Predigttext:
Prof. Dr. Klaus-Peter Jörns,
Invokavit, 17.02.2002 Berg

Thema: Jak 1,12-18

 

Die Frage, ob Gott uns Menschen zu bösem Tun versucht oder nicht, ist nicht neu: Das 2. Buch Samuel, Kap. 24, erzählt uns, daß und wie König David auf die Idee gekommen ist, das Volk – und insbesondere die verfügbaren Krieger - zu zählen. David wollte wissen, ob er die Nachbarvölker mit Aussicht auf Erfolg angreifen könne. Als er die Zählung beendet hatte, wußte er, daß er sich zu einer großen Sünde hatte „reizen“ lassen. Denn er hat nicht auf die Macht seines Gottes vertraut, sondern auf die Zahl seiner Krieger. Als Strafe dafür werden 70.000 Menschen von Jahwe durch die Pest hingerafft. Das noch Erstaunlichere an der Geschichte ist aber, daß sie auf Jahwes eigene Veranlassung hin geschieht: 2. Sam 24,1 heißt es nämlich: „Und der Zorn des Herrn entbrannte abermals gegen die Israeliten, und er reizte David gegen sie, indem er sprach: Geh hin, zähle Israel und Juda.“

Als derselbe Erzählstoff Jahrhunderte später vom sogenannten Chronisten noch einmal überarbeitet worden ist, war ihm diese Stelle ein Ärgernis. Er konnte sich – im 3. Jh. vor Christi Geburt - von seinem Gott schon nicht mehr vorstellen, daß er David zur Sünde gereizt und anschließend dafür bestraft haben könnte. Und so ändert der Chronist den Anfang der Erzählung um und schreibt: „Und Satan trat auf gegen Israel und reizte David, Israel zählen zu lassen.“ (1. Chron 21,1) Gott und Satan – so nahe beieinander?!

Was war geschehen in den Jahrhunderten seit der ersten Fassung der Erzählung? Die Gottesvorstellung hatte sich geändert. Gott wird nun nicht mehr als derjenige geglaubt, der das Böse verursacht, indem er zum Bösen versucht. Von ihm kommt nur Gutes. Das Böse, die Versuchung, geht von Satan aus.

Auf dieser gedanklichen Linie finden wir, jedenfalls beim ersten Blick, auch die eben als Sonntagsevangelium gehörte Erzählung von der Versuchung Jesu (Mt 4, 1-11). Satan ist der Gegenspieler Gottes. Doch auf den zweiten Blick sehen wir: Ein Gott ist Satan nicht. Er kommt eher daher wie der Boss eines Global Players, der den Gottessohn zur Stärkung seiner weltbeherrschenden Stellung gerne an sich binden würde. Er ist gefährlich, versucherisch in seinen Angeboten. Aber der Mensch hat eine Chance gegen ihn - wenn und indem er sich fest an Gottes Wort hält. Jesus führt es uns vor. Sehr verwandt klingt es auch in der Lehrschrift, die wir im NT unter dem Namen „Jakobusbrief“ haben. Ihm ist der für heute, den Anfang der Passionszeit, vorgeschlagene Predigttext entnommen. Der christliche Weisheitslehrer weiß davon, daß wir Menschen versucht werden, von dem Weg abzuweichen, auf dem wir nach Gottes Willen gehen sollen. Aber alles liegt ihm an folgender Aussage und Mahnung:

„Niemand sage, wenn ihn Versuchungen treffen, Gott ist es, der mich in Versuchung führt. Denn Gott, der vom Bösen nicht versucht werden kann, er führt (auch) niemanden in Versuchung. Wo immer ein Mensch in Versuchung gerät, da ist es seine eigene Gier, die ihn reizt und lockt. Und dann wird die Gier schwanger und gebiert die Sünde; die Sünde aber, wenn sie an ihr Ziel gekommen ist, gebiert den Tod.“ (Jak 1, 12-15) „Täuscht euch nicht, meine lieben Brüder: Von ‚oben’, von Gott, kommt alle gute Gabe, jedes vollkommene Geschenk“ (V. 16-17a) „Gott ist der Vater der Lichter. Er ist unwandelbar (in seiner Liebe) und kann sich nicht verfinstern, (wie Gestirne) es auf ihren Wendebahnen tun. Gott will uns! Er hat uns geboren durchs Wort der Wahrheit, damit wir gleichsam Anfang seiner (neuen) Schöpfung seien.“ (V. 17b-18)

Bei Jakobus ist es nun die „Gier“, die „Begierde“, die Satans Werk tut, und zwar in uns. Das Böse tritt nicht mehr als eigene, widergöttliche Macht von außen an uns heran, sondern lauert in uns, in Herz und Sinn. Von Gott aber geht nur Gutes aus. Und der Jakobusbrief formuliert die sonst nirgends in der Bibel zu findende steile These: Gott führt niemanden in Versuchung.

Zwei Absichten leiten Jakobus wohl: Zum einen will er Gottes Güte und Wohlwollen uns gegenüber nicht ins Zwielicht geraten lassen. „Gott will uns!“ schreibt er, Gott sagt Ja zu uns - ohne Einschränkung. Er ist nicht wie ein Stern, nicht wie Sonne und Mond, die sich unseren Blicken in bestimmten Abständen verfinstern. Zum anderen will Jakobus die Christen mit aller Energie daran erinnern, daß sie für ihr Tun und Lassen verantwortlich sind. Die Zehn Gebote, die Bergpredigt Jesu und andere Überlieferungen, die den Willen Gottes bezeugen, sind uns bekannt – und zumutbar. Wir sollen uns nicht hinter einer These vom versuchenden Gott verstecken, uns nicht aus der Verantwortung für unser Handeln herausreden können, nicht sagen: Er hat uns versucht, und wir haben leider nicht die Kraft gehabt, dieser Versuchung standzuhalten. Also sind nicht wir, sondern ist Gott selbst es, der uns in Gefahr gebracht hat. Werden wir schuldig, dann ist folglich Gott selbst schuld an unserer Schuld, und jede Strafe wäre ungerecht.

Das sind einleuchtende Gedanken. Sie haben, wie wir sahen, bereits das 1. Chronikbuch dazu bewogen, da, wo in der uralten Überlieferung noch von Gott als Versucher geredet worden war, Satan einzusetzen. Doch so einleuchtend diese Lösung des Problems auch ist, mit dem sich die Menschen seit alters herumschlagen: Gewichtige Erfahrungen und Überlieferungen bleiben unbeachtet, wenn wir das Gute - und was wir dafür halten - strikt mit Gott und das Böse – und was wir dafür halten - strikt mit Satan verbinden, ganz gleich, ob Satan außerhalb oder innerhalb von uns selbst gedacht wird. Denn:

Der Preis für diese klare Unterscheidung ist ein gespaltener Himmel. Denn dadurch stehen sich zwei quasi göttliche Mächte im Kampf um die Seele des Menschen gegenüber. In manchen Religionen werden diese Mächte sogar mit gegeneinander streitenden Göttern verbunden, oder sie sprechen vom Kampf zwischen Licht und Finsternis. Folgen wir den Überlieferungen, die wir von Jesus haben, ist eine solche Spaltung des Himmels, der wirklich göttlichen Sphäre, nicht das, was wir glauben sollen und dürfen. Im Himmel ist nur Gott, der Eine für alle. Er ist nicht in sich gespalten, sondern Liebe. Und er ist der, zu dem Jesus mit abgrundtiefem Vertrauen „Abba“, lieber Vater im Himmel, sagt. Sein Wille geschieht im Himmel, und wir sollen, wenn wir zu ihm beten, darum bitten, daß sein Wille auch auf der Erde geschieht. Das ist das Eine, das festzuhalten ist: Der Himmel ist nicht geteilt. Das Widergöttliche in der Welt ist kein zweiter, anderer Gott.

Aber das Widergöttliche ist trotzdem eine Realität in unserem Leben. Die Erzählung von der Versuchung Jesu in Mt 4 belegt, daß Jesus diese Realität kennen gelernt hat wie wir alle. Auch in anderen Erzählungen taucht das Widergöttliche auf. Nehmen wir die Grundwörter, die dafür im Hebräischen und Griechischen verwendet werden, so sagen sie klar, worum es geht: Satan ist der Widersacher, und Diabolos derjenige, der Knüppel zwischen die Beine wirft und zu Fall bringen will. Unser Wort „Teufel“ ist „Diabolos“ entlehnt. Manchmal spielen auch Dämonen eine widergöttliche Rolle. Ob nun Satan, Diabolos oder Dämon – diese Wörter aus den alten Überlieferungen wissen von einer Realität, die wir ernstnehmen müssen. Durch die mythischen Gestalten, in denen sich eine uns gefährdende Realität in der Sprache der Alten Welt kleidet, müssen wir dabei gewissermaßen hindurchsehen.

Im Grunde nämlich geht es um die Erfahrung, daß keiner von uns sicher sein kann, daß wir unsere guten, ja, besten Absichten tatsächlich verwirklichen können. Keiner von uns kann sicher sein, daß ihm nicht etwas dazwischen kommt, das seine besten Absichten zunichte macht, ihn scheitern läßt. Doch auch wenn es nicht zum Scheitern kommt, wenn es gelingt zu sagen: Hinfort Satan!, wie es Jesus in der Versuchungsgeschichte gelungen ist – auch aus einem solchen gewonnenen Kampf spricht noch die Erfahrung, daß wir uns nicht sicher fühlen dürfen. Denn das, was uns ins Wanken bringen, ja, scheitern lassen kann, sind gerade nicht die offenkundig bösen Absichten. Wirklich gefährlich sind oft Gedanken, die gut gemeint sind – und die trotzdem dem Guten, das jetzt getan und durchgehalten werden muß, entgegenstehen.

Mich beeindruckt in den Evangelien in diesem Zusammenhang immer wieder, daß der Widerspruch gegen Jesu Weg gar nicht unbedingt aus bösen Absichten entspringt. Es geht schon gar nicht zuerst um Moral, wo es um das Widergöttliche geht. Mich erschüttert jene Erzählung Mt 16, 23, in der Petrus Jesus liebevoll und voller Sorge bittet, nicht nach Jerusalem zu gehen, weil er und alle wissen, was dort mit Jesus geschehen wird: „Gott verhüte es, Herr! Das soll dir nicht widerfahren!“ Und ihm, der aus Liebe redet, entgegnet Jesus mit unglaublicher Härte: „Hinweg von mir, Satan! Du bist mir ein Fallstrick, denn du denkst nicht, was göttlich, sondern was menschlich ist.“ Das Menschliche – mich trifft immer wieder ein Schauer, wenn ich das lese: das Menschliche, das aus Liebe und Sorge Gesagte, kann gegen das, was göttlich ist, gerichtet sein! Da wird deutlich, was jene sprichwörtliche Weisheit meint, die da sagt: „Das gut Gemeinte ist oft der Feind des Guten“. Wer Petrus und Jesus, Meister und Jünger, so miteinander reden hört und denken muß, plötzlich mitten in der Versuchungsgeschichte zu sein, wer kann da noch sicher sein, das Gute zu wollen, wenn er vom Guten spricht? Und wer kann sicher sein, wenn er auf seine Herzenswünsche hört, nicht nur jenes Menschliche zu hören, das das Göttliche aus dem Auge verliert?

Doch genauso, wie das Menschliche, und schon gar das Allzumenschliche, gegen das göttlich Notwendige gerichtet sein kann, kann auch Gott uns Menschen in dem, was er tut oder doch zumindest zulässt, widergöttlich erscheinen. Auch dies ist eine Realität, die wir ernstnehmen müssen. Hiob sagt zu Gott, als er in unendliches Leid gestürzt worden war, Familie, Freunde, Gesundheit und allen Besitz verloren hatte, Hiob sagt in seiner Verzweiflung zu Gott: „Ich schreie zu Dir, doch du erhörst mich nicht; ich stehe vor dir, doch du beachtest mich nicht. Du wandelst dich mir zum grausamen Feinde, mit deiner gewaltigen Hand bist du mir Satan geworden.“ (Hi 30, 20f.) Ich werde nie vergessen, wie meine Mutter Gott angefleht hat, meinen ältesten Bruder in seiner Krankheit nicht sterben zu lassen, ihn gebeten hat, doch lieber sie zu nehmen statt seiner. Und doch ist er gestorben, ist ihr das Herz gebrochen worden.

Und Jesus, am Ende der Passion, hängt als der von Gott und der Welt Verlassene da am Kreuz, in den zernagelten Händen und Füßen, und schreit: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen!“ Die Antwort Gottes kam nicht so, daß er Jesus am Tod vorbei geführt hätte. Aber der Gekreuzigte ist auferstanden, aus dem Tod. Und das hat nicht nur seine, sondern auch unsere, der Sterblichen, Zukunft verändert. Auferstehung, Verwandlung in ein neues Leben, ist unsere Zukunft.

Aber davor steht der Tod. Er gehört zum Leben aller Geschöpfe. Wo gelitten wird, helfen keine klugen Aufteilungen des Himmels. Kein Tod läßt sich verrechnen. Aber in unseren Herzen spricht jeder zu früh geschehende Tog, jedes erlittene Unglück, jeder erzwungene Abschied gegen Gott. Und darum geht es auch nicht so schön moralisch einfach um Begierde und der Sünde Sold, wo es um den Tod geht. Wir glauben an Gott als den Einen, als den Liebenden, als Vater und Mutter aller Geschöpfe. Aber gerade wegen der unbedingten Liebe Gottes, die uns Jesus glauben gemacht hat, kann das Leiden in der Welt, kann die Ungerechtigkeit in der Welt, die wir ohnmächtig mit ansehen müssen und an der wir dann und wann kräftig mitwirken, kann aber auch unsere Unsicherheit darüber, was ethisch gut und was nicht gut ist, zu der tiefsten Form von Versuchung werden, in die wir geraten können. Und in ihr steht dann der Glaube selbst auf dem Spiel. Weil wir uns verlassen fühlen, den Zusammenhang verlieren.

Jesus hat die Versuchung bestanden: Er hat sich nicht auf Teufel komm heraus zum Herrn der Welt machen zu lassen, sondern hat uns zu Gott „lieber Vater im Himmel“ sagen gelehrt. Am Ende des Vaterunser aber steht die Bitte, auf die alles zuläuft: „Lieber Vater im Himmel, ... führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.“ Das Leben ist trotz aller hellsichtigen Momente, die wir haben, nicht durchsichtig. Ist es auch für Jesus nicht gewesen. Keiner von uns weiß in Wahrheit, in welcher uns ganz und gar unverdächtigen Situation wir eines Tages in Versuchung geraten, so daß wir den Verstand, gute Vorsätze oder gar den Sinn des Lebens und unseres Glaubens verlieren. Wohl uns, wenn wir dann noch wie Jesus in der Verlassenheit des göttlichen Schweigens, trotzdem Gott anrufen können, oder anschreien, oder anflehen oder anklagen wie Hiob. Vor der Versuchung, nicht zu Gott zu schreien, oder Gott nicht anzuklagen und anzuflehen, sondern Trauer, Wut und Selbstzweifel in uns selber zum Ersticken zu bringen und daran selbst zu ersticken – vor dieser Versuchung bewahre uns Gott.

Wir glauben, daß Gott uns Freiheit geschenkt und Verantwortung zugemutet hat im Leben miteinander. Aber wir glauben auch, daß er uns trotz unserer Freiheit und Selbstverantwortung nicht überfordert. Darum steht das Gebot, einander zu lieben, im Zentrum der Predigt Jesu. Denn Liebe ist das, was wir brauchen, um dem Leben und der Todesbedrohung standhalten zu können. Führe uns nicht in Versuchung, lieber Gott! Das heißt: Laß uns im Leben und im Sterben nicht allein. Gib uns Menschen, die uns im Leiden, im Unglück, in Trauer und Verzweiflungen Deine Nähe bezeugen – auch wenn Du schweigst.

Klaus-Peter Jörns

 

Evangelisch - Lutherische Kirchengemeinde Berg
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