Predigttext:
Pfr. Johanes Zultner,
Heiligabend 2002 Christvesper Aufkirchen
 

Thema: “Ein Kind ist uns geboren” Jesaja 9,1-6

 

ALTTESTAMENTLICHE LESUNG Jesaja 9,1-6 

    Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein grosses Licht,
    und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.
    Du weckst lauten Jubel, du machst gross die Freude.
    Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte.
    Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter
    und den Stecken ihres Treibers zerbrochen.
    Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht
    und jeder Mantel, durch Blut geschleift,
    wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.

    Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben,
    und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter.
    Und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friedefürst.
    Auf daß seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende
    auf dem Thron Davids und in seinem Königreich,
    daß er’s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit
    von nun an bis in Ewigkeit.
    Solches wird tun die Leidenschaft unseres Gottes Jahwe. 


Liebe Gemeinde,

"Ein Kind ist uns geboren": Meist ist es das erste Kind, das so begeistert angekündigt wird  - manchmal auch heute noch mit dem Zusatz: "ein Sohn ist uns gegeben". Junge Väter und Mütter sind mächtig stolz auf ihren Nachwuchs: Ihr Kind ist ein ganz besonderes, mit anderen Kindern nicht zu vergleichen! Ältere Menschen hören solche Sätze mit einem Lächeln und erinnern sich vielleicht: So haben wir auch einmal geredet! Es ist eben das erste und das eigene Kind, da sieht man nicht, wie es wirklich ist: Daß auch unser Kind, trotz seiner Besonderheiten, ein Kind ist wie viele vor und nach ihm -  ein Mensch, der den Lauf der Welt kaum verändern wird.

"Ein Kind ist uns geboren": Auch über Weihnachten steht dieser Freudenruf. Wir könnten heute nicht Weihnachten feiern ohne dieses Kind. Und zu diesem Kind gehört auch die Überzeugung von Menschen, ausgedrückt in Engelschören und Anbetung der Hirten: Dieses Kind ist tatsächlich ein einmaliges, ganz besonderes Kind und diese Geburt ist eine Wende der Weltgeschichte.

Diese Überzeugung stammt von Menschen, die später dem erwachsenen Jesus begegnet sind. Was sie bei ihm fanden, war schon seit Jahrhunderten im Buch Jesaja angekündigt. Wir haben die Worte des Propheten vorhin gehört (Jes 9,1-6):

"Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. .... Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter. Und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. ....

Es ist schon eine ganze Menge, was Jesaja seinem Volk da verheißt  - und all dies meinten die Menschen später bei Jesus gefunden zu haben. Ob hinter dieser Überzeugung mehr steckt als bei den jungen Eltern, die meinen, ihr Kind sei mehr als jedes andere Kind? Ob man diese Botschaft glaubwürdiger finden kann als die Berichte junger Eltern über die einmaligen Fähigkeiten ihres Kindes? Man weiß doch: Da reden Begeisterte, und die sind nicht nüchtern in ihren Urteilen.

Wahrscheinlich ist heute mancher unter uns, der so ähnlich denkt: Das ganze Trara um Weihnachten, um ein kleines Kind  - nichts als Geschrei, Übertreibung, Werbung! Seit bald zweitausend Jahren ist es doch so: An Weihnachten "Frieden auf Erden", und zwei Tage später wieder Krieg überall -  in Häusern und Familien, zwischen Interessengruppen der Gesellschaft, zwischen den Ländern dieser Erde. Das Wunder ist ausgeblieben, trotz aller Ankündigungen.

Ich kann diese Enttäuschung verstehen. Ich kann sogar etwas Gutes an dieser Enttäuschung finden: Wer enttäuschbar ist, der erwartet noch etwas für sich und die Welt, der ist noch nicht gleichgültig und resigniert.

Und doch frage ich: Was erwarten wir denn eigentlich? Daß da einer kommt, der die ganze Welt aufräumt? Der die ungerechten Herren beiseiteschiebt, den Soldaten die Waffen aus der Hand schlägt und Gerechtigkeit befiehlt?

Und wo stünden wir, wenn es wirklich so ginge? Wir dürfen nicht so tun, als ob nur die anderen ungerecht sind, als ob nur sie am Unheil der Welt schuld sind. Ehrlich gesagt: Ich wüßte manches an mir zu nennen, das Unfrieden verursacht, Menschen verletzt, ungerecht ist zu diesem oder jenem. Wie sollte dieser Retter dann mit mir verfahren? Würde auch ich beiseitegefegt? Oder unsere ganze Gesellschaft vielleicht? Ich brauche nur daran zu denken, was wir der Schöpfung Gottes antun, zum Beispiel durch das maßlose Autofahren: Ein einziges kleines Auto mit durchschnittlicher Lebensdauer verbraucht so viel Sauerstoff, daß in Kubikmetern ein Turm von 250 KM Höhe mit der Grundfläche eines Fußballplatzes herauskäme!

Wenn wir all dies überlegen  - wenn wir überlegen, daß wir nicht nur die Opfer, sondern immer auch die Täter sind, dann begreifen wir, warum Gott einen anderen Weg gegangen ist. Daß ein Licht in die Dunkelheit kommt, daran möchte ich festhalten. Aber die anderen Bilder des Jesaja, die sind so nicht eingetroffen, als eines Nachts in Bethlehem ein Kind geboren wurde: Kein neuer König, kein gewaltiger Herrscher, kein Wundermann -  und trotzdem Gott in diesem Kind. Gott hat nicht geschwiegen, Gott hat geantwortet  - jedoch anders, als die Menschen das erwartet hatten, anders vielleicht auch, als wir es täglich erwarten.

In einem kleinen, hilflosen Kind die Hoffnung sehen für eine Welt, die auch heute noch sehr, sehr dunkel ist? Fast zweitausend Jahre alt ist diese Geschichte, und noch immer will sie uns nicht in den Kopf  - und noch weniger ins Herz. Wir klammern uns an einen Gott, wie er nicht ist, und wundern uns dann, daß wir bei einem solchen selbstgemachten Gott keine Hilfe finden. In allen Religionen sind die Götter an Zeichen der Macht zu erkennen: das flammende Schwert, der goldene Thron, der feurige Wagen. Auch in die Bibel sind solche Vorstellungen aus anderen Religionen eingeflossen. Aber an entscheidender Stelle sagt uns die Bibel doch etwas anderes, zeigt uns andere Zeichen von Gott -  Zeichen, auf die wir Menschen von uns aus nie gekommen wären: Kein starker Mann, sondern ein Kind; nicht in einem Palast, sondern in einem Stall; und dann  - kaum zu glauben  - an den Windeln soll man ihn erkennen, den menschgewordenen Gott! So wird es den Hirten von den Engeln gesagt: "ihr werdet ihn finden in Windeln gewickelt". Ein Gott in Windeln  - wie konnte die Bibel mit diesem kläglichen Bild überhaupt bestehen vor den anderen Religionen, die ihre Götter in Gold kleideten?  Aber gerade durch dieses Bild und ähnliche Bilder besteht sie bis heute  - und bleibt das meistgelesene Buch auf der Welt.

Denn gerade in diesen unglaublichen Bildern wird klar, wer Gott ist und was er will. Er will nicht der Herr über uns sein, der sein Recht durchsetzt, wenn es sein muß auch gegen uns. Nicht über uns, sondern mit uns will dieser Gott sein. Er wird uns gleich, er stellt sich auf unsere Seite von Anfang an und da bleibt er auch, bis zum Ende: An unserer Seite. Was wir auch erleben, wir sind nicht allein. Was wir auch verschulden, wir werden nicht aufgegeben.

"Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. (...) Ein Kind ist uns geboren ..."

Das Kind, von dem Jesaja redet, hat auf alle Macht verzichtet, die Jesaja so gerne bei ihm gesehen hätte. Dadurch hat es einen Platz nahe bei uns, in unserem Leben, in unseren Herzen. Ein Machtmensch oder auch ein Machtgott würde uns verdrängen und überflüssig machen. So aber dürfen wir leben, wir selbst, mit allem, was uns freut, mit allem, was uns traurig macht, sogar mit unserer Schuld, aus der wir umkehren können. Alles gehört zu uns, alles ist unser Leben. Die liebevolle Begleitung durch den menschgewordenen Gott macht uns frei und mutig für dieses Abenteuer und schenkt uns eine Heimat hier und einmal auch dort, in Ewigkeit: So wie er jetzt bei uns ist, dürfen wir dann bei ihm sein. Amen.

 

Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
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