Begrüßung

Lied zum Eingang EG 27, 1-5 Lobt Gott, ihr Christen alle gleich

Gebet

Das Licht in der Nacht. Es gibt nicht viel, was uns Menschen so anzieht wie ein Licht in der Nacht. Der Grund ist einfach: Dauerte die Nacht, in die wir alle 24 Stunden geraten, plötzlich endlos, gäbe es kein Licht in ihr und keinen Sonnenaufgang danach, dann gäbe es sehr bald kein Leben mehr auf dieser Erde. In jedem Nachtfrösteln weht uns diese Bedrohung an. Von ihr haben Menschen schon immer gewußt, und darum ist die Religionsgeschichte voll von Erzählungen und Gestalten, in denen das Licht die entscheidende Rolle spielt. Denn der Hintergrund von Religion ist Sorge um das Leben.

Daran hat sich bis heute nichts geändert, auch wenn sich die religiösen Formen lockern, in denen vom Licht in der Finsternis gehandelt wird. Beim Weg hierher hat uns der neue Advents- und Weihnachtsbrauch, nicht mehr nur die gute Stube, sondern vor allem Vorgarten und Fenster auszuleuchten, überall begleitet, und er gestaltet sich von Jahr zu Jahr lichtreicher. Insofern ist es wahr, daß die alten Menschheitsthemen nicht untergehen, sondern sich in zeitgemäßer Gestalt äußern. Und darum ist es gut, wenn wir in dieser Nacht einmal heruntersteigen von den Katechismustürmen und unterhalb der dogmatischen Beschränkung auf unsere eigenen Traditionen auch ein wenig von dem wahrnehmen, was in der Religionsgeschichte vom lebensschaffenden und lebenserhaltenden Gott als Licht wahrgenommen worden ist.

Zwischen den einzelnen Stationen singen wir aus dem Liedblatt und behalten damit den vertrauten Ton im Ohr. Manches Stichwort, von dem wir lesen und hören werden, kommt auch in diesen Liedern wieder vor, wenn auch auf andere Weise.

Wir beginnen unsere nächtliche Reise im Alten Ägypten. Aus der Amarna-Zeit, ca. 1350 v. Chr., stammt der erste Sonnenhymnus. Er gehört zur großen Glaubensreform des Königs Echnaton, dem es darum ging, die vielen Götter durch einen zu ersetzen. Verehrt wurde er in der Gestalt der Sonne, als Schöpfer und Erhalter des Lebens:

      Du erscheinst schön,
      du lebendige Sonne, Herr der unendlichen Zeit!
      Du bist funkelnd, schön und stark,
      die Liebe zu dir ist groß und gewaltig;
      deine Strahlen, sie berühren jedes Gesicht,
      deine strahlende Haut belebt die Herzen;
      du hast die beiden Länder erfüllt mit Liebe zu dir ...

      Du bist die lebendige Sonne,
      die unendliche Zeit ist dein Abbild;
      du hast den Himmel fern gemacht, um an ihm aufzugehen,
      um alles zu sehen, was du erschaffst, indem du ein Einziger bist,
      aber Millionen von Leben in dir sind, um sie zu beleben –
      (wie) Lebenshauch(, der) an die Nase (weht,) ist es, deine Strahlen zu sehen.

Die beiden Länder sind Ober- und Unterägypten. Man kann sich der Schönheit dieses Gotteslobes kaum entziehen. Klar ist jedenfalls das

Bild: Von den Strahlen der Sonne hängt das Leben ab: das Leben des Kosmos und das Leben der einzelnen Menschenseelen. Mehrfach ist dargestellt worden, wie König Echnaton und seine Frau Nofretete mit ihren drei Kindern zusammen unter den Strahlen der Sonne das bilden, was wir eine Heilige Familie zu nennen gewöhnt sind. Die Nähe zu christlichen Bildern von Josef und Maria mit dem Kind ist groß, auch wenn in unseren Bildern der Stern von Bethlehem und nicht die Sonne erstrahlt.

In den Sonnenhymnen der Amarna-Zeit wird nicht einfach die Schöpfung angebetet, sondern im Licht wird Gott als der gepriesen, der die Welt geschaffen hat und mit Liebe umfängt. Sonnenwärme und göttliche Liebe werden hier zusammen gesehen. Und auch davon wird gesprochen, daß Gott durch einen Sohn in das Weltgeschehen eingreift, so wie die Strahlen der fernen Sonne uns hier auf der Erde erreichen. Davon spricht der nächste Hymnus aus jener Zeit:

      Du bist schön, gewaltig und funkelnd,
      du bist hoch über jedem Land.
      Deine Strahlen, sie umfassen die Länder
      bis ans Ende deiner ganzen Schöpfung,
      als Re dringst du an ihre Grenzen
      und unterwirfst sie deinem geliebten Sohn.
      Du bist fern, aber deine Strahlen sind auf Erden,
      du bist in ihrem Angesicht,
      aber man kann deinen Gang nicht erkennen.
      Gehst du unter im westlichen Lichtland,
      ist die Erde in Finsternis,
      in der Verfassung des Todes.

Da ist sie wieder, die Todesbedrohung. Und sie hat die Menschen immer wieder voll Ehrfurcht, Hoffnung und Dankbarkeit auf das Licht warten lassen. Wie auch der Himmel der alten Religionen mit Göttern und Göttinnen belebt gewesen ist – immer gab es darin einen Gott, der in besonderer Weise mit dem lebensschaffenden und –erhaltenden Sonnenlicht zu tun hatte. Wer heute zB auf Kreta unterwegs ist, findet mehrere Berggipfel, die dem Propheten Elias, griechisch: Ilias, gewidmet sind. In altgriechischer Zeit waren diese Gipfel dem Helios, griechisch: Ilios, geweiht. Ob nun Ilios oder Ilias: Um die Sonne, den Aufgang der Sonne, geht es bei beiden. Also dürfen auch wir diejenigen, die wir pauschal „Heiden“ nennen, zusammen sehen mit den späteren Gläubigen. Und singen

Lied EG 4, 1 Nun komm der Heiden Heiland

Ganz geprägt von den alten Vorstellungen ist auch im Israel des 8. Jahrhunderts vor Christus der kommende, ersehnte Friedefürst verheißen worden – als das große Licht, das in die Finsternis scheint. Denn wo Krieg und Haß sind, ist Finsternis für uns Menschen. Deshalb lesen die Christen seit den Anfängen in der Weihnachtsnacht die folgenden Verse aus Jesaja 9:

    1* Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. 5 Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; 6 auf daß seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, daß er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit.

Die Vorstellung vom Friedenskönig und seinem Sohn als dem kommenden Licht hat auch unser Liedgut in vielem geprägt. So in den übrigen Strophen von Lied 4, die wir jetzt singen:

Lied EG 4, 2. 4 Nun komm der Heiden Heiland

Hier ist schon der Bogen gespannt von der alten Zeit zur Geburt Jesu. Und das ist der Ort, an dem wir in dieser Nacht die Weihnachtsgeschichte hören wollen. Zuerst die Verse 1-14:

Die Weihnachtsgeschichte Lukas 2, 1-14

    1 Es begab sich aber zu der Zeit, daß ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, daß alle Welt geschätzt würde. 2* Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. 3 Und jedermann ging, daß er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt. 4 Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, 5* damit er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. 6 Und als sie dort waren, kam die Zeit, daß sie gebären sollte. 7 Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. 8 Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. 9 Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. 10 Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk  widerfahren wird; 11 denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. 12 Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. 13 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: 14* Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Dem Lobgesang der Engel schließen wir uns an und singen

Lied EG 35, 1-3 Nun singet und seid froh

wir hören den zweiten Teil der Weihnachtsgeschichte:

Lukas 2, 15-21

    15 Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Laßt uns nun gehen nach Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. 16 Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. 17 Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. 18 Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten. 19 Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. 20 Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war. 21 Und als acht Tage um waren und man das Kind beschneiden mußte, gab man ihm den Namen Jesus, wie er genannt war von dem Engel, ehe er im Mutterleib empfangen war.

Lied EG 39, 1-3 Kommt und laßt uns Christum ehren

Unter uns Christen viel weniger bekannt ist eine andere biblische Version von der Ankunft Jesu Christi in unserer Welt. Sie steht am Anfang des Johannesevangeliums, Johannes 1:

    1 Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort. 2 Dasselbe war im Anfang bei Gott. 3* Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist. 4 In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. 5 Und das Licht scheint in der Finsternis, und die Finsternis hat's nicht ergriffen. 9 Das war das wahre Licht, das alle Menschen erleuchtet, die in diese Welt kommen. 10 Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. 11 Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. 12 Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben, ... 14* Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des einzigen geborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.
     

Kein Evangelist hat den Bogen so weit gespannt wie Johannes. In seinem Hymnus wird die Geburt Jesu mit der Schöpfung der Welt zusammengebracht. Derjenige, der zu Beginn unserer Zeitrechnung in unserem Fleisch und Blut nach dem Glauben der Christen als Sohn Gottes geboren worden ist , ist an allem Anfang der Welt schon bei Gott gewesen, hat also wirklich Anteil an Gott. Er war und ist die große Lebensenergie Gottes – die eine bestimmte griechische Vorstellung den Logos, das wirkmächtige Wort, genannt hat. Da

knüpft Johannes an und sagt in dieser uns eher fremden Sprache: Schon in der Schöpfung ist Jesus mit enthalten. Frei übersetzt heißt

das: Im Menschen Jesus, von dem die Evangelien erzählen, kommt an einem bestimmten Punkt der Menschheitsgeschichte heraus, wie unser Menschsein vom Schöpfer gedacht worden ist. Sein Leben hat für diejenigen, die seine Lebensenergie angesteckt hat, eine weg-weisende Erleuchtung gebracht. Denn sein Leben, so erzählen die Evangelien in vielen kleinen und großen Begebenheiten, ist geprägt von zwei Lebenskräften: von hingebungsvoller Liebe und Gnade, und von Wahrheit. Erst wo Liebe, Gnade und Wahrheit sind, kann auch Frieden werden. Gotteskinder, sagt Johannes, sind seit dem alle, die Liebe, Gnade, Wahrheit und Frieden verbreiten.

Und doch: Die Herrlichkeit, die von Jesus ausgegangen ist, ist nicht mehr so zu erkennen gewesen, wie Menschen das Sonnenlicht erkennen. „Die Welt erkannte ihn nicht“, und „Die Seinen nahmen ihn nicht auf“ – diese Sätze des Johanneshymnus weisen schon voraus auf Jesu Hinrichtung. In der  Weihnachtsgeschichte des Lukas stehen solche Sätze nicht. Dennoch können wir die Verborgenheit seiner Herrlichkeit auch dort erkennen: Er wird nicht auf einen strahlenden Thron gesetzt, wie die alten Ägypter und Juden es sich vorstellten, sondern in eine ärmliche Futterkrippe von Tieren gelegt. Seine Herrlichkeit, heißt das, hat nichts mit Palastglanz zu tun. Sie ist so sehr von der Liebe und Gnade Gottes zu uns Menschen geprägt, daß sie mit den alten Königtumsvorstellungen gar nicht mehr zu vereinbaren ist. Ja, es geht um Liebe, aber um eine Liebe, die wirklich ernst macht mit den Bedürfnissen der Menschen. Darum setzt sie gewissermaßen unten an in der Weltordnung. Ich kann es auch so sagen: Die Herrlichkeit Jesu, die vom Anfang der Welt an das Ziel der Schöpfung war, meint unsere Menschenwürde genauso wie die Würde

der übrigen Geschöpfe. Jesu Herrlichkeit ist also, um mit Goethe zu reden, das, „was die Welt im Innersten zusammenhält“: nämlich unbedingte, unverstellte Liebe.

Lassen Sie uns unsere gemeinsame Reise durch die Nacht beschließen, indem wir gemeinsam singen

Lied EG 56, 1-4 Weil Gott in tiefster Nacht erschienen.

Gebet

Ewiger Gott, wir finden dich im Licht dieser Nacht,
in deinem Sohn, einem Kind, das zart und verwundbar geboren worden ist wie wir alle. In ihm leuchtet deine Liebe auf, strahlend wie ein nie verlöschendes Licht, deine Liebe, die von Anfang an war und bleiben wird, die das Leben deiner Schöpfung im Blick hatte von Anbeginn und die uns nicht verloren gibt.

Wir danken dir für alles, was wir durch unseren Glauben von dir gehört und in unserem eigenen Leben erfahren haben. Du bist das wahre Licht, alle Religionen spiegeln dich nur, je auf ihre Weise und in ihrer Zeit. Laß uns begreifen, daß keine dich ganz faßt und besitzt. Darum laß uns auch lernen von den Erfahrungen der anderen, damit deine ganze Schönheit und Vielfalt unter uns wohnt und wir uns an den Schätzen freuen, die die Gläubigen der Welt von dir bewahrt haben.

Auf diese Weise laß uns für den Frieden in der Welt eintreten und etwas von der Schuld abtragen, die auch das Christentum durch Hochmut und die Verfolgung Andersgläubiger auf sich geladen hat.

Darum bitten wir dich durch Jesus Christus deinen Sohn:

Vater unser im Himmel ...

Segen

Lied zum Ausgang EG 44, 1-3 O du fröhliche

Kollekte: Brot für die Welt

Biblische Texte in revidierter Übersetzung von Martin Luther
Ägyptische Texte in der Übersetzung von Jan Assmann
Lesungen: Ayescha Jörns
Liturgie und Auslegungen: Klaus-Peter Jörns

 

Predigttext:
Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns,
Christmette an Heiligabend 2002,Allmannshausen Berg

Thema: Gott als Licht - Licht in der Finsternis

 

Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
Gemeindezentrum - Fischackerweg 10 - Katharina von Bora-Haus