“Und als sie wanderten, sagte einer auf dem Weg zu ihm: Ich will dir nachfolgen, wohin du auch gehst. Und Jesus sprach zu ihm: Die Füchse haben ihre Gruben und die Vögel des Himmels haben ihre Nester; der Sohn des Menschen dagegen hat nicht, wo er sein Haupt hinlegen kann.

Er sprach aber zu einem anderen: Folge mir nach! Der antwortete: Erlaube mir, zuvor hinzugehen und meinen Vater zu beerdigen. Da sprach er zu ihm: Laß die Toten die Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!

Es sagte aber auch ein anderer: Ich will dir nachfolgen, Herr - zuvor jedoch erlaube mir, von denen, die in meinem Hause sind, Abschied zu nehmen. Da sprach Jesus zu ihm: Niemand, der seine Hand an den Pflug legt und zurückblickt, ist tauglich für das Reich Gottes.“

Lukas 9, 57-62

 

Liebe Gemeinde,

 

„Oh, Du lieber Jesus, was bist Du doch für ein harter Herr gewesen! Hast Du denn gar kein Herz gehabt? Gar kein Verständnis für diese jungen Männer, die doch zu allem entschlossen waren, aber nur noch Abschied nehmen wollten von ihren Lieben, oder den Vater beerdigen? Galt denn bei Dir keine Pietät?“

Es läuft einem kalt den Rücken herunter, wenn man sich diese kurzen Gespräche als wirkliche Szenen mit einem Lebenshintergrund vorstellt, wie wir ihn kennen – und als Ausdruck von Herzensbildung ja auch pflegen! Würden Sie einem solchen Meister Ihren Sohn, Ihre Tochter oder Ihr Enkelkind anvertrauen wollen? Ich hätte, würden sie mir heute solche Gespräche erzählen, meinen Kindern gegenüber alle Überredungskunst eingesetzt, um sie davon abzuhalten, einem Menschen zu folgen, dem Familienbande offenbar gar nichts bedeuten.

Doch: Solche inneren Probleme mit der Jesus-Überlieferung, liebe Gemeinde, sind ein typisches Produkt unserer Predigtpraxis. Denn die Kirchen verfahren seit langem so, daß sie kleine Textabschnitte – diesmal sind es ganze sechs Verse – einem Sonntag als Lesung zuweisen. Diese „Perikopen“ kommen zustande, indem man Verse, die irgendeinen Gedanken, ein Gleichnis oder ähnliches zum Inhalt haben, aus ihrer Umgebung, aus einem größeren Kapitel also, „herausschneidet“, wie das griechische Wort sagt. Aber indem man so verfährt, verselbständigen sich diese Abschnitte auch gern, führen plötzlich ein Eigenleben. Und so, aus dem Zusammenhang gerissen, erzeugen sie Probleme, die im Zusammenhang betrachtet, nicht aufkommen.

Also schauen wir uns den Zusammenhang an! In dem großen Kapitel Lukas 9 beginnt Jesu Weg zum Kreuz. Jesus weiß, wie dieser Weg zum Passahfest, nach Jerusalem, für ihn enden wird. Außerdem ist er, wie die meisten seiner Zeitgenossen, davon überzeugt, daß die Welt vor einem Umsturz steht. Viel Zeit ist, viel Zeit hat er nicht mehr. Und so ordnet er seine Sendung. Er tut es, indem er seine Jünger, die bis hierher mit ihm gezogen sind, bevollmächtigt und beauftragt, in seine Sendung einzutreten und sie fortzusetzen. V.1: „Er rief aber die Zwölf zusammen und gab ihnen Macht und Gewalt über alle Dämonen und zur Heilung von Krankheiten; und er sandte sie aus, das Reich Gottes zu predigen und zu heilen.“ Das heißt: Er stellt sie in das Heilandsamt ein. Sie sollen Heil und Heilung verbreiten, Seele und Leib heilen und so den Anbruch des Gottesreiches in der Welt erkennbar, fassbar werden lassen. Die Menschen, die geglaubt hatten, Gott sei ihnen unendlich fern, sollen erkennen und am eigenen Leibe spüren: Gott, unser Schöpfer, sieht das Elend der Menschen und greift helfend ein!

Aber Leib und Seele zu heilen, den Himmel zu revolutionieren und den liebenden Gott zu bezeugen, das ist kein Job, den man nur bis Feierabend macht. Hier geht es um den Umsturz der gewohnten Welt. Hier wird die Ordnung von Himmel und Erde geändert: Aus dem Herrscher im Himmel wird der unbedingt liebende Gott. Herunter aus der Himmelsferne steigt er, geht hinein in die Lebensbezüge der Menschen. Da, wo Menschen leiden an Seelen- oder Leibesnöten, will er selbst, Gott, durch Jesus und die Seinen fortan seinen eigenen Gottesdienst an den Menschen tun. Die Welt wird neu entworfen, und Jesu Jünger und Jüngerinnen sind Teil dieses Entwurfs.

Revolutionäre haben keinen anderen Auftrag als Revolution, schon gar nicht, wenn es um die Botschaft von der bedingungslosen Liebe Gottes geht. Wofür lohnt es sich zu leben, wofür lohnt es sich zu sterben? Nur wer liebt, weiß auf beide Fragen eine Antwort. Für die Liebe. Mehr braucht es nicht zu dieser Revolution. Als Jesus die Jünger aussendet, entlastet er sie darum von allem anderen, was sie belasten könnte: (V. 3-5) „Und er sprach zu ihnen: Nehmet nichts mit auf den Weg, weder Stab noch Tasche noch Brot noch Geld, noch soll einer zwei Röcke haben.“ Ihr werdet im Herzen unsicher, wenn ihr euch absichern wollt. „Und in dem Haus, in das ihr hineingeht, da bleibet (über Nacht) ... Und wo immer sie euch nicht aufnehmen, da ziehet aus jener Stadt weiter und schüttelt den Staub von euren Füßen ....“ Und so ziehen sie los.

Aber Jünger und Jüngerinnen sind Menschen. ‚Ja, ja,’ sagten sie sich: So hat er gesagt. Aber ...’ Und dann, mit den kleinen und großen Aber kamen die Fragen.

Aber? Nichts zu essen sollen wir mitnehmen? Die Antwort gibt die Erzählung von der wunderbaren Speisung der 5000, die Lukas kurz nach der Aussendung der Jünger berichtet (V.10-17). Ihr werdet unterwegs genug zu essen bekommen. Ihr, die ihr hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, werdet satt werden! (vgl. Mt 5, 6)

Aber: Wer bist Du eigentlich, daß du uns zu Heilanden bevollmächtigen kannst? Petrus spricht das Christusbekenntnis (V. 20): Du bist der Gesalbte Gottes. Und in der Geschichte von der Verklärung Jesu, die auch im 9. Kapitel steht (V. 28-36), können sie die Stimme Gottes hören, die wie bei der Taufe Jesu sagt: „Dies ist mein geliebter Sohn, auf ihn hört!“  Also: Gott mit Dir, Gott mit uns.

Aber: Wohin geht die Reise mit Dir? Nun kommt das Bekenntnis Jesu zu seinem Weg: (V. 22) „Er sprach: Der Sohn des Menschen muß viel leiden ... und getötet werden. Und am dritten Tag wird er auferstehen.“ Nun ist es heraus. Wenn sie Jesus jetzt noch weiter folgen, wissen sie, daß es kein Triumphzug wird. Sie werden am Ende allein sein, allein tun müssen, wozu er sie beauftragt hat. Er aber wird für sie alle den Tod durchbrechen. Es wird kein Leid für sie geben, aus dem heraus er nicht den Weg wüßte. Denn kein Tod endet euer Leben mehr, wenn ihr euch von meiner Liebe anstecken laßt. Also versucht nicht, dem Tod mit allen Mitteln auszuweichen. So werdet ihr euer Leben nicht retten. Haltet euch an mich. Denn: „Wer sein Leben selbst retten will, der wird es verlieren.“ (V. 24)

Aber: Dämonen austreiben? Wir? Jesus führt es vor, indem er den epileptischen Knaben heilt (V. 37-43). Später, als sie es selbst riskiert haben, haben sie Jesus abends berichtet: „Herr, auch die Dämonen sind uns untertan kraft deines Namens!“ (Lk 10, 17) Aber so weit sind sie noch nicht.

Noch gibt es Aber: Was ist mit den anderen Therapeuten, die Dämonen austreiben, und die nicht Deine Jünger sind? Werden wir denn wenigstens ein Privileg vor ihnen haben? Jesu Antwort lautet: Nein. „Wehrt es ihnen nicht! Denn wer nicht gegen euch ist, der ist mit euch.“ (V. 49-50) Seht allein darauf, daß Menschen frei werden von ihren Gefangenschaften!

Aber: ‚Aber wenn nun jemand gegen uns ist, uns beschimpft, rauswirft – was dann? Dann können wir doch endlich richtig von unserer himmlischen Vollmacht Gebrauch machen und Feuer vom Himmel fallen lassen und sie verzehren?’ Da reicht es Jesus. Denn sie wollen Gott in das alte Schema von Gewalt und Gegengewalt einspannen: „Er wandte sich um und bedrohte“ seine Jünger. (V. 51-56)

Die haben sich den Weg mit Jesus anders vorgestellt. Gar nichts von der Größe, die sie gesucht haben, werden sie mit ihm finden. Als sie sich untereinander streiten, wer der Größte sei, stellt er ein Kind in ihre Mitte und sagt: „Wer der Kleinste ist unter euch allen, der ist groß.“ (V. 46-48) Auch das wird er ihnen vormachen – wenn er sich ohne jeden Glorienschein aufs Kreuz nageln lassen wird, wenn er sich darauf festnageln lassen wird, daß Gott uns ohne Wenn und Aber liebt und durch den Tod hindurch in ein neues Leben verwandeln wird.

Welch ein Ziel! Aber - welch ein ernüchternder Weg! Und nun kommt’s heraus: Nicht weil Jesus ein harter Herr wäre, sondern weil er die Wahrheit nicht verdecken, niemandem etwas vormachen will, sagt er dem, der enthusiastisch gerufen hatte: „Ich will dir nachfolgen, wohin du auch gehst!“, ernüchternd: „Des Menschen Sohn hat nicht, wo er sein Haupt hinlegen kann.“ Denk dran. Am Tod kommst Du mit mir nicht vorbei. Aber ich führe dich durch den Tod hindurch.

Vor so viel Ernüchterung wird den eifrigen Jüngern das Herz kühl. Und so, wie wir vor einer schwierigen Entscheidung gern „noch eine Nacht drüber schlafen“ wollen, wie wir im Sprichwort sagen, so wollen sie sich noch einmal zurückziehen, zu Hause aufwärmen, noch einmal in das alte Leben zurückkehren, wenn auch nur kurz: „Erlaube mir, zuvor hinzugehen und meinen Vater zu beerdigen.“ Jesu Antwort ist knapp: Du bist mit mir auf dem Weg. Du hast nur noch eine Aufgabe: „Geh hin und verkündige das Reich Gottes.“ (V. 60) ‚Laß diejenigen, die in der alten Welt bleiben, deinen Vater begraben. Du wirst für etwas Neues gebraucht! Geh weiter, nicht zurück!’

Und das ist auch die Antwort für den, der sich noch einmal umarmen lassen will von denen, die in seinem Hause sind. Ihm sagt Jesus: „Niemand, der seine Hand an den Pflug gelegt hat und zurückblickt, ist geeignet für das Reich Gottes.“ (V. 62) Das ist ein Gleichnis.

 Alle Gespräche und Handlungen in diesem Kapitel reden gleichnishaft von Weichenstellungen, die sich mit Jesus verbinden. Auch für uns. Der Gott, der sich in Jesus Christus bekannt gemacht hat, ist der, von dem es im 1. Johannesbrief heißt: „Gott ist Liebe. Wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.“ (4, 16) Das ist ein kompromissloser Satz. Wir sind mit Jesus unterwegs. Hinter einen Gott, der kompromißlos Liebe ist, führt Jesus uns nicht zurück. Aber voraus in seine Arme.

Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns, Berg

 

Predigttext:
Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns,
Okuli 3. März 2002, Starnberg und Aufkirchen Berg

Thema: Lukasevangelium 9, 57-62

 

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