Literarisches Frühstück

im Evangelischen Gemeindezentrum
Katharina von Bora - Haus
Fischackerweg 10 in Berg

Samstag 23. Juli 2005, 9.30 Uhr

„Von der Wiege bis zum Milchbart“

ANTON G. LEITNER
Herausgeber der Zeitschrift

- DAS GEDICHT -

stellt die neue Nummer mit dem Schwerpunkt
KINDER / KINDHEIT
zum ersten Mal der Öffentlichkeit vor.
Autor/inn/en wie auch Kinder
werden aus den Gedichten lesen.

Kirschen der Kindheit
Anton G. Leitners neue Lyrik-Lektüre ¸¸Das Gedicht"

¸¸kinder sind geschwinder/als erfinder", dichtet Gerhard Rühm und schließt sein kurzes Poem mit der Einsicht: ¸¸klein sind sie gelinder/grösser werden sie oft schinder/und nicht minder/elternüberwinder". Am morgigen Donnerstag erscheint die aktuelle Ausgabe der Lyrik-Zeitschrift ¸¸Das Gedicht". Herausgeber Anton G. Leitner, Weßling, hat dieses wohl wichtigste Organ für zeitgenössische deutschsprachige und ins Deutsche übersetzte Lyrik dieses Mal der Poesie der ersten Jahre gewidmet. ¸¸Alle meine Kinder", ist der Titel des Heftes im Buchformat, und wieder einmal greift Leitner mit dem Themenheft ein heißes Eisen auf. In Zeiten, in denen mehr und mehr Zeitgenossen bereits keinen Kontakt mehr mit Kindern haben, gleichzeitig aber mit dem Thema Bildung Politik und vor allem Profit gemacht werden, ist es nahezu provokativ, der Lebensphase ¸¸Kindheit" eine eigene, nicht zweckgebundene Stimme zu verleihen.

Ein ganzer, höchst vielseitiger, kontroverser Stimmenchor ist im ¸¸Gedicht" vertreten. Da ist die Erinnerung gestandener Dichter an ihre Kindheit: ¸¸An diesem Tisch, vor diesem/Fenster, sah ich den Wolken,/den Spatzen nach, wischte die Tafel,/spitzte die Kreide; rechnete aus,/wie viel Zeit mir noch blieb." ¸¸Erste Rechenstunde", heißt das Gedicht des 1952 geborenen Lyrikers Hans Ulrich Treichel. Dann gibt es die Abrechnung mit überkommenen Rollen-vorstellungen des bekennenden Kinderhassers Helmut Krausser: ¸¸EINST IM MAI//Jedes Jahr den Friedhof/nach nem Blumenstrauß/absuchen, der so halb als/frisch und bunt durchgeht./Muttertag." Und es kommen auch die Kinder selbst zu Wort, um die es geht. Die zehnjährige Amrei bedichtet ¸¸Die Kirsche": ¸¸glänzend rot ist sie/von Schatten und Sonne umgeben/sie bringt Ruhe und Frieden in die Welt/sie scheint in voller Energie". Kinderbuchautoren wie Paul Maar sind ebenso vertreten wie die Sprachakrobaten Franzobel oder Ulrike Draesner, die sich der kühlen Klänge des Englischen bedient.

In einem sehr persönlich gehaltenen, amüsant zu lesenden Essay unter der Überschrift ¸¸Reime vs. Pisa" hält Anton G. Leitner Rückschau auf die eigene lyrische Initiation in jungen Jahren. So erinnert er sich beispielsweise an seine erste ¸¸Dichterlesung" vor 25 Jahren, als er mit seinem Freund Helmut Krausser in einem oberbayerischen Mädchenzimmer bei grünem Tee und Räucherstäbchen der Angebeteten Selbstgedichtetes vortrug und mit der Wirkungskraft der Lyrik die ganzen sportgestählten Rivalen abhängen konnte. Der Schulunterricht prägte Leitners Lyrikkonsum und -geschmack ebenso wie der in Studienzeiten begonnene Austausch mit anderen jungen Dichtern.

Lyrik, so das Fazit des Eassays und der Eindruck nach der Lektüre des neuen ¸¸Gedichts", kann aufgrund ihrer Unmittelbarkeit und ihres anarchischen Gehalts zur Stimme von Kindheit und Jugend werden. Ein Gedicht rettet mehr als einen Tag, im besten Fall rettet es ein ganzes Leben.  SABINE ZAPLIN

Süddeutsche ZeitungMittwoch, den 29. Juni 2005

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