Choralvorspiel zu "Nun freut euch ...", Ernst Pepping (1901-1981)
LIED 341,1-3  Nun freut euch, lieben Christen'gmein

PREDIGT  (Teil 1)

Liebe Gemeinde,

Im Martin Luthers frühem Reformationslied aus dem Jahr 1523 "Nun freut euch, lieben Christen'gmein", in unserem Gesangbuch die Nummer 341, heißt es in Strophe 3: "die Angst mich zu verzweifeln trieb, daß nichts denn Sterben bei mir blieb ..."
So hat Martin Luther von sich gesprochen, so auch von den Men-schen seiner Zeit. So haben auch wir gesungen. Trifft dies auf uns zu? Eine Angst, so tief, daß nur noch Sterben übrig bleibt?
Es kommt darauf an, was wir unter "Sterben" verstehen. Es ist nicht nur der Tod am Ende des Lebens. Es ist jedes mal in unserem Le-ben: wenn uns etwas entgleitet, wenn wir von einer Lebens-Chance Abschied nehmen müssen.
Manchmal glaube ich, dies ist sogar das härtere, ist noch schwerer als der Tod am Ende des Lebens: Dies, daß ich mir sagen muß: Wieder einmal ist nichts daraus geworden - leider vorbei, auch diese Hoffnung. Es kann um alles mögliche gehn: die Beziehungen zu den Mitmenschen; der Beruf; oder, ich hatte mir vorgenommen, in mei-nem Leben etwas zu ändern, und schaffe es nicht; aber auch Hoff-nungen, die über das Persönliche hinausgehn, die den Zustand in der Gesellschaft und in der Welt betreffen. Vieles bleibt uneingelöst, unerfüllt. An manchen Punkten kann ich zwar weiterhoffen. An an-deren Punkten aber, da muß ich mir sagen: Dies ist vorbei, dies muß ich in den Wind schreiben.

Dies, liebe Schwestern und Brüder, ist Sterben: Abschied nehmen von Hoffnungen in meinem Leben, immer wieder. Und am Schluß: Abschied nehmen vom Leben selbst. Dies alles ist nichts Neues, Luther kannte es so wie wir:  "die Angst mich zu verzweifeln trieb, daß nichts denn Sterben bei mir blieb ..."

Aber Luther, zusammen mit den Menschen seiner Zeit, hatte einen Trost: Wenn schon im irdischen Leben so vieles scheiterte, so sollte auf jeden Fall das ewige Leben gelingen. Und dafür konnte man auch etwas tun: Nämlich versuchen, ein möglichst perfekter Christ zu sein: Nicht für diese Welt, wohlgemerkt, sondern vor Gott. Es gab genaue Vorschriften in der damaligen Kirche, entsprechend dem alttestamentlichen Gesetz, und wer sie einhielt, galt als vollkomme-ner Christ  - als vollkommener Mensch vor Gott.

Doch auch hier -  in seinem Bemühen, vor Gott gerecht und gut zu sein -  auch hier machte Luther die gleichen Erfahrungen wie im irdischen Leben: Das meiste ging daneben. Wer ganz ehrlich zu sich war -  so wie Luther  - mußte sich eingestehen: Was ich auch tue, vor Gott bin ich nicht gut und nicht gerecht. Denn das Mißlun-gene ist mehr als das Gelungene.

... "die Angst mich zu verzweifeln trieb, daß nichts denn Sterben bei mir blieb ..." - und im Blick auf das ewige Leben fügt Luther noch hinzu: "... zur Höllen mußt ich sinken ..." Auch dies haben wir vorhin gesungen.

Mitten in dieser weltlichen, vor allem jedoch ewigen Verzweiflung entdeckt Luther, daß Gott ihm helfen möchte, ja, daß Gott ihm schon geholfen hat. Bloß hat er diese ausgestreckte Hand Gottes bisher nicht gesehen.

Gott möchte helfen:  Vielleicht hat man dies schon zu oft gehört, um es noch zu glauben. Doch bedenken wir, was es für Luther be-deutete: Er wollte sich bis dahin immer selber helfen, sogar im Blick auf das ewige Leben, doch es gelang ihm nicht. Er merkt: So wie ich mir im irdischen Leben oft nicht helfen kann, ebenso, ja noch weni-ger kann ich mir für die Ewigkeit helfen. Doch genau an diesem Tiefpunkt seines Leben erfährt er: Da, wo ich mir nicht helfen kann, da hilft Gott.  

Choralvorspiel zu "Nun freut euch ...", Ch.H. Rinck (1770-1846)
LIED 341,4-5  Da jammert Gott in Ewigkeit / mein Elend übermaßen
                       (Nun freut euch, lieben Christen'gmein)

PREDIGT  (Teil 2)

"... sei das Heil dem Armen ... und laß ihn mit dir leben!"
So spricht Gott der Vater zu seinem Sohn Jesus Christus. Dieses väterliche Erbarmen Gott des Vaters, dieses brüderliche Erbarmen Gott des Sohnes erfährt Luther am Tiefpunkt seines Lebens, wo sein ganzes Bemühen nur noch ein Scherbenhaufen ist.

Dieses Erbarmen Gottes erfährt Luther aber nicht zufällig, nicht ir-gendwo, auch nicht aus sich selbst. Er erfährt es beim Lesen in der Bibel. Es sind Worte aus dem Römerbrief, Kapitel drei, die sein Leben völlig verändern:

Römer 3,21-28

Die entscheidende Frage: Können diese Worte aus dem Römer-brief auch unser Leben verändern, so wie bei Luther?

So wie bei Luther vielleicht nicht -  denn wir sind Menschen einer anderen Zeit. Aber vielleicht packen diese Worte des Paulus, in de-nen er von der Gnade und Barmherzigkeit Gottes spricht, auch uns:  Dort, wo es uns in unserem Leben am meisten weh tut, dort, wo auch wir am Mittelpunkt unseres Leben immer wieder scheitern, mit anderen Worten: den Tod erleben.

Diese Worte des Paulus wurden für Martin Luther deshalb so wich-tig, weil sie für ihn alles auf den Kopf stellten, und zwar in gutem Sinne: Dort, wo bisher sein Scheitern stand, steht jetzt sein Ge-lingen  - aber nicht durch seine Kraft, sondern durch Gottes Gnade: wenn er an diese glaubt. Die GNADE Gottes und der GLAUBE - das ist das Vertrauen des Menschen in diese Gnade - dies führt zum Gelingen. Es ist ein von Gott geschenktes Gelingen, das an die Stelle des menschlichen Scheiterns tritt.

Diesen Zustand des Gelingens vor Gott nennt Paulus die "Gerech-tigkeit, die vor Gott gilt". Damit greift er die Überlieferung seines jüdischen Volkes auf. Gerechtigkeit bedeutet: im Einklang mit Gott.

Diese Gerechtigkeit bedeutet aber auch: Im Einklang mit mir. Wenn Gott bereit ist, mir das zu schenken, was ich vor ihm nicht erbringen kann, dann bin vielleicht auch ich bereit, mir das zu schenken, was ich vor mir und der Welt nicht erbringen kann. In diesem zweiten Falle bedeutet "schenken", daß ich es mir erlassen darf. Denn diese Gerechtigkeit  - mit Gott und mit mir im Einklang -  kann nicht durch Verdienste, nicht durch Leistungen erlangt werden. Nein, sie stellt sich immer dort ein, wo ich mir von Gott sagen lasse: "Das Wich-tigste für dich ist schon da -  weil ich, dein Gott, es dir geschenkt habe."

Ich glaube, wer sich dies sagen läßt, der kann von vielem frei wer-den: Von vielen Zwängen, die andere ihm auferlegen; von vielen Zwängen, die er sich selbst auferlegt; von dem Irrglauben, ein Mensch sei immer nur das, was er leisten und vorzeigen könne  - vor der Welt, vor sich selbst, vor Gott. Gott aber legt keinen Wert auf solche Leistungen.  "Das Wichtigste für dich ist schon da -  weil dein Gott es dir geschenkt hat." Paulus hat es gewußt, Luther hat es erkannt: Wir Menschen können nur leben, wenn wir auf diese Zusage Gottes vertrauen, an sie glauben.
"... allein durch den Glauben". Mit diesen Worten schließt der be-rühmte Text aus dem Römerbrief, Kap. 3.

Glauben? Kein blinder Glaube ist gefordert, sondern das Vertrauen auf Jesus Christus. Er hat unser Scheitern mitgetragen, bis in den Tod hinein, das tägliche Sterben, von dem ich zu Beginn sprach. Wer vor diesem Sterben ständig davonläuft, wer tausend Wege sucht, ihm zu entkommen, der ist von ihm auch tausendfach gehetzt und ihm deshalb auch tausendfach ausgeliefert. Wer diesem alltäg-lichen Sterben ständig etwas entgegensetzt, macht stets dieselbe Erfahrung: Es ist immer zuwenig, was ich auch tue. Ich kann mich selbst nicht anders erschaffen, als ich bin.
Christus aber hat dieses Sterben auf sich genommen und es damit überwunden. Wir können aufatmen. Zwar wird uns vieles auch wei-terhin mißlingen und entgleiten. Das Wichtigste aber -  für jeden von uns -  ist uns von Gott geschenkt und kann uns nicht genom-men werden: Die Gemeinschaft mit Christus, der lebt, weil er das Sterben nicht scheute. Auf dieses Wichtigste zu vertrauen und dar-aus zu leben -  das ist die ständige Einladung Gottes an uns.

Vielleicht gelingt es uns, in den alten Worten des Lutherliedes diese Nähe Gottes, die leben läßt, neu zu entdecken. Amen.

Wir singen nach dem Choralvorspiel die Strophen 6-8.

Choralvorspiel zu "Nun freut euch ...", M. Schneider (* 1909)
LIED 341,6-8  Der Sohn dem Vater g'horsam ward
                       (Nun freut euch, lieben Christen'gmein)
Choralstück zu "Nun freut euch ..", M.Weckmann (1621-1667)

 

Predigttext:
Pfarrer Zultner, Reformationstag 2002, Starnberg

Thema: Die zwei großen Reformationslieder Martin Luthers
             stehen in den Mittelpunkt:

             Ein feste Burg ist unser Gott (nach Psalm 46).
             Nun freut euch, lieben Christen'gmein

             Zu diesen beiden Liedern hören wir Orgelmusik
             aus mehreren Jahrhunderten

 

Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
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