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Theologie für die Gemeinde

unter der Leitung von
Herrn Prof. Harz 
findet am 05.03.2012 
um 20.00 Uhr im 
Katharina von Bora-Haus statt.
Thema: "Dietrich Bonhoffer"


Berg
am Starnberger See
 

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Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Berg am Starnberger See

Aktuelles

Predigttext Pfarrer Prof. Harz

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Markus 7,31-37

31 Nachdem er dann das Gebiet von Tyrus wieder verlassen hatte, kam er über Sidon an den Galiläischen See (und zwar) mitten in das Gebiet der Zehn-Städte. 32 Da brachten sie einen Tauben zu ihm, der kaum lallen konnte, und baten ihn, er möchte ihm die Hand auflegen. 33 So nahm er ihn denn von der Volksmenge weg abseits, legte ihm, als er mit ihm allein war, seine Finger in die Ohren, benetzte sie mit Speichel und berührte ihm die Zunge; 34 nachdem er dann zum Himmel aufgeblickt hatte, seufzte er und sagte zu ihm: »Effatha!«, das heißt (übersetzt) »Tu dich auf!« 35 Da taten sich seine Ohren auf, die Gebundenheit seiner Zunge löste sich, und er redete richtig. 36 Jesus gebot ihnen dann ernstlich, dass sie niemand etwas davon sagen sollten; aber je mehr er es ihnen gebot, um so mehr und um so eifriger verbreite-ten sie die Kunde; 37 und sie gerieten vor Staunen ganz außer sich und sagten: »Er hat alles wohl gemacht, auch die Tauben macht er hören und die Sprachlosen reden!«

 

Liebe Gemeinde!


Es sind bei den neutestamentlichen Heilungsgeschichten oft die Details, die einem den Um-gang mit diesen Geschichten schwer machen. Hier ist es für mich der so detailliert beschrie-bene Heilungsvorgang, der zum einen so viel Magisches an sich hat und andererseits nicht ganz so appetitlich daherkommt. Erinnern Sie sich auch daran, wie die Mutter das verschmier-te Gesicht des kleinen Kindes mangels Wasser mit Spucke auf dem Taschentuch zu säubern versucht hat? Also das mit der Spucke müsste so ja in der biblischen Erzählung nicht sein. Und wohl auch nicht das mit dem Hand-in-die-Ohren-legen und einem magischen Sesam-öffne-dich, einem Zauberspruch, der das gewünschte Ergebnis bringt.

Wir sollten dabei freilich nicht übersehen, dass die Situation um 70 nach Christus eine andere war als heute, als der Evangelist Markus aus den gesammelten weithin mündlichen Überliefe-rungen, d.h. mündlich weitergetragenen Berichten und Erinnerungen an Jesu Wirken sein Evangelium ausformulierte und dabei Menschen im Blick hatte, die teils in jüdischen Tradi-tionen verwurzelt, teil mit griechischen Traditions- und Erzählzusammenhängen vertraut war-en.

In den Ohren der mit griechisch-hellenistischen Traditionen Vertrauten klang diese Geschichte anders als in unseren. Lang ersehnte Heilungen waren damals in jedem Fall Wundertaten. Und die Wundertäter waren Menschen mit besonderer göttlicher Kraft. Die war auch nötig, weil Krankheit durch gegengöttliche Kräfte und Mächte verursacht war, durch Dämonen, die den Menschen das Leben schwer machten. Heiler waren mit göttlicher Vollmacht ausgestattet, die diesen dämonischen Kräften überlegen waren. Darauf richtet sich dann auch das neugierige Interesse der Zuschauer und entsprechend Hörer der Berichte. Woher stammt in unserem Fall die den Dämonen überlegene Wirksamkeit? Ist es vielleicht der Gott Asklepios oder ein anderer Gott? Die Wirksamkeit der Heilung sprach auf jeden Fall für den sich darin zeigenden tätigen Gott. Es liegt auf der Hand, dass den Hörern dieser Geschichte aus dem Markusevan-gelium die Frage auf der Zunge lag, mit welcher göttlichen Vollmacht denn dieser Jesus am Werk war.

Was auf der Zunge lag, sagen wir heute und verstehen dies natürlich symbolisch, als bloße Redewendung. Menschen damals dachten da viel handgreiflicher, konkreter. Dämonen wer-den durch den mit der Handgeste verbundenen Befehl, also mit dem Finger ausgetrieben. Die Menschen damals konnten gut verstehen, warum Jesus dem Kranken die Finger in die Ohren steckte. Und noch weiter geht es mit solcher Vergegenständlichung im Lösen der Zunge. Dem Speichel wurde besondere Heilkraft zugeschrieben. Göttliche Wirkkraft übertrug sich so auf den Kranken, der auf solche Wirkkraft sehnsüchtig wartete. Der Evangelist war in dieser Vor-stellungswelt zuhause, genauso wie seine Zuhörer und Leser. Und er wusste auch, welche entscheidende Frage sie beantwortet wissen wollten: War da ein Scharlatan am Werk, viel-leicht gar einer, der seine göttliche Vollmacht geschickt in eigenen Profit verwandelte? Oder war es wirklich einer, der überzeugend in seiner göttlichen Vollmacht handelte? Und dann die eigentliche, wichtigste Frage: Welcher Gott steckt dahinter, der so machtvoll tätig ist?

Und genau dazu hat der Evangelist Markus nun viel zu sagen: Wer sich nur an den magisch anmutenden Umständen festhält, verliert das Wesentliche aus den Augen, um das es Markus geht. Jesus handelt im Namen des Gottes Israels, der sein Reich des Friedens und der Gerech-tigkeit aufrichten wird. Das verstanden auf jeden Fall die auch in der jüdischen Tradition Kundigen gut, die mit auf den Anbruch dieses Gottesreichs unter der Herrschaft des neuen Gesalbten, des Messias, warteten. Dieses Reich hat mit dem Jesus aus Nazareth begonnen, verdeutlicht Markus mit seiner Geschichte. Aus diesem Grund gibt Markus in den wenigen Zeilen seines Berichts auch dem Verweis auf alttestamentliche Weissagungen Raum, in denen dieses Reich Gottes angekündigt wurde: „Und sie wunderten sich über die Maßen und spra-chen: Er hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend“. Das steht so in Jes.35, 1-7: „Die Wüste und Einöde wird frohlocken, und die Steppe wird jubeln und wird blühen wie die Lilien… Stärket die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Saget den verzagten Herzen: Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott!... Dann werden die Lahmen springen wie ein Hirsch, und die Zunge der Stummen wird frohlocken. Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande.“ Das hat begonnen mit Jesus, sagt Markus, die Heilszeit ist mit ihm angebrochen.

Aber die Wirklichkeit sah doch ganz anders aus. Wo war denn die zum Blühen gebrachte Wüste? Wo war denn die neu aufgerichtete Herrschaft des Messias? Mit Jesus begann das ja auch nicht mit den vielfach erwarteten umwälzenden politischen Ereignissen. Es begann vielmehr mit eher unspektakulären Veränderungen, die Menschen an sich und untereinander spüren konnten - allen voran die Jünger, die Männer und Frauen um Jesus, für die mit ihm ein neues Leben begann, im Hören auf ihn und Reden mit ihm. Ihnen wurden zuerst die Ohren geöffnet und Sprache gegeben. Hören und Reden, diese Heilung von Ohren und Zunge, weist ja auf eine zentrale Dimension für jedes gedeihliche Miteinander. Mit Hören und Reden ge-schieht Verständigung, Orientierung, Gemeinschaft, wechselseitige Bereicherung.

Insofern hat diese Heilungsgeschichte Signalwirkung. Sie besagt: Wo Jesus am Werk ist, da müssen Menschen nicht länger in den Erfahrungen stecken bleiben, dass ihnen kein Gehör geschenkt wird, dass sie mit all dem, was sie bewegt, unbeachtet bleiben. Da bleiben sie nicht in die Sprachlosigkeit gestoßen, in der sie ignoriert werden mit ihren Aussagen, Gedanken, Worten. Sie müssen nicht länger damit leben, ungehört zu bleiben im achtlosen Aneinander-Vorbeireden. Reich Gottes beginnt, wo die Wertschätzung des anderen auch im Hören und Reden erfahrbar wird, wo Verständigung und Verständnis geschieht. Reich Gottes beginnt mit dem Hören und Lernen, mit dem Weiten des eigenen Horizonts durch das Einbeziehen anderer Positionen und Sichtweisen, mit dem Heraustreten aus dem Schmoren im eigenen Saft und Drehen im Kreis. Das geschah mit diesem Jesus und geschieht in seiner Nachfolge auf wunderbare Weise, sagt uns Markus, als ein Beginn von Neuem, von dem man nur sagen kann: da war und ist Gott am Werk.

Unmittelbar vor dem Abschnitt mit dieser Heilungsgeschichte erzählt Markus eine andere: Da bittet eine ausländische Frau Jesus um Hilfe – und Jesus reagiert nicht, geht nicht auf das ein, was sie bewegt. Ich bin nur für meine jüdischen Volksgenossen da und nicht für die Heiden, sagt er schroff. Aber die Frau bleibt hartnäckig – bis dann endlich gewissermaßen der Gro-schen fällt und Jesus sich dieser Frau zuwendet. Jetzt haben ihre Worte Wirkung, jetzt errei-chen sie Jesu Ohren. Und durch das Hören ihrer eindringlichen Worte ändert er seine Sicht-weise. Er ist eben nicht nur für die Einwohner des Hauses Israel da, sondern auch für die Menschen jenseits dieser Grenzen. So erzählt also diese vorangehende Geschichte, wie Jesus selbst die Ohren geöffnet werden. So soll und wird das weitergehen, mit dem Lösen der Zun-gen und Öffnen der Ohren, nämlich in den Missionsgebieten außerhalb Israels. Und das soll das Zeichen der Gemeinschaft der Christen sein, dass Mund und Ohren immer wieder neu geheilt werden, dass lebendiges, bewegendes, weiterführendes Reden und Hören geschehen kann, nicht in Einbahnstraßenmanier, sondern in wechselseitiger Aufmerksamkeit.

Allzu oft reduziert sich die Frage nach der Wahrheit der Wunderschichten darauf, ob es denn so geschehen sein kann, wie es da steht. Wer kann widerlegen, dass in den Kuranlagen von Epidaurus wirklich wunderbare Heilungen geschehen sind? Wer kann widerlegen, dass Men-schen durch Jesu Zuwendung Heilung erfuhren, die sie seelisch und körperlich veränderten? Das lässt sich weder beweisen noch widerlegen. Wichtiger als die Klärung solcher Fragen aber scheint mir, das Programmatische wahrzunehmen, die zeichenhaft-symbolischen Ankün-digungen, die in diesem Heilen stecken, und die der Evangelist Markus ganz bewusst so ak-zentuiert hat: Das Reich Gottes bricht an, Neues geschieht, das tief in das Selbstverständnis der Menschen hinein wirkt und sie verändert.

Mit einem Problem musste sich der Evangelist Markus in besonderer Weise auseinandersetzen: War denn diese Sache mit Jesus nicht nur ein innerjüdisches Zwischenspiel, waren es nicht Erwartungen, die mit Jesu Scheitern und Tod in sich zusammenfielen bzw. mit der Zerstörung Jerusalems im Jahre 70 endgültig als erledigt gelten mussten? Es hat schon seinen besonderen Sinn, dass Markus diese Geschichte wie auch die vorangegangene jenseits der Grenzen von Galiläa, im heidnischen Gebiet der Städte Tyrus und Sidon ansiedelt. Außerhalb des jüdischen Territoriums geschieht da Wesentliches, kommt besonders Reden und Hören in Gang und zieht mit den Aposteln seine Kreise. Die Botschaft kommt zu den sog. Heiden, die in anderen kulturellen und religiösen Traditionen aufgewachsen sind. Jesu Botschaft wird auch da verständlich, die Botschaft vom Anbruch der Gottesherrschaft, die in der Wertschätzung jedes einzelnen Lebens als einmaliges Gottesgeschöpf beginnt. Auch da geschieht neues Reden und Hören, Erleben und Verstehen. So steckt in dieser kurzen Heilungsgeschichte schon mit drin, was mit Jesus und später nach Ostern mit seiner unsichtbaren Gegenwart seine Kreise gezogen hat. Und es steckt auch die Hoffnung und die Überzeugung drin, dass diese Botschaft, allen Rückschlägen, Missverständnissen und Erstarrungen zum Trotz weiterwirken wird, dass sie im Reden und Hören, im gemeinsamen Suchen, Fragen und Weiterdenken je neue Gestalt gewinnen wird.

Amen.

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