere Zugehörigkeit zum Volke Gottes. Bei Daniel war damit noch das Volk Israel gemeint. Bei uns ist es die Gemeinschaft der Getauften und im Glauben Hoffenden, kurz: Die Gemeinschaft der Kirche. Alle, die ihre Zugehörigkeit zur Kirche Christi leben und gelebt haben, sind in das Erlösungshandeln Gottes hinein genommen.

Der Tod spricht sein Wort, und er spricht es noch immer mit Macht und ohne Ausnahme. Die vom Tod Geschlagenen fallen jedoch nicht aus Gottes Hand, sondern sind geborgen: Sie liegen schlafen. Aber diese Geborgenheit der Toten, so tröstlich sie ist, ist noch nicht alles, was Gott an uns tut. Er hat noch ein letztes Wort, denn das Machtwort des Todes, so endgültig es uns scheint, ist nur das vorletzte. Das letzte Wort hat Gott, und mit diesem letzten Wort weckt er die von ihm Geborgenen in ein neues Leben auf: "Die da schlafen liegen, werden aufwachen." Und ich traue mich jetzt zu sagen, wie das letzte Wort, das Gott vorbehalten ist, heißt: Es heißt "Jesus Christus". Und dieser Name unseres brüderlichen Erlösers ist verbunden mit unserem menschlichen Namen:

Weil Jesus an unserem sterblichen Leben vollen Anteil nahm, dürfen wir Anteil nehmen an seinem unsterblichen Leben.

Hinter diese Verheißung möchte ich als Verkündiger der Liebe Gottes niemals zurückfallen.

Der Zug, der durch die Zeit fährt, hat ein Ziel. Wir, die Menschen darin, erleben Glück und Not. Wir wissen einen guten Begleiter bei uns, und das Ziel leuchtet uns entgegen. Wir dürfen Hoffnung empfangen, aber auch Hoffnung teilen: anderen davon erzählen, andere auf dem Weg begleiten. Dann gilt für uns auch der letzte Satz aus der Verheißung an Daniel: "Die andere lehren, werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne immer und ewiglich." 

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, er bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Predigttext:
Pfarrer Johannes Zultner,
Ewigkeitssontag 2003, Katharina von Bora-Haus Berg 

Thema: „Runaway Train ?“  
             Daniel 12,1b-13

 

Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
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