Predigttext:
Pfarrer Johannes Zultner,
Erntedankfest 2003 , Pfarrkirche Aufkirchen Berg

Thema: „Gegen den Narrentod“   Lukas 12, 15b-21

 

Nachts im Bett, im Gespräch mit meiner Seele. Wie kann meine Seele ruhig werden? Ruhig vor dem nächsten Morgen und Tag, der so viele Sorgen bringt? Ruhig vor den Jahren, die kommen, und die nur eines mit Sicherheit bringen: die Unsicherheit.

So liege ich da, im Dunkeln, im Gespräch mit meiner Seele.

Am Morgen stehe ich auf, früher als geplant, denn ich muss etwas tun. Ich muss tätig werden, wegen meiner Seele, die Nachts nicht schlafen kann.

So sind wir Menschen, so leben wir. Die Zukunft, in die wir hineingehen, ist leer. Wir müssen heute etwas haben, das wir in den morgigen Tag mit hineinnehmen, um morgen leben zu können. Und wenn wir heute sogar etwas für übermorgen haben, ist es noch besser.

 „Unser tägliches Brot gib uns heute“, so beten wir im Vaterunser. Diese Übersetzung aus dem Griechischen des Neuen Testaments ist umstritten, obwohl seit Jahrhunderten üblich. Unser tägliches Brot: „ton arton hemon ton epiousion” – “ton arton hemon ton epi-ousion“, oder lateinisch “panem nostrem supersubstantialem”.

Bedeutende Exegeten sind inzwischen der Meinung, dass mit diesem „täglichen Brot“ das Brot von morgen gemeint ist, so dass die Vaterunserbitte lauten müsste: „Das Brot von morgen gib uns heute“, oder noch genauer: „Das Brot, das wir morgen brauchen, gib uns schon heute“. Diese Übersetzung kannte sogar schon der Augsburger Reformator Wolfgang Musculus, der dabei auf einen theologischen Text der frühen Christenheit zurückgriff, der verschollen ist.

Damit die Seele schlafen kann: „Das Brot, das wir morgen brauchen, gib uns schon heute“. Im Heute müssen wir etwas haben, um es ins Morgen und Übermorgen mit hineinzunehmen, denn die Zukunft ist leer, ein nackter Raum.

So, liebe Gemeinde, entstanden die großen Erntefeste. Nicht nur in der Bibel, sondern in vielen Religionen. Eine gute, eine große Ernte bedeutet: Ich habe etwas, das mich morgen und übermorgen leben lässt. Ich muss nicht nackt in die nackte Zukunft gehen. Ich nehme mit, was ich zum Leben brauche.

Deshalb waren die Erntefeste wirkliche Freudenfeste, ausgelassen, verschwenderisch, in manchen Kulturen orgiastisch. Das Oktoberfest hat wohl auch diesen Ursprung und enthält noch etwas von diesem Kern: Wir können feiern, denn wir haben etwas, das wir in die kahle und kalte Jahreszeit mit hineinnehmen können, etwas, das uns von innen her wärmt und ernährt.

So ist unser menschliches Leben auf Erden darauf angewiesen, Vorräte zu haben, Vorräte anzulegen: für die nahe Zukunft, für die fernere Zukunft. In den agrarischen Kulturen sind es die Früchte des Feldes, aber nicht nur diese. Für die nahe Zukunft reichen sie. Aber für die fernere Zukunft, für das Alter, da muss ich mir einen Vorrat nicht an Nahrung, sondern an Menschen zulegen: möglichst viele Kinder, die dann für mich sorgen.

Und auch ich hier, im hochtechnisierten Mitteleuropa, werde täglich und zunehmend belehrt, dass ich am besten schon jetzt einen Vorrat für mein Alter anlegen soll: Einen Vorrat nicht an Kindern, sondern an dem, was dieser westlichen Welt liebstes Kind ist: an Geld. Ein bisschen davon wird nicht reichen. Ein bisschen mehr auch nicht. Es muss schon richtig was auf dem Konto sein, damit wir halbwegs in Ruhe ergrauen können. Aber Gott sei Dank gibt die hohe Politik, gerade die christlich sich nennende, uns die Chance, noch ein paar Jahre länger für diesen Vorrat arbeiten zu dürfen. Herzlichen Dank dafür, an Erntedank. Es gibt doch noch Großzügigkeit auf dieser Welt.

Nachts im Bett, im Gespräch mit meiner Seele. Wie kann meine Seele ruhig werden? Ruhig vor dem nächsten Morgen und Tag, der so viele Sorgen bringt? Ruhig vor den Jahren, die kommen, und die nur eines mit Sicherheit bringen: die Unsicherheit.

Da frage ich mich manchmal: Hat auch Er solche Gespräche geführt, nachts, mit seiner Seele? Er, der Eine, der offensichtlich nicht sorgte, sondern einfach lebte? Jesus, der Mensch aus Nazareth ?

Jedenfalls wusste er, dass wir Menschen solche Gespräche führen, nachts, mit unserer Seele.

Den so geplagten Menschen – uns also – erzählte er eines Tages folgende kleine Geschichte, ein Gleichnis. Wir finden es bei Lukas im 12. Kapitel:

Lukas 12, 15b-21

Und Jesus sprach: Niemand lebt davon, dass er viele Güter hat.
Und er sagte ihnen ein Gleichnis und sprach: Es war ein reicher Mensch, dessen Feld hatte gut getragen.
Und er dachte bei sich selbst und sprach: Was soll ich tun? Ich habe nichts, wohin ich meine Früchte sammle. Und sprach: Das will ich tun: Ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen und will darin sammeln all mein Korn und meine Vorräte und will sagen zu meiner Seele: Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!
Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?  - So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.

Was hat dieser Mensch nur falsch gemacht, dass er zum Narren wurde ? Das sind doch die positiven Meldungen im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung: Expandierender Agrarbetrieb, Großaufträge für die Bauwirtschaft, Wachstum, Arbeitsplätze! Das ist doch das, was unser geliebtes Bayern den rückständigen Bundesländern im Norden voraushat!

Was hat dieser Mensch nur falsch gemacht, dass er zum Narren wurde, und zwar in Ewigkeit ?

Was müssen wir tun oder vermeiden, damit es uns nicht auch so geht? Warnt Jesus uns nur vor einer Sackgasse, oder zeigt er uns auch einen Weg ?

Drei Ausblicke gibt er uns, die zusammen einen Weg ergeben:

1.   „Niemand lebt davon, dass er viele Güter hat

Egal, wie man diesen Satz ausspricht, die Betonung liegt immer auf dem gleichen Wort: „viele“. Güter dürfen, Güter sollen wir haben. Auch Güter sind ein Ausdruck der Güte Gottes. Güter brauche ich, darf ich besitzen, um zu leben. Aber wenn es mir nicht um Güter, sondern um viele Güter geht, dann besitzen sie mich. Ich wähne mich groß, ich wähne mich bedeutend, ich wähne mich in einer besonderen Sicherheit, aber vor Gott bin ich ein Narr. Und was ein Mensch wirklich ist, ist das, was übrig bleibt, wenn er vor Gott steht. Es muss schrecklich sein, in der Narrenfraktion zu landen: In alle Ewigkeit Alaaf und Helau, und keiner hat Lust auf Fasching.

Nicht, dass der Mann im Gleichnis Güter sammelt, ist das Problem. Sondern, dass er schon vorher reich war und dann noch mehr sammelt: „Es war ein reicher Mann, dessen Feld gut getragen hatte“, so beginnt Jesus. Und seine Scheunen waren ja schon vor dieser Ernte übervoll. Wie schön wäre es gewesen, hätte er all die zur Ernte eingeladen, deren Scheunen leer gewesen und deren Felder karg geblieben waren.

2.   „Ich will sagen zu meiner Seele ...“

Was will ich ihr sagen, wenn sie unruhig ist, und sie ist es ja immer ?

„Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat für viele Jahre; habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut!“ - ?  Dies kann ich ihr nicht sagen, denn ich habe diesen großen Vorrat nicht. Und dies soll ich ihr nicht sagen, darauf weist mich Jesus hin.

„Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“ (Psalm 103,2) Da haben wir ein Beispiel, was ein Glaubender des Alten Testamentes zu seiner Seele sagt. Und es klingt fast so, als hätte dieser Mensch das jeden Tag - oder jede Nacht - zu seiner Seele gesagt: Vergiss nicht ..., vergiss nicht ...! Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!

Das, liebe Gemeinde, ist ein Leben aus Dankbarkeit. Der Mann aus unserem Gleichnis war reich, die Jahre davor müssen gut gewesen sein. Er aber blickt nicht dankbar zurück, sondern bange nach vorne.

Dankbarkeit hätte ihn leben lassen, und andere mit ihm. So aber stirbt er als Narr. Ernte-Dank, unser heutiger Sonntag, ist eine jährliche Medizin gegen solchen Narrentod.

3.   „... reich sein bei Gott“

Meiner Dankbarkeit geht das Empfangen voraus. „Reich bei Gott“ sind Menschen, die erfahren haben, dass sie das Wichtigste Ihres Lebens Gott und nur Gott allein verdanken. Man kann es sich nur schenken lassen: Die Unmittelbarkeit des Lebens selbst, und seine Verwurzelung in der Liebe. Reich bei Gott bin ich dann, wenn ich täglich arm bei ihm ankomme und mein Leben neu von ihm empfange. Und wenn dann, eines nachts, meine Seele aufhört mit mir zu reden und endgültig zur Ruhe kommt, werde ich nicht als Narr vor Gott stehen, sondern auch dann, zum letzten Mal und endgültig, mein Leben von ihm empfangen.

Bis dahin aber will ich fröhlich ernten, leben und leben lassen und, in Erntefreude, die Gespräche mit meiner Seele etwas leichter nehmen. 

 Amen.

 

Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
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