Predigttext:
Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns,
Lätare 10. März 2002, Berg

Thema: Versuchungs Jesus - Lukasevangelium 4, 1-13
          
(unter Einbeziehung der Paralleltexte bei Markus und Matthäus)

 

Liebe Gemeinde,

Überlieferungen von Jesus haben dem Zweck gedient, Erinnerungen an seinen Weg, seine Worte und vor allem an sein Ende und seine Auferstehung weitergeben zu können. Das geschah erst mündlich, später dann auch schriftlich. Die vier Evangelien, die wir haben, sind theologisch überarbeitete Zusammenstellungen solcher Einzelstücke, die im letzten Viertel des 1. Jahrhunderts entstanden sind. Aus ihnen ist in den Gottesdiensten der christlichen Gemeinden regelmäßig vorgelesen worden. Jedes Evangelium hat seine eigene Prägung, und diese jeweilige Prägung hängt mit der religiösen und kulturellen Herkunft der Gemeinden zusammen.

Stärker als die anderen Evangelien ist das Lukasevangelium daran interessiert, in dem Weg Jesu und in den Erzählungen von ihm zugleich den Weg deutlich zu machen, den die Christinnen und Christen gehen können, wenn sie Jesus nachfolgen wollen. Jesus ist der, der vorangeht und den Gemeinden den Weg ins Reich Gottes bereitet. Damit die Christen in Jesu Weg auch einen Weg für sich selbst erkennen können, hat Lukas so viele Fragen wie möglich aufgenommen, die sich einem Christen in der Welt, wie sie ist, stellen, wenn er versucht, Jesus nachzufolgen. Was Jesus widerfährt und wie er darauf reagiert  – darin soll die Gemeinde auch für sich die Antwort finden, wenn sie in ähnliche Situationen kommt. Als einziger Evangelist hat Lukas sein Evangelium in einem zweiten literarischen Werk fortgeführt: in der Apostelgeschichte. In ihr wird erzählt, wie die Gemeinde Jesu ihren Weg in der Welt geht ohne den leiblich gegenwärtigen Herrn, aber begleitet vom auferstandenen Christus. Und spätestens hier wird klar, daß Evangelium und Apostelgeschichte auch für uns geschrieben worden sind und uns helfen wollen, unseren Weg in der Welt, wie sie ist, und mit all den Fragen, die sie aufwirft, gehen zu können.

Diese Absicht, Jesu Weg als Wegweisung für diejenigen zu schreiben, die ihm nachfolgen wollen, zeigt sich augenfällig in einem kleinen Unterschied, der die lukanische Fassung von den Fassungen der Versuchung Jesu bei Matthäus (4, 1-11) und Markus (1, 12-13) abhebt. Während dort zu lesen ist, am Ende seien Engel erschienen, um Jesus zu dienen, läßt Lukas diesen Engeldienst weg. Er wollte seiner Gemeinde keine falschen Hoffnungen machen: Christen sollten nicht angeleitet werden zu erwarten, daß ihnen nach einer überstandenen Versuchung Engel dienen. Deshalb vermeidet er es, Jesus über die Gemeinde emporzuheben.

Allen Evangelien gemeinsam ist, daß die Versuchung Jesu nicht vom Teufel, sondern vom Heiligen Geist selbst inszeniert wird: Er treibt Jesus heraus in die Wüste, in eine unbehauste Gegend, und läßt ihn vierzig Tage und Nächte dort fasten. Markus berichtet nur dies, erwähnt aber mit knappen Worten noch etwas, womit die anderen beiden offenbar gar nichts haben anfangen können und deshalb nicht in ihr Evangelium übernommen haben: daß Jesus in der Wüste „bei den Tieren“ war. Das erinnert an eine Zeit, für die der Begriff „Paradies“ steht, oder an Schilderungen des Friedensreiches Gottes, in dem Menschen und Tiere einst friedlich miteinander leben werden (Jesaja 11, 1-11). Ob nun diese kurze Beschreibung der Versuchung Jesu bei Markus oder ihre in drei Schritten vor sich gehende Schilderung bei Matthäus und Lukas – inszeniert wird die Versuchung Jesu vom Geist Gottes. Darin hebt sich diese Versuchungsgeschichte deutlich von derjenigen ab, die wir im 1. Kapitel des Hiob-Buches haben. Denn da ist es Satan, der den Anstoß dazu gibt, Hiob auf die Probe zu stellen.

Wenn aber Gottes Geist in die Versuchung führt, dann kann keine zerstörerische, keine böse Absicht damit verbunden sein. In der Tat geht es um etwas anderes. Es geht darum, den Versucher vor der Gemeinde buchstäblich „vorzuführen“ und zu entzaubern. Sie soll erkennen, was Versuchung ist, womit „der Versucher“ arbeitet und wie ein Christ in der Versuchung standhalten kann. Und dabei geht es natürlich um den Glauben. Er soll durch Jesu Beispiel gestärkt werden. Das erste, was wir an Jesu Beispiel ablesen können, hängt damit zusammen, daß bei allen Evangelisten die Taufe Jesu der Versuchung vorangeht. In der Taufe hat der Geist deutlich gemacht, daß er mit Jesus ist. Und das ist ein Hinweis auch für uns Christen: Auch wir haben in der Taufe den Geist Gottes bekommen. Auf ihn können wir uns berufen, mit ihm können wir uns wehren, wie Jesus sich gegen die Versuchung gewehrt hat.

Matthäus und Lukas wissen mehr über die Zeit in der Wüste. Die Versuchung Jesu besteht aus drei Versuchungen. In der ersten soll Jesus dazu verleitet werden, aus Steinen Brot zu machen. Dabei geht es nicht um eine Art Zauberkunststück. Damit wäre das Wesen der Versuchung völlig missverstanden. Es geht um das Mittel zu einem guten Zweck: Wo es so viel Hunger in der Welt gegeben hat und gibt, da taucht doch irgendwann fast von selbst die versucherische Frage auf, die Jesus jetzt gestellt wird: „Bist du Gottes Sohn, so gebiete diesem Stein, daß er Brot werde!“ Mit einem Schlag wären alle Hungerprobleme in der Welt gelöst! Das wäre doch etwas, das zu Jesus paßt! Und trotzdem lehnt Jesus ab und sagt: „Nicht allein vom Brot wird der Mensch leben“. Wenn Jesus dieser Verlockung gefolgt wäre, wäre er ganz und gar in die Rubrik der Wundertäter einzuordnen gewesen. Aber damit hätte er seine Botschaft, seinen wahren Dienst an der Menschheit verstellt. Was Jesus den Menschen entdecken wird, ist nicht, wie sie ihre leiblichen Bedürfnisse mit seiner göttlichen Hilfe stillen können. Auf diese Bedürfnisse weist aber sein Gebot der Nächstenliebe, weist das große Gleichnis vom Weltgericht (Mt 25, 11-32), in dem es um Solidarität als Maßstab dafür geht, ob wir am Reich Gottes teilhaben werden. Es gehört zu unserer Menschenwürde, daß wir durch Arbeit, Politik und Diakonie dafür sorgen, daß alle zu essen haben. Würden wir an einen Dauertropf gehängt, aus dem himmlisches Manna fließt, wäre unsere Menschenwürde dahin. Leben ist nicht gleichzusetzen mit Essen, Verzehren, In-sich-Einverleiben. Das Leben, dem Jesus den Weg weist, kommt aus der Liebe und befähigt dazu, Verantwortung für andere zu übernehmen. Darauf weist das Wort Gottes; eine Brotvermehrung allein hätte darauf nicht gewiesen. Matthäus hat die Antwort Jesu daher um einen zweiten Teil erweitert: „Nicht vom Brot allein wird der Mensch leben, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund hervorgeht“. Da ist schon die Predigt der Kirche im Blick. An ihrer Aufgabe hat sich bis heute nichts geändert.

Die zweite Versuchung (bei Matthäus ist das die dritte) will auch Gutes erreichen: Jesus soll Weltherrscher sein. Wieder wäre dieser Gedanke missverstanden, wollte man zuerst etwas Böses sehen. Jesus als Weltherrscher! Was für ein toller Gedanke! Auch dadurch könnten doch alle Probleme der Welt in seinem Sinne gelöst werden! Denn alle „Macht und Herrlichkeit“ der Erde, „the power and the glory“, stünden ihm zur Verfügung. „In einem Augenblick“ führt der Versucher Jesus dies alles vor Augen. Und Lukas weiß als einziger, der Versucher habe behauptet, ihm allein stünde es zu, diese Macht und Herrlichkeit zu vergeben, an wen er will. Liebe Gemeinde, hier müssen offenbar der menschliche Wunsch, „alle Macht und Herrlichkeit“ haben zu wollen, und des Versuchers Vollmacht, darüber zu verfügen, zusammen gesehen werden. Und dann klärt sich, daß der Versucher nur deshalb diese Macht hat, weil unser menschlicher Wunsch, alle Macht und Herrlichkeit der Welt besitzen oder doch wenigstens kräftig daran Anteil haben zu wollen, bereits versucherisch ist. Er übersteigt nämlich unser Menschenmaß. Er verzerrt das Menschsein. Und wie so oft weiß auch hier ein geflügeltes Wort unserer Sprache, worum es geht. Denn wir sagen ja auch von jemandem, der die Karriereleiter sehr hoch „hinaufgefallen“ und dabei vielleicht auch rücksichtslos vorgegangen ist, er sei „ein hohes Tier geworden“. Das Menschsein hat er zurücklassen müssen, heißt das. Und wir müssen daran denken, daß sich in der Offenbarung des Johannes in der Endzeit Christus, das Lamm Gottes, und der Weltherrscher gegenüberstehen, der als „das Tier“ bezeichnet wird. Der Wunsch, alle Macht und Herrlichkeit haben zu wollen, das kommt hier heraus, ist in sich selbst „teuflisch“: er ist lebensfeindlich, zerstört alle Geschwisterlichkeit des Lebens, hindert uns daran, anderen mit unseren Gaben zu dienen. Daß dieser Wunsch auch gottfeindlich ist, können wir erkennen, wenn wir den Lobspruch am Ende des Vaterunser ansehen: „dein ist das Reich und die Herrlichkeit“ - sie gehören Gott. Wenn wir Gott mit diesem Bekenntnis loben und preisen, ist kein Platz mehr für den Wunsch, selbst alle Macht und Herrlichkeit haben zu wollen. Dann ist sie für alle Zeit an Gott vergeben. Deshalb antwortet Jesus: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, anbeten und ihm allein ehren“. Da liegt der Schlüssel zur Abwehr aller Versuchung.

Die dritte (bei Matthäus: zweite) Versuchung zeigt uns, wie lernfähig die Stimme der Versuchung in unserem Herzen arbeitet: Das Bibelzitat, mit dem Jesus sich bisher gewehrt hat, schickt der Versucher seiner Zumutung nun selbst schon voraus. Wie raffiniert! Also: Da Gott seinem Sohn doch sicher nicht verwehren wird, was er dem Frommen verheißen hat – laß dich von seinen Engeln tragen! Ja, gib doch Gott einmal eine Chance, seine Macht in einer öffentlich inszenierten Show zu demonstrieren! Stürze dich von der Zinne des Tempels! Laß dich zur Erde tragen! Das wird Eindruck machen, du wirst einen weltbewegenden Auftritt haben! Das würde Gottes Sache nutzen! Jesu Antwort ist knapp: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen“. ‚Du sollst nicht Gottes Teufel spielen, indem du Gott für deine Zwecke benutzen willst.’ Und damit schlägt Jesus den Versucher aus dem Feld. Erst später (Lk 22,3) versucht er es noch ein letzten Mal, Jesus aus der Bahn zu werfen: Als er in Judas fährt und Judas Jesus verrät. Judas war sich dann eine Zeit lang sicher, mit dem Verrat etwas Gutes zu tun.

Es gibt viele dramatische, tragische geschichtliche Beispiele dafür, daß Menschen Gott benutzt haben, um für sich alle Macht und Herrlichkeit bekommen zu wollen. Eins davon ist die Rassentrennung, Apartheid, in Südafrika gewesen. Denn sie wurde aus der Bibel begründet, so irrwitzig uns das heute auch vorkommt. Im Namen Gottes wurden alle Privilegien den Weißen vorbehalten, volle Menschenrechte den Farbigen genommen. Aber wir dürfen nicht allein zurückschauen, wenn wir begreifen wollen, worum es geht. Denn heute stehen wir durch all die technischen Möglichkeiten, die wir Menschen entwickelt haben, wieder vor schweren Versuchungen. Eine rät uns, menschliche Stammzellen, die aus Embryonen gewonnen werden, in Leben verbrauchender, d.h. Menschenleben tötender Forschung einzusetzen. Wieder geht es um Gutes – „Leben retten“. Doch das Mittel, das dazu eingesetzt wird, ist nicht gut. Für den Zweck kann man sich auf Gott berufen, für das Mittel zum Zweck nicht. Wenn das aber so ist, wird auch der gute Zweck vom unakzeptablen Mittel überschattet. Und blicken wir genau hin, wird der Wunsch, alle Krankheiten heilen zu wollen, als ein lebensfeindlicher Wunsch erkennbar: er brächte das Leben aus der Balance.

Das Wesen der Versuchung ist, Gott zu versuchen, Gott in Dienst nehmen zu wollen – mythisch gesprochen: Gott gegenüber Teufel zu spielen. Darum hat Lukas die Tempelsturz-Versuchung an den Schluß gestellt. Nun können wir noch einmal fragen: Von wem ist dem Versucher alles übergeben worden, so daß er geben kann, wem er will? Antwort: Von denen, die den versucherischen, d.h. Gott instrumentalisierenden Gedanken in sich entwickeln! Denn „der Versucher“ hält Jesus nichts anderes vor – als unsere tiefsten Wünsche. Der „Versucher“ ist kein Anti-Gott, der Gott gleichrangig gegenüberstünde. „Satan“, „Teufel“, „Versucher“ – das sind Personifizierungen, die deutlich machen, welche Gewalt solche Wünsche über uns haben können: sie können unser Denken und Handeln bestimmen. Und das gilt nicht nur für uns als Einzelne, sondern auch für ganze Völker. Eine Macht über uns ist, hat „der Versucher“ nur, wenn wir ihm quasi-göttlichen Rang einräumen. Und das tun wir, wenn wir die Versuchungen auf einen personhaften „Versucher“ projizieren. Die Attraktion dieses Gedankens besteht aber darin, daß dann, wenn es einen personifizierten Versucher gibt, wir jemanden außerhalb von uns selbst verantwortlich, haftbar machen können für die Wünsche, die aus uns selber kommen.

Nein, wir brauchen unsere ins Maßlose gehenden Wünsche, für die wir Gott so gerne in Dienst nehmen wollen, nicht mehr wie in mythischer Sprache auf einen Teufel zurückzuführen. Um des Lebens, um der Geschwisterlichkeit und der Gottheit Gottes willen können wir sie in uns als versucherisch aufdecken – indem wir auf Jesu Versuchungen und seine Abwehr sehen. Auch in ihm sind versucherische Gedanken aufgekommen. Wäre er ihnen gefolgt, hätte er seine Haut wohl noch für ein paar Jahre retten können. Aber uns hätte keiner den Weg zum Leben gewiesen, keiner „den Versucher“ enttarnt und entmachtet.

 

Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns, Berg

 

Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
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