Predigttext:
Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns,
13. Sonntag nach Trinitatis 2003 , St. Johannis Berg

Thema: „Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber                  die neun“?
           Lukas 17, 11-19

 

Liebe Gemeinde,

auf den ersten Blick sieht es so aus, als wären wir mit der Geschichte von den zehn geheilten Aussätzigen schnell fertig. Zehn werden von Jesus geheilt, aber nur einer von ihnen kommt zu Jesus, seinem Heiler, zurück, um sich zu bedanken. Was mir im Ohr bleibt vom Hören, sind vor allem Jesu Worte: „Sind nicht die zehn rein geworden? Wo sind aber die neun“? 

In einer 1533 gehaltenen Predigt hat Martin Luther in der Geschichte von der Heilung der zehn Aussätzigen betont, daß wir nicht zu schnell mit den Neun fertig sein sollten. Denn alle zehn hatten ja ihre Hoffnung auf Jesus gesetzt, als sie ihn um Heilung gebeten haben: „Die stehen still und schreien: »Jesu, lieber Meister, erbarme dich unser!« Sie halten fein still und zweifeln gar nicht daran, er werde helfen; deshalb geschieht ihnen auch, wie sie glauben. Das sollen wir gut merken, auf daß wir auch lernen, auf Gottes Güte fest zu trauen und mit dem Herzen nicht zu wanken, sondern fein stillzuhalten in allem, was wir erbitten, es sei Gesundheit bei Krankheit, oder Nahrung bei Armut, oder Gerechtigkeit angesichts Ungerechtigkeit und Sünde, oder das Leben angesichts des Todes. Denn Gott will das alles gern geben(, nur daß er es zuweilen verzögert, um uns so zu versuchen, ob wir mit dem Gebet und Glauben auch anhalten wollen). Das ist das erste Stück aus dem heutigen Evangelium, daß wir in festem Glauben beten und an Gottes gnädigem Willen durch Christus nicht zweifeln sollen.“ Soweit die positive Botschaft.

Doch dann hat Luther hinzugefügt: „Das zweite Stück ist ein sehr schreckliches Exempel, daß ihrer zehn so einen feinen Glauben haben und gesund werden und nur einer von ihnen diese Wohltat erkennt und dem Herrn Christus dafür dankt. Die anderen neun fallen wieder ab und sagen Christus solcher Wohltat halber keinen Dank. Solch Exempel soll uns dazu dienen, daß wir dankbar sein lernen.“1) Das ist gewissermaßen die Botschaft der Geschichte, wenn man sie als negatives Beispiel liest. Doch weil jeder von uns weiß, wie oft wir undankbar, vergeßlich sind im Blick auf den Dank an Gott und Menschen für alle Wohltaten unseres Lebens, hinterläßt Jesu Frage „Wo aber sind die neun“? ein schlechtes Gewissen in uns. Folglich gehen wir nicht gestärkt, sondern beunruhigt nach Hause, weil wir Angst haben müssen, auch dieses Mal wieder die gehörte Lektion nicht tief und gründlich genug zu lernen.

Und doch, liebe Gemeinde, hat diese Geschichte ihre Botschaft nicht auf einer moralischen Ebene. Evangelium will befreien, nicht ein schlechtes Gewissen machen. Luther weist dazu ja den Weg, indem er betont, daß alle zehn rückhaltlos an Jesu Kraft zu heilen geglaubt haben. Doch wir kommen ganz aus der moralischen Betrachtung – die so gern den Finger hebt, vornehmlich über andere – heraus, wenn wir wahrnehmen, daß alle zehn offenbar in den Tempel gegangen sind und sich dort als Geheilte gezeigt haben. Die Priester waren nämlich zugleich die Gesundheitspolizei in Jerusalem und mußten feststellen, ob ein Mensch wirklich vom Aussatz befreit war. Nur dann konnte er wieder am Gottesdienst und anderen Formen menschlicher Gemeinschaft teilnehmen.

Noch einmal: Alle zehn gehen zum Tempel und lassen sich das Recht, wieder mit anderen zusammen zu sein, attestieren. Der eine, der zu Jesus zurückkehrt und ihm persönlich dankt, stellt eine Ausnahme dar. Und er ist sowieso eine Ausnahme, denn er gehört der in Jerusalem abgelehnten jüdischen Konfession der Samaritaner an. Auch im großen Gleichnis vom barmherzigen Samariter führt Jesus ein Mitglied dieser Konfession als rühmenswertes Beispiel vor. Fragen wir also, was ihn, den Samaritaner, auszeichnet. Ich möchte, um diese Frage zu beantworten, zwei große Stichworte miteinander verbinden. Der Samaritaner weiß und sieht mehr als nur, daß er gesund geworden ist. Er erkennt, daß Heilung und Heil zusammengehören. Darum reicht ihm das Gesundheitsamt als Adresse für seinen Dank nicht aus. Er kehrt zurück zum Ort des Heilungsgeschehens, preist Gott mit lauter Stimme, wirft sich vor Jesus nieder und dankt ihm (V. 15f.). Der geheilte Samaritaner hat also nicht nur geglaubt, daß Jesus Gottes heilende Kraft wirksam werden lassen kann. Er glaubt, daß er seine ganz persönliche Heilung, deren Wahrheit das Gesundheitsamt objektiv geprüft und ihn deshalb „als geheilt entlassen“ hat, er weiß, daß er diese Heilung Gottes durch Jesus wirkender Kraft verdankt. Die Heilungserfahrung, die er gemacht hat, ist also zugleich eine Erfahrung der Liebe Gottes geworden. Das unterscheidet den Samaritaner von den anderen neun geheilten Aussätzigen. Und darum kommt er allein zurück. Die in seiner Gesundung erfahrene Wohltat treibt ihn wieder zurück zu Jesus, zu dem Menschen, durch den er sie erfahren hat. Denn erfahrene Gottesliebe will auch in persönlicher Gottesbeziehung beantwortet werden.

An diesem Punkt trifft die Geschichte als Exempel auch mitten in unser Leben. Wir sogenannten Abendländer leben in Gesellschaftsordnungen, in denen seit Jahrhunderten Heilung und Heil institutionell getrennte Wege zu den Menschen nehmen. Hier die Priester und Pfarrer bzw. Pfarrerinnen, die für das Heil zuständig sind, dort die Ärzte und Ärztinnen, deren Beruf und Geschäft Heilung ist. Das ist, fragen wir nach dem darin erkennbaren Verständnis von Wirklichkeit, eine gespaltene Welt, eine geteilte oder doppelte Wirklichkeit und unterscheidet sich darin ganz erheblich vom alten Ägypten oder dem antiken Hellenismus, in denen es ausdrückliche Heilgöttinnen und -götter gab wie Isis und Asklepios. Aber jene gespaltene oder doppelte Wirklichkeit, in der Heilung und Heil getrennt sind, ist, wie unsere Erzählung zeigt, auch Jesus fremd gewesen. Doch uns ist sie nicht fremd. Denn in der westlichen und östlichen Welt hat die große Mehrheit der Menschen längst den Glauben daran verloren, daß jede Heilungserfahrung auch eine Heilserfahrung, eine Erfahrung der Nähe und Zuwendung Gottes ist. Wer mit dem Heil umgehen will, studiert Theologie, also Gotteswissenschaft, und wer heilen will, Medizin, also eine Naturwissenschaft. In der Erzählung von den zehn Aussätzigen, die nur Lukas überliefert, bahnt sich allerdings diese Spaltung der Wirklichkeit schon an. Und das Verhältnis von 1: 9 oder 9:1 deutet an, wie weit sich diese „moderne“ Trennung von Heil und Heilung schon durchgesetzt hatte.

Die Erzählung läßt in den neun Geheilten, die nicht zu Jesus zurückkehren, also bereits moderne Zustände anklingen. Jesu Frage nach den Neun ist also rhetorisch, wartet nicht auf Antwort; sie drückt vielmehr sein Staunen, sein Unverständnis aus über das, was sich in den Köpfen der Neun wohl tut. Doch für uns als Leser der Geschichte und Bewohner einer in sich gespaltenen Welt steht die Frage da, ob und wie wir diese uns längst vertraute Spaltung von Heilung und Heil überwinden können. Die Geschichte gibt keinen direkten Hinweis, wie man „samaritanisch“ denken und glauben lernt. Dazu hilft aber auch kein Appell an die Dankbarkeit, weil die Neun ja durchaus dankbar gewesen sein können, ohne daß wir es wüßten. Das Problem, das Jesus ausspricht, ist, daß sie ihm, dem Heiland, der den heilenden Gott repräsentiert, nicht danken; daß sie Heilung und Heil nicht verbinden können, daß sie, modern gesprochen, zwischen Glaube und Denken ständig hin und her pendeln, sie aber nicht verbinden können.

Gibt es denn von der Theologie her eine Hilfe, zur einen Wirklichkeit zurückzufinden? Ein Weg dahin führt über ein verändertes Verständnis von Schöpfung und von Gottes Schöpfertätigkeit. Damit meine ich, daß wir uns verabschieden sollten von dem Gedanken, Schöpfung sei gleichzusetzen allein mit dem Anfang von allem, modern gesprochen: dem Urknall. Ein solches, ganz auf den Anfang der Erde oder des Alls bezogenes Schöpfungsverständnis beschränkt nämlich auch die Schöpfungstätigkeit Gottes auf diesen Uranfang und schickt Gott für alle Zeit danach gewissermaßen in die Rolle des Zuschauers und allenfalls Richters irgendwann am Ende der Zeit. Heilung wird dann fast zwangsläufig zu einem Feld, das ausschließlich die Medizin bestellt. Dabei kommt aber nicht in den Blick, daß sich mit dem Werden eines jeden neuen Lebewesens einschließlich aller Menschen auch Schöpfung vollzieht. „Ich glaube, daß mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen“ – so beginnt Luther bekanntlich die Erklärung des apostolischen Glaubensbekenntnisses. Das heißt nicht mehr und nicht weniger als: Durch Zeugen, Gebären und Erziehen sind wir einbezogen in die Schöpfungstätigkeit Gottes, die ständig weitergeht. Mit dem Geborenwerden hört die Schöpfungstätigkeit Gottes nicht auf. Doch wenn das gilt, gilt auch, daß alles Heilen genauso wie unser Sterben einbezogen ist in Gottes unablässige Arbeit am Leben.

Alles Wachsen ist Werden, auch das geistige und geistliche Wachsen der Erwachsenen. Aber auch alles Heilen von Krankheiten, und oft genug erkennbar diese selbst, sind Wachstums- und darum Schöpfungsprozesse. Und schließlich das Sterben. Sehen wir Sterben mit dem Leben und seinen ständigen Verwandlungen zusammen, dann ist der Tod etwas ganz anderes als einfach das Ende oder gar nur die erhoffte Erlösung vom Leiden. Dann ist das Sterben der letzte große Abschied im Leben und der Tod zugleich das Tor zu neuem, uns unbekanntem Leben. Dieses Neue wird in der großen Transformation des Lebens werden, die wir biblisch mit Auferstehung bezeichnen. Das zu denken und zu glauben, setzt voraus, daß wir unser Sterben nicht mehr als Fluch, sondern als notwendigen Abschied auf dem Weg in eine offene Zukunft sehen.

Doch – das zu sagen, setzt wiederum voraus, daß wir an Gott glauben. Aber den haben die Neun in der Geschichte ja auch laut und deutlich bekannt. Sie haben aber offenbar keinen Weg gewußt, die Spaltung der Wirklichkeit zu überwinden. Noch einmal: Darin sind sie schon unsere Zeitgenossen. Nur der eine, der Samaritaner, den die empfangene Wohltat zurücktreibt zu seinem Heiland und Arzt, weist ihnen und uns aus der Erzählung heraus einen Weg, den wir gehen können.

Was nun die Mediziner angeht, so können wir von keinem verlangen, daß er sein heilendes Handeln als Teil der Schöpfungstätigkeit Gottes versteht. Aber wir können unseren Ärzten und Ärztinnen bezeugen, daß wir ihr heilendes Handeln an uns genauso wie eine geduldige Sterbebegleitung als etwas verstehen, mit dem sie nach unserem Glauben an Gottes heilvoller Pflege des Lebens teilnehmen – und dafür danken, Gott und ihnen.

Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns, Berg

 1) Martin Luther: Vierzehnter Sonntag nach Trinitatis. Lk. 17, 11-19, S. 5 ff., in: Digitale Bibliothek Band 63: Martin Luther, S. 5703 = Martin Luther: Luther deutsch. Die Werke Martin Luthers in neuer Auswahl für die Gegenwart. 1.-10. Band, herausgegeben von Kurt Aland. Registerband, bearbeitet von Michael Welte, Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1991 (UTB für Wissenschaft, Uni-Taschenbücher, 1656), Bd. 8, 351.

 

Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
Gemeindezentrum - Fischackerweg 10 - Katharina von Bora-Haus