Liebe Gemeinde,

was ist Kirche ? Wie ist Kirche, wenn sie es wirklich ist ? Wie hat Jesus Gemeinde gewollt ?

Das sind Fragen, die mich beschäftigen, wenn ich in einer neuen Gemeinde meinen Dienst antrete. Ein solcher Neubeginn ist eine Zeit der Überprüfung und der Vergewisserung - von mir selbst und meinem Auftrag, aber auch von dem, was ich vorfinde und zu gestalten habe.

Im Galaterbrief erinnert Paulus eine frühe christliche Gemeinde daran, was denn christliche Gemeinde ist. Er muß sie daran erinnern, denn die Galater sind in Gefahr, ihr Christ- und Gemeindesein zu verspielen, wie es oft auch in anderen Paulusgemeinden der Fall war.

Kurz und prägnant sind die Worte des Apostels, mit denen auch wir heutige Christen uns erinnern lassen, was wir in und an der Kirche haben und nicht verspielen sollen:

Zur Freiheit hat uns Christus befreit!

So steht nun fest und laßt euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen!

Denn in Christus gilt allein der Glaube, der durch die Liebe tätig ist.

Wenn Freiheit da ist, wenn wir es nicht zulassen, daß alte Zustände der Knechtschaft wiederkehren, dann ist Kirche da. Und vor allem: wenn es uns gelingt, diese Freiheit als eine geschenkte auf Christus zurückzuführen. Im Glauben wird sie empfangen, in der Liebe gelebt.

Das Wichtigste ist, daß wir diese Freiheit in der Kirche einander gewähren. Dieses Gewähren der Freiheit ist weit mehr als ein bloßes Laissez-faire. Es ist Ausdruck von christlicher Liebe. Aufgrund dieser in Liebe gewährten Freiheit kann ich sagen: Wir sind eine Kirche des Nicht-Müssens und darum eine Kirche des Könnens, eines Könnens in Freiheit. Wie dies sich auswirkt, möchte ich an fünf Punkten zeigen:

  • 1. Ich muß mich nicht rechtfertigen, den ich bin gerechtfertigt – durch Gott selbst ! Das ist die Freiheit der Kinder Gottes, von der die Bibel sagt, daß ihr die Herrlichkeit innewohnt ! Die Rechtfertigung, den Artikel, mit dem die Kirche steht und fällt, haben wir als eine Lehre. Zum Lebensgefühl unserer Kirche ist sie noch nicht geworden. Vielleicht gelingt es uns hier, in dieser Gemeinde.
     
  • 2. In der Kirche bin ich frei von der Knechtschaft des Alles-Müssens.
    Ich muß nicht alles selber können, weil es auch noch andere gibt, die manches besser können als ich. Dadurch aber bin ich auch frei, das zu tun, was ich besonders gut kann. Wenn jeder in der Kirche die Chance bekommt, sein Bestes zu geben, weil nicht Alles von ihm erwartet wird, dann kann die Kirche auch wieder Maßstäbe setzen. Dann würden wir aufhören, in so manchem eine dilettierende Kirche zu sein.

    Was es bedeutet, wenn Kirche ihr Bestes gibt, möchte ich Ihnen an einem eindrucksvollen historischen Beispiel zeigen:
    In seinen Anfängen mußte das Christentum sich nicht nur mit der politischen Macht, sondern auch mit der geistigen Macht, der damaligen Philosophie, auseinandersetzen. Von beiden wurde das junge Christentum angegriffen und in die Defensive gedrängt. „Den Griechen ist das Wort vom Kreuz eine Torheit“, so faßte schon Paulus seine Erfahrungen mit dem griechisch-philosophischen Kontext zusammen. Deutlicher übersetzt:  „Für die Philosophen der griechischen Welt ist die christliche Botschaft ein Schwachsinn“.
    Wie oft mögen die frühchristlichen Lehrer auf den Meinungsmärkten der antiken Welt höhnisches Gelächter geerntet haben – ein hingerichteter Gott, dieser Christus! - Wie oft mit dem drastischen Schwach-sinnsvorwurf zu beschämtem Verstummen gebracht worden sein. Und dann, in einem inneren Rückzug, gedacht haben: „Was habe ich mit diesen unbequemen Fragen, diesem Denken, dieser Philosophie zu tun ? Meine Welt ist doch der Glaube, und der ist mehr als alle Vernunft“. Doch auf genau diese bequeme Einteilung – hier Glaube, da Vernunft, Ende des Problems ! – ließen sich die Besten der frühen Kirche nicht ein. Sie verteidigten ihr Christentum gegenüber den Vor- und Anwürfen der Philosophie, deshalb hießen sie „Apologeten“ – wörtlich übersetzt „Verteidiger“ – und sie verteidigten offensiv, wie im modernen Fußball. Sie verteidigten im Strafraum des Gegners.
    Das Programm der frühen Christen hätte doch so bequem heißen können: „Die anderen haben das Denken, wir haben den Glauben, und der ist sowieso das Bessere“ – also das fundamentalistische Modell unserer Tage. Aber ihr Programm hieß anders. Es hieß: „Wir, die Christen, haben aus dem Glauben heraus die bessere Philosophie“. Weil unser Glaube, aus der Gottesoffenbarung gespeist, sich dem Denken aussetzt und in dieses eingeht und es ganz erfüllt.
    „Wir haben die bessere Philosophie“ – den Beweis für diese kühne Behauptung blieben die Apologeten nicht schuldig. Sie gewannen das Spiel im Strafraum des Gegners - und mit dessen Mitteln, doch mit eigenen Inhalten. Sie waren einfach gut, diese frühen Christen. Sie gaben ihr Bestes.
    So wurde eine Linie begründet, die bis heute anhält und die wir nur weiterführen können, wenn auch wir unser Bestes geben.

    Wie aber machen wir das, daß in der Kirche unser Bestes zum Vorschein kommt, und nicht das Halbherzige und Halbfertige, das keiner uns abnimmt, weil keiner so etwas braucht ?
    Die Kirche ist ein Raum der Freiheit, in dem jeder auf seine Weise sein Bestes geben kann. Weil ich nicht alles können muß, weil nicht alles von mir erwartet wird, habe ich die Chance, mein Bestes zu geben. Dies sollte für jede und jeden in der Kirche gelten: für die Ehren-, Neben- und Hauptamtlichen, für alle Getauften, kurz: für das Priestertum aller Gläubigen.

    Wäre das nicht ein besonderes – und ein besonders attraktives – Profil von Kirche, wenn man sagen kann: Da habe ich die Chance, mein Bestes zu geben ? In einem Umfang, den ich selber bestimme, in einem Maße, das mich fordert, herausfordert, aber nicht überfordert ?

    Bevor wir den Gedanken zur Freiheit weiter folgen, möchte ich Sie einladen, auch die Sehnsucht nach Freiheit in sich aufkommen zu lassen. Dazu verhilft uns Astrid Joachim, Solistin des Gospelchors, mit

                     „O freedom – freedom comin‘ over me“
     
  • 3. Ein dritter Aspekt von christusgeschenkter Freiheit in der Kirche:
    Es müssen nicht immer alle „Ja“ zu mir sagen, und ich muß nicht immer auf das „Ja“ aller hinarbeiten. Wir sind eine Kirche, in der auch das „Nein“ seinen Platz und seine Würde hat. Unterschiedliche Standpunkte sind eine Bereicherung und können einander weiterbringen – aber nur, wenn sie miteinander ins Gespräch kommen und nicht im harten Gegeneinander erstarren.
    Es ist für mich Evangelium, wenn wir einander die Chance des „Ja“ und des „Nein“ gewähren. Beides ist Ausdruck von christlicher Freiheit, und nur beides zusammen.
     
  • 4. Nur, wenn wir in unserer kirchlichen Arbeit die christusgeschenkte Freiheit leben, können wir diese auch als Evangelium anbieten.
    Nur, wenn wir diese Freiheit leben, unterscheiden wir uns wirklich erkennbar von der Welt und ihren Unfreiheiten oder angeblichen Freiheiten. Und nur durch eine Unterscheidung von der Welt können wir Kirche für die Welt sein, so wie Bonhoeffer es forderte und lebte. Dann sind wir als Kirche der Welt zugewandt, aber nicht verhaftet.
    „Ihr seid teuer erkauft; werdet nicht der Menschen Knechte“, warnt der Apostel in diesem Zusammenhang an anderer Stelle (1Korinther 7,23).
     
  • 5. Nur, wenn wir in der Kirche die christusgeschenkte Freiheit einander gewähren, können wir jene unglaublich zähe Trägheit aushalten, mit der die Welt Freiheit ablehnt. Es gibt nichts Schwereres, als Freiheit anzubieten, und deshalb hat das Christentum es nicht leicht.
    Viel lieber verkaufen sich die Menschen an Gurus und goldene Kälber aller Art, weil sie mit ihrer Freiheit auch ihre Verantwortung los sind, was zunächst ungemein erleichtert, bis eines Tages die ideologische oder materielle Umarmung zur Umklammerung wird und das Leben erstickt. Die Freiheit aber ist eine Wüstenerfahrung, ich bin dem Alleinsein mit Gott ausgesetzt und ich muß mir selbst begegnen, bevor ich in die Oasen der Gemeinschaft und Geborgenheit eintrete.
    Diesen vielleicht wichtigsten Punkt – daß Freiheit meist abgelehnt wird - kann ich hier nicht vertiefen. Ich hoffe aber, daß wir noch viel darüber reden. Lesen sie bis dahin mal den „Großinquisitor“ von Dostojewski, wo Christus von der Kirche – einer anderen als der von mir erträumten – noch einmal des Kreuzestodes schuldig gesprochen wird, weil er den Irrtum beging, die Freiheit anzubieten.
     

In diesen fünf Aspekten der christusgeschenkten Freiheit zeigt sich, wie Kirche sein soll und sein kann. Im Mittelpunkt steht für mich das, was ich ausführlicher dargestellt habe und das „qualifizierte Priestertum aller Gläubigen“ nennen möchte:  Wenn wir einander so ins Spiel bringen, daß jeder sein Bestes geben kann. Sein Bestes - also ein Bestes, das kein anderer zu bieten hat. Nicht als Leistung, die vor Gott und den Menschen vorzuzeigen unseren Wert erst begründen würde. Sondern als Antwort auf die christusgeschenkte Freiheit, und allein aus dieser heraus.

Mit dem folgenden Lied bitten wir Gott um sein Erbarmen für uns in der Kirche und für uns als Kirche. Wir bitten ihn, daß er sich uns in den Weg stellt, wann immer wir Gefahr laufen, die christusgeschenkte Freiheit zu verspielen und in alte oder neue Knechtschaften zu verfallen:

Sonne der Gerechtigkeit, gehe auf zu unserer Zeit. Amen

 

Predigttext:
Pfr. Johanes Zultner,
7. Sonntag nach Trinitatis , 14. Juni 2002, Starnberg
Einführungsgottesdiens

Thema: Galatar 5,16

 

Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
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