Predigttext:
Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns,
19. Sonntag nach Trinitatis 2003 ,
Katharina von Bora-Haus Berg

Thema: „Wie viele stehen hinter mir ?“
             2. Samuel 24 (in Auszügen gelesen)

 

Liebe Gemeinde,

das Beste an der Bibel ist, daß sie uns nicht gehört. Und das heißt auch: daß sie vor möglichen Übergriffen von uns auf sie geschützt ist. Denn wie die heiligen Schriften der anderen Religionen auch – will sie nur eins: Gott und sein Wirken bezeugen. Was Menschen von Gott in ihrer jeweiligen Zeit und Kultur wahrgenommen und verstanden haben, das ist in ihnen überliefert. Deshalb scheint durch die von Menschen geschriebenen biblischen Bücher tatsächlich überall Gottes Wort hindurch. Und zwar auch dann, wenn das biblische Zeugnis wie in der verlesenen Geschichte in einer Gestalt daher kommt, die uns heute eher fremd erscheint. Die wir nur mühsam oder gar nicht mehr mit unseren Vorstellungen von Gottes Liebe verbinden können.

Und doch kann uns gerade ein solch fremdes biblisches Zeugnis manchmal die Augen für unsere eigene Gegenwart öffnen. Die verlesene Geschichte von der Truppenzählung, die König David durchgeführt hat, gehört zu ihnen. Mir ist es wie Schuppen von den Augen gefallen, als ich sie dieser Tage wieder gelesen habe. Und so habe ich mich entschlossen, sie für heute, mitten in dem großen Streit, der unsere Kirchengemeinde zu zerreißen droht, auch als Predigttext zu nehmen. Auch im Blick auf den Reformationstag, der vor uns liegt und zu dem die Seligpreisungen der Bergpredigt als Evangelium gehören, kann uns diese Geschichte helfen. Denn sie ruft zur Besinnung auf Gott. Einzig bei ihm und durch ihn finden wir den Weg, der uns aus Krisen hilft: den Weg zum Frieden.

Aber gehen wir in die Geschichte hinein. Ich erzähle sie mit einigen Anmerkungen nach. Sie beginnt damit, daß Gott selbst sie durch die Aufforderung an David, die Zahl der kriegsfähigen Männer zu zählen, in Gang setzt – und zwar aus Zorn über Israel. Warum er so zornig ist, daß dann 70.000 Menschen sterben müssen, erfahren wir nicht. Und weil es überhaupt widersinnig erscheint, daß Gott Menschen sterben läßt für etwas, wozu er selbst den König aufgereizt hat, ändert die andere Version, die wir von dieser Geschichte im 1. Chronik-Buch haben, den Anfang ab: 1. Chr. 21, 1 heißt es nun: „Und Satan trat gegen Israel auf und reizte David, das Volk zählen zu lassen.“ Man sieht die Theologie dahinter: Der Verfasser vom 2. Samuelbuch glaubte, daß alles, was geschieht, von Gott kommt. Der Verfasser des 1. Chronikbuches dagegen glaubte: Von Gott kann nichts Böses kommen, das er dann bestrafen müßte, um schließlich die Strafe wieder zu bereuen. Und so ersetzt er „Gott“ durch „Satan“.

So oder so – David läßt die ihm ergebenen Männer in Israel und Juda zählen. Und es kommt Böses dabei heraus. Am Ende seines Lebens will er wissen, wieviel Leute hinter ihm stehen, wie stark er in seiner Regierungszeit geworden ist. Sein oberster General hatte ihn noch aufzuhalten versucht und sich erlaubt, auf Gott zu verweisen. ‚Wie kommst du denn auf die Idee, das Heer zählen zu lassen!’ fragt er ganz entsetzt. ‚Wenn Gott will, kann er die Macht des Heeres, das du hast, verhundertfachen!’ (2. Sam. 24, 3) Anders ausgedrückt: ‚Wenn Gott mit dir ist, reicht dein Heer aus, und wenn er nicht mit dir ist, dann helfen dir deine Zählsoldaten auch nicht zum Sieg.’ Aber David will die große Zahl. Sein Heer soll Eindruck machen im eigenen Volk und auch bei den Nachbarn. Eine Million und dreihunderttausend kampffähige Männer stehen hinter ihm, kommt schließlich heraus. Und das im 10. Jahrhundert vor Christus. Welch eine Schlagzeile hätte das gegeben!

Aber als er die große Zahl kennt, ist ihm merkwürdigerweise nicht zum Triumphieren zu Mute, sondern speiübel. Er hat begriffen, worum es ihm bei der großen Zahl in Wirklichkeit gegangen ist: Nicht um Gottes Ehre, nicht um Israels Leben, sondern einzig um sich selbst, um seine Größe und Herrlichkeit, seinen Machtanspruch, ja, seine Unanfechtbarkeit. Das erkennt David nun blitzartig: Es war Selbstbetrug: „Ich habe schwer gesündigt mit dem, was ich getan habe.“ „Ich habe töricht gehandelt“ (2. Sam 25, 10). Aber der Gott, mit dem David damals zu tun hatte, wollte nicht nur ein Bekenntnis, sondern Sühne. David kann die Strafe wählen – und wählt nicht die, die er allein tragen müßte – nämlich vom Feind verfolgt zu werden, fliehen zu müssen - , sondern er wälzt die Sühne auf das Volk ab. Die Volksgemeinschaft muß leiden für das „Verlangen“ des Königs nach demonstrierbarer Stärke (V. 3), muß die Folgen ausbaden. Mitten in die Erntefreude hinein rast der Würgeengel (V. 15f.) übers Land, tötet 70.000 Bauern und macht erst vor der Stadt Jerusalem Halt. Und dort baut David einen Altar, den Salomon später mit einem Tempel überhöht.

Keine schöne Geschichte, aber eine, deren Muster viele Herrscher und Inhaber von leitenden Ämtern zu Lasten der ihnen anvertrauten Menschen in der Geschichte durchgespielt haben. Es ging ihnen um die eigene Größe. Aber das Licht und der Schatten der Erzählung fallen auf uns. Damit meine ich nicht etwa, es sei falsch, daß die Kirchen ihre Steuern zählen. Dazu verpflichtet sie verantwortliche Haushalterschaft. Das Problem beginnt dort, wo Menschen gezählt werden, um die wahre Stärke des Volkes Gottes herauszufinden – egal, ob es sich beim Gottesvolk um das Volk Israel im 10. Jh. v. Chr. handelt, um die evangelische oder katholische Kirche oder um Gruppen in einer Kirchengemeinde. Die wahre Stärke einer Gemeinde oder Gruppe liegt im Vertrauen auf die Gegenwart Gottes, liegt in seiner Stärke und in der Kraft des Evangeliums, wie sie die Seligpreisungen Jesu (Mt 5, 3-10) zusammengefaßt haben:

Mit Gott verbinden uns die Bereitschaft zur Armut durch den Geist, die Fähigkeit loszulassen und zu trauern, aber auch Sanftmut, die Bereitschaft zu leiden, damit nicht nur wenige, sondern alle gerecht behandelt werden, Barmherzigkeit, ein reines Herz ohne das Schielen nach eigener Größe, und schließlich die Fertigkeit, Frieden zu stiften – diese christlichen Tugenden entscheiden über die wahre Größe und Stärke einer christlichen Gemeinde, über unsere Seligkeit. Dabei stellt die Fähigkeit, Frieden zu stiften, friedfertig zu leben, statt Menschen gegeneinander aufzubringen, in gewisser Weise das Zentrum dar. Denn den Friedfertigen wird versprochen, daß sie Söhne Gottes heißen sollen. Der Friedfertige kriegt von Christus nicht mehr und nicht weniger als den Titel „Gottessohn“ zuerkannt. Denn der steht hier im Hintergrund und wird von Jesus in den Plural gesetzt: Die Friedfertigen stellt Jesus Christus mit sich gleich. Hier in Berg wie in Starnberg. Das ist die Schlagzeile, die fehlt.

Um die Wahrheit herauszufinden, ob die frei gewählte Gemeindeleitung und ein Pfarrer gedeihlich zusammenarbeiten können, muß von der Kirche gefragt werden, wie es mit diesem inhaltlichen Zentrum des Evangeliums steht. Wirken sie gemeinsam auf das eine Ziel hin: „daß die Menschen eure schönen Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (Mt 5, 16), oder droht das Evangelium durch Streit und Spaltung der Gemeinde unkenntlich zu werden, wird es zum Opfer? An dieser Frage müssen sich alle messen lassen. Ob dreihundert oder tausend oder weniger hinter jemandem stehen, ist die falsche Frage. Es geht auch nicht um Revolution von der Straße gegen eine böse Obrigkeit. Das wäre der Weg in die Freikirche, und ist nicht unser Weg. Zwei oder drei, die wirklich in seinem Namen handeln, können Gemeinde bilden, sagt Jesus (Mt 18,20): denn „da bin ich mitten unter ihnen“. Warum reicht selbst diese kleine Zahl? Weil Gott alles, womit er im Bunde ist, verhundertfachen kann, hat der General zu David gesagt. Wenn es um Wahrheit geht, gilt Jesu Wort: Eure Rede sei: Ja, ja, oder: Nein, nein. Was darüber ist, das ist vom Bösen.“ (Mt 5, 37) Denn es gibt nichts, was über der Wahrheit des Evangeliums stünde.

Die Erinnerung an den Beginn der Reformation 1517 steht in dieser Woche an. Sie kann uns die Richtung weisen, worauf wir trauen und hoffen können. Ganz ohne Angst. Und im Rahmen der guten Ordnung, die uns die Reformation beschert hat. Unser evangelisches Kirchenrecht lebt im Kern vom Evangelium, indem es vom allgemeinen Priestertum aller getauften Gläubigen ausgeht. Denn: die Taufe ist nach evangelischem Kirchenverständnis die Priesterweihe aller Gemeindeglieder. Evangelische Pfarrer werden für ihren Dienst in den Gemeinden zusätzlich ordiniert, aber nicht in einen besonderen geistlichen Stand versetzt, wie katholische Priester. Das ist für Katholiken schwer verständlich (man merkt es, wenn man die SZ liest), ist aber zentral für unser Kirchenrecht. Darum haben in unseren Kirchen die von den Gemeinden zu Mitgliedern des Kirchenvorstands frei gewählten Laien in diesem Gremium zu Recht die Mehrheit. Mit ihnen zusammen – und nicht über ihnen stehend – haben Pfarrer teil an der Gemeindeleitung. Wer etwas anderes will, will zurück hinter die Reformation. Pfarrer tun auf Zeit Dienst in den Gemeinden, und es ist nicht umgekehrt, daß Gemeinden ihrem Pfarrer dienen müßten. Darum hat die Mehrheit der Gemeindeleitung auch das Recht, ja, im Grunde die Pflicht, auf eine Beendigung des Dienstverhältnisses eines Pfarrers bei der Kirchenleitung zu drängen, wenn sie zu dem Schluß kommt, daß die Zusammenarbeit mit dem Pfarrer nicht gedeihlich verläuft und keine Besserung zu erwarten ist. Dafür müssen freilich gewichtige Gründe sprechen, Gründe, die die Kirchenleitung mit allem Ernst und aller Sorge für den Schutz der Beteiligten zu prüfen und zu bewerten hat. Für die Basis unserer Kirchenordnung hat der Apostel Paulus 1. Korinther 14, 29 die Richtschnur ausgegeben: Die Geistlichen sollen in der Gemeinde reden, aber die Gemeinde soll ihr Reden beurteilen.

Jeder kann in einer Gemeinde für seine Ansichten demonstrieren. Natürlich. Aber wer das Kirchenrecht ändern will, der muß einen Antrag an die Landessynode stellen. Doch wer gegen das Kirchenrecht und gegen Verfahren, wie sie kirchliche Ordnungen vorsehen, ankämpft, weil er seine Meinung unbedingt und an ihnen vorbei durchsetzen will, der greift ein Fundament der Reformation an. Die wollte geschwisterliche und keine herrschaftlichen Strukturen in der Kirche, ihr Fundament ist von keiner Demonstration zu beeindrucken. Die Bibel, die uns zu unsrem Glück nicht gehört, kann uns helfen, daß wir als Gemeinde den Weg zum Frieden gehen. Gott sei Dank.

Ihr habt zu beurteilen, was ich gesagt habe. Darum steht Euch das Amen zu.

Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns, Berg
26.10.2003

 

Davids Volkszählung und deren Folgen.

24,1 Und wieder entbrannte der Zorn des HERRN gegen Israel. Und er reizte David gegen sie auf zu sagen: Geh hin, zähle Israel und Juda! 24,2 Da sagte der König zu Joab, dem Heerobersten, der bei ihm war: Zieh doch umher in allen Stämmen Israels, von Dan bis Beerscheba! Ihr sollt das [Kriegs]volk mustern, damit ich die Zahl des Volkes kenne! 24,3 Joab aber sagte zum König: Der HERR, dein Gott, mag zu dem Volk, so viele sie auch sein mögen, [noch] hundertmal [mehr] hinzufügen, während die Augen meines Herrn, des Königs, es sehen! Aber mein Herr [und] König! Warum [denn] hat er Gefallen an einer solchen Sache? 24,4 Doch das Wort des Königs blieb fest gegen Joab und gegen die Obersten des Heeres. So zogen Joab und die Obersten des Heeres vor dem König aus, um das Volk Israel zu mustern.

24,8 Und sie zogen im ganzen Land umher und kamen am Ende von neun Monaten und zwanzig Tagen nach Jerusalem [zurück]. 24,9 Und Joab gab dem König das Ergebnis der Musterung an. Und zwar gab es in Israel 800 000 Wehrfähige, die das Schwert zogen, und die Männer von Juda waren 500 000 Mann.
24,10 Aber nachdem David das Volk gezählt hatte, schlug ihm das Herz. Und David sagte zum HERRN: Ich habe sehr gesündigt mit dem, was ich getan habe. Und nun, HERR, laß doch die Schuld deines Knechtes vorübergehen, denn ich habe sehr töricht gehandelt! 24,11 Und als David am Morgen aufstand, da geschah das Wort des HERRN zu dem Propheten Gad, dem Seher Davids, wie folgt: 24,12 Geh hin und rede zu David: So spricht der HERR: Dreierlei lege ich dir vor! Wähle dir eins davon, daß ich es dir tue! 24,13 Und Gad kam zu David und teilte ihm [das] mit und sagte zu ihm: Sollen dir sieben Jahre Hungersnot in dein Land kommen? Oder willst du drei Monate vor deinen Bedrängern fliehen, während sie dir nachjagen? Oder soll drei Tage lang Pest in deinem Land sein? Nun überlege und sieh zu, was für eine Antwort ich dem zurückbringen soll, der mich gesandt hat. 24,14 Und David sagte zu Gad: Mir ist sehr angst! Laß uns doch in die Hand des HERRN fallen, denn seine Erbarmungen sind groß! Aber in die Hand der Menschen laß mich nicht fallen!

24,15 Da gab der HERR die Pest in Israel, vom Morgen an bis zu der bestimmten Zeit. Und es starben von dem Volk, von Dan bis Beerscheba, 70 000 Mann. 24,16 Und als der Engel seine Hand [über] Jerusalem ausstreckte, um es zu vernichten, da hatte der HERR Mitleid wegen des Unheils, und er sprach zu dem Engel, der unter dem Volk vernichtete: Genug! Ziehe jetzt deine Hand ab! Der Engel des HERRN war aber gerade bei der Tenne Araunas, des Jebusiters. 24,17 Und als David den Engel sah, der das Volk schlug, sprach er zu dem HERRN und sagte: Siehe, ich habe gesündigt, und ich habe verkehrt gehandelt! Aber diese Schafe, was haben sie getan? Laß doch deine Hand gegen mich und gegen das Haus meines Vaters sein!

24,18 Und Gad kam zu David an jenem Tag und sagte zu ihm: Geh hinauf, errichte dem HERRN einen Altar auf der Tenne des Jebusiters Arauna.

Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
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