Predigttext:
Pfr. Johanes Zultner,
1. Sonntag nach Epiphanis 2003 Berg
 

Thema: “Jesu Taufe” Matthäus 3,13-16

 

Liebe Gemeinde,

das Kirchenjahr mit seinen Sonntagen folgt den Stationen des Lebens Jesu: Es beginnt im Advent, mit der Erwartung, dass Jesus kommen wird. An Weihnachten feiern wir Jesu Geburt: zunächst für sein Volk, denn die Hirten, die nach Bethlehem eilen, sind Israeliten; dann, zeitlich versetzt an Epiphanias, für die ganze Welt und alle Völker, denn die drei Weisen kommen aus fernen Ländern.

Mit den beiden Sonntagen nach dem Christfest befinden wir uns in der frühen und späteren Kindheit Jesu, und beide Episoden spielen im Tempel von Jerusalem: die Darbringung des Neugeborenen, verbunden mit dem Lobgesang des Simeon, und schließlich der 12-jährige Jesus im Tempel.

Das ist, sozusagen im Zeitraffer des Kirchenjahres, an nur zwei Sonntagen die ganze Kindheitsgeschichte Jesu. Was er anschliessend bis zu seinem ca. 30-ten Lebensjahr getan hat, wissen wir nicht. Dann erst beginnt sein öffentliches Wirken, das nur 2 Jahre dauerte. Dieser kurzen Zeit entspricht der ganze große Rest des Kirchenjahres, denn in diesen beiden Jahren drängt sich bei Jesus all das zusammen, war er Besonderes getan, gesagt und erlitten hat. Der heutige Sonntag, 1. nach Epiphanias, blickt auf den Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu. Was hat er als erstes getan, als er sich entschloss, seinen ganz und gar ungewöhnlich Weg zu gehen ?

Das heutige Evangelium gibt uns die Antwort darauf, was Jesus als erstes tat. Aber bevor wir dies hören, ist es vielleicht gut, uns ein wenig in die Zeit davor hineinzuversetzen:

Wie kam Jesus überhaupt dazu, seinen außergewöhnlichen Weg anzutreten ? War es ein spontaner Entschluss ? Stand er eines Morgens auf und wusste: Jetzt ist es soweit ?... Ich glaube, Jesus hat viel darüber nachgedacht, bevor er den ersten Schritt tat. Er hat sich viel Zeit gelassen. Er musste 30 Jahre alt werden. Für die Antike, mit viel geringerer Lebenserwartung als heute, war es außergewöhnlich, dass jemand, der Weltbewegendes vorhat, sein Werk erst mit 30 Jahren angeht. Aber Jesus hat offensichtlich lange gesucht, lange gezögert. Er hat in diesen Jahren die Alltagswelt der Menschen wahrgenommen, er hat das Leben seines Volkes gelebt. Er wurde erwachsen mit den vielen Sorgen seiner Zeit. Und er hat wohl nach Gott Ausschau gehalten, er hat die Stimme Gottes im Stimmengewirr seiner Zeit zu vernehmen versucht. Ob er sie gehört hat, wissen wir nicht. Jedenfalls hat er sich eines Tages entschlossen, den aussergewöhnlichen Weg anzutreten.

Für uns Christen ist er das Kind von Weihnachten, von Bethlehem, das nun erwachsen ist. War er das auch für sich selbst ? Hat seine Mutter, hat Joseph ihm davon erzählt ? Wohl eher nicht. Das ganz normale Leben, dass Jeschua Ben Joseph, oder auch Jeschua b’Nazareth, so hat er wohl bei den Menschen geheißen, führte, ließ die Deutung jener Nacht seiner Geburt fraglich werden, so dass ihre Be-Deutung fast schon entschwunden war. So trat Jesus wohl nicht als fertiger Gottessohn vor die Menschen, sondern nur als Jeschua von Nazareth. Und sein erster Schritt auf dem Weg, der einmalig werden sollte in der Geschichte der Menschheit, war zunächst eine Reise. Aus dem galiläischen Nazareth, im Norden, kommt er nach Süden, in die Nähe von Jerusalem, an den Jordan. Und sein öffentliches Wirken beginnt mit dem, was uns das Evangelium des 1. Sonntags nach Epiphanias, bei Matthäus im dritten Kapitel, berichtet:

Matthäus 3,13-16   Jesu Taufe am Jordan

An diesem Punkt stimmen alle Evangelien überein. Die Taufe Jesu durch Johannes, und dass sie am Anfang seines öffentlichen Wirkens stand, ist historisch unbestritten.

Aber warum? Warum dies?  Was tut Jesus hier eigentlich? Selbst Johannes ist erstaunt, ja verunsichert, er sträubt sich, zu tun, was Jesus von ihm verlangt. Und auch den späteren Erzählern der Geschichte Jesu, den Evangelisten, merkt man noch eine gewisse Ratlosigkeit an. Sie suchen nach Erklärungen, warum dies denn sein musste, und legen diese Erklärungen Jesus in den Mund.

Muss dies denn sein  ? -  so fragt Johannes.

Musste das denn sein ? -  so fragen, zwischen den Zeilen, Jahrzehnte später die Evangelisten und wohl auch ihre Zeitgenossen.

Wenn man so fragt, liebe Gemeinde, dann muss es sich um etwas Besonderes handeln.  Um etwas Besonderes mit einem negativen Beigeschmack, das einem peinlich ist, wofür man nachher umständlich nach Erklärungen sucht. Die Taufe Jesu ist also nicht ein erbauliches Geschehen, das auf frommen Bildern zu froher Betrachtung einlädt. Nein, es scheint etwas zu sein, wo auch wir heutigen noch betreten wegschauen müssten.  - Was war passiert ?

Schauen wir das Ganze mal mit den Augen des Johannes an. Er kennt Jesus, er ist ja sein Cousin, wenn wir dem anderen Evangelisten, Lukas, glauben sollen. Jesus, sein Cousin vom Lande, aus dem lieblichen ländlichen Norden. Vielleicht war dieser Johannes einer, der mehr wusste über Jesus als alle anderen. Der vielleicht mehr wusste über Jesus als dieser selbst. Der an Jesu eigener Suche innerlich beteiligt war, der sich über den Weg Jesu sicher war, wo dieser noch zögerte. Und nun sieht er Jesus kommen. Und wie er Jesus ins Wasser schreiten sieht, denkt sich Johannes: Endlich! Endlich kommt ER, der es besser kann als ich. Der wirklich das Recht hat, zu scheiden zwischen Sündern und Gerechten. Denn diese Unterscheidung kann nur so sein, dass auf der einen Seite ALLE stehen, auch ich, Johannes. Und auf der anderen Seite, da steht nur einer: ER. ER allein. Denn er lebt ganz und gar aus dem Vertrauen auf Gott. Als ganz normaler Mensch von Nazareth hat er dieses getan, unspektakulär, so dass es den meisten gar nicht auffiel. Aber er, Johannes, hatte ein Auge dafür.

Und dann dies – Johannes kann es nicht fassen: Jesus ist nicht gekommen, um zu taufen, um die Taufe in seine, in die besseren, in die einzig guten Hände zu nehmen. Sondern er reiht sich ein in die Menge derer, die getauft werden wollen. Vor ihm einer, erfolgreich, weil er andere stets beiseitedrücken konnte – jetzt frisst ihn eine unbegreifliche Leere von innen her auf, deshalb ist er zum Täufer gekommen, um abwaschen zu lassen, was ihn tötet. Und hinter ihm einer, den die Sorgen verzehren, die ganz alltäglichen, keine Katastrophen, aber ein tödliches Nagen an der Seele dieses Menschen, der es einfach nicht schafft, auch Gott etwas zu überlassen, auch Gott etwas zuzutrauen. Gekommen, um das nagende Gift dieses Kleinglaubens abzuwaschen. Sünder also, Menschen in der Gottesferne, zwischen die Jesus sich einreiht, diese beiden und viele andere wie sie, jeder mit seinem ganz persönlichen Unglück, mit seiner ganz persönlichen Variante, die Liebe Gottes nicht zuzulassen.

Was gibt es abzuwaschen bei Jesus b’Nazareth ? Johannes wüsste nichts, und ganz mechanisch tut er, was er schon hunderte Male tat: Er schöpft das Wasser mit den Händen und gießt es dem, der da kniet, über den Kopf: Jesus, dem Vetter aus Galiläa. Und dann erst schaut er diesem ins Gesicht.

Und da kann er plötzlich lesen in diesem Gesicht, wie in einem offenen Buch. Ihm geht auf, dass Jesus etwas sieht, das keiner sieht, dass Jesus etwas hört, das kein anderer hört. Ihm geht auf, dass der Himmel erstmals seit Beginn der Zeit wieder offen ist, weil einer sich ihm öffnete. Dass der Geist des Lebens wieder über der Erde schwebt, weil einer ihn zu sich ließ. Dass Gott endlich wieder gesprochen hat, weil einer so auf Gott hin lebte, dass Gott nicht mehr schweigen konnte.

Dies alles sieht Johannes der Täufer einen Augenblick lang in dem Gesicht Jesu, aus dem noch die Tropfen des Wassers rinnen. Aber er hat genug gesehen. Er weiß jetzt, dass all jene Gerüchte, die sich seit dreißig Jahren hartnäckig halten und wunderbar Merkwürdiges um die Geburt Jesu berichten, dass das gar keine Gerüchte sind, sondern wunderbar unfassbare Wahrheiten.

Und als Johannes die Hände Jesu nimmt, um ihm aufzuhelfen, und aufwärts blickend die Gesichter der Menschen reihum sieht, jedes mit seinem eigenen, ganz persönlichen Unglück, da begreift er, dass Jesus seinen, seinen einzigartigen Weg soeben begonnen hat und auch nur so beginnen konnte: Mit denen und für die in die Knie zu gehen, die das Leben in die Knie gezwungen hat, die sich am eigenen Leben verhoben haben, weil sie Gott nicht vertrauen können. Mit denen und für die, die es niemals gewagt haben, zu glauben, die sich selber Gott sein mussten und daran täglich mehr und mehr zerbrachen.

Jesus aber, der Mensch von Nazareth, hatte geglaubt. Dies war eigentlich alles, und auch dies erkannte Johannes. Jesus hatte geglaubt, für sich und für andere, ganz. Er hatte sich aufgemacht, er hatte seinen Weg angetreten, ohne dass Gott schon gesprochen oder sich gezeigt hätte. Er hatte geglaubt, vertraut, dass Gott sprechen und sich zeigen würde, wenn der erste Schritt der richtige sei:

Und weil Jesus mit diesem ersten, diesem einzigartigen Schritt darauf verzichtete, als einzig Sündloser wie Gott zu sein, -

weil er nicht mehr wollte, als im Glauben sein Menschsein ganz und gar zu leben, -

und weil dieser erfüllende Glaube ihn von all den anderen, den Glaubensarmen, nicht entfernte, sondern an ihre Seite führte -

- darum, und nur darum hat Gott ihn im gleichen Augenblick als seinen Sohn angesprochen, darum, und nur darum, hat der Heilige Geist ihn der Göttlichkeit versichert.

Weil Jesus, der Mensch von Nazareth, seinen Weg so begann, so ganz im Glauben an Gott und in der Liebe zu den Menschen, deshalb konnte er diesen Weg weitergehen, nicht mehr nur als Mensch, sondern als Sohn Gottes in der Kraft des Heiligen Geistes.

Als nächstes, so lesen wir in den Evangelien, berief Jesus Menschen an seine Seite und nahm sie mit auf seinem Weg. Er lehrte sie, wie er zu glauben und ihm und damit Gott zu vertrauen.

Auf diesen Weg nimmt Jesus auch uns mit, wenn wir es wollen. Wir können aufhören, uns selber Gott zu sein, aufhören, daran unweigerlich zu scheitern. Wir können beginnen, Mensch zu sein, wie Jesus es war, Mensch und Kind Gottes, ermutigt und ermuntert vom Heiligen Geist, der auch uns in der Taufe geschenkt ist. Amen.

 

Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
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