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Geh aus, mein Herz, und suche Freud
1. Geh aus, mein Herz, und suche Freud in dieser lieben Sommerzeit an deines Gottes Gaben; schau an der schönen Gärten Zier und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben, sich ausgeschmücket haben.
2. Die Bäume stehen voller Laub, das Erdreich decket seinen Staub mit einem grünen Kleide;
Narzissus und die Tulipan, die ziehen sich viel schöner an als Salomonis Seide, als Salomonis Seide.
3. Die Lerche schwingt sich in die Luft, das Täublein fliegt aus seiner Kluft und macht sich in die Wälder; die hochbegabte Nachtigall ergötzt und füllt mit ihrem Schall Berg, Hügel, Tal und Felder, Berg, Hügel, Tal und Felder.
7. Der Weizen wächset mit Gewalt; darüber jauchzet jung und alt und rühmt die große Güte des, der so überfließend labt und mit so manchem Gut begabt das menschliche Gemüte, das menschliche Gemüte.
8. Ich selber kann und mag nicht ruhn, des großen Gottes großes Tun erweckt mir alle Sinnen; ich singe mit, wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen, aus meinem Herzen rinnen.
9. Ach, denk ich, bist du hier so schön und lässt du’s uns so lieblich gehen auf dieser armen Erden: was will doch wohl nach dieser Welt dort in dem reichen Himmelszelt und güldnen Schlosse werden, und güldnen Schlosse werden!
12. Doch gleichwohl will ich, weil ich noch hier trage dieses Leibes Joch, auch nicht gar stille schweigen; mein Herze soll sich fort und fort an diesem und an allem Ort zu deinem Lobe neigen, zu deinem Lobe neigen.
13. Hilf mir und segne meinen Geist mit Segen, der vom Himmel fleußt, dass ich dir stetig blühe; gib, dass der Sommer deiner Gnad in meiner Seele früh und spat viel Glaubensfrüchte ziehe, viel Glaubensfrüchte ziehe.
14. Mach in mir deinem Geiste Raum, dass ich dir werd ein guter Baum, und lass mich Wurzel treiben. Verleihe, dass zu deinem Ruhm ich deines Gartens schöne Blum und Pflanze möge bleiben, und Pflanze möge bleiben.
15. Erwähle mich zum Paradeis und lass mich bis zur letzten Reis an Leib und Seele grünen, so will ich dir und deiner Ehr allein und sonsten keinem mehr hier und dort ewig dienen, hier und dort ewig dienen.
Text: Paul Gerhardt 1653
Liebe Gemeinde,
das Lied „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“, ist das Lieblingslied vieler Menschen. Schon in der lieben Winterzeit freuen sie sich darauf, es in der lieben Sommerzeit wieder singen zu können. Es ist ein sommerliches Bilderbuch Gottes. Wie ein Gemälde aus Wort und Ton wirken diese Verse, Narzissen und Tulpen blühen, die Lerche schwingt sich in die Luft, der schnelle Hirsch springt ins Tal, die Bächlein rauschen in dem Sand, der Weizen wächset mit Gewalt. Alles, was kreucht und fleucht, alles was sprießt und sprosst, was grünt und blüht, stimmt ein in das Loblied auf Gott den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erden.
350 Jahre alt ist dieses Lied. Damals wusste man noch nichts von der Umweltkrise, in der wir Heutigen stecken, nichts von sterbenden Regenwäldern und verseuchten Landschaften, von bedrohten Pflanzen und Tieren, von einer um ihr Überleben ringenden Umwelt. Trotzdem: Es ist auch heute nicht zu leugnen, dass unsere Welt aus Gottes schöpferischen Händen hervorgegangen ist, uns anvertraut, sie zu bebauen und zu bewahren, zu hegen und zu pflegen. Wir sind zu Gast auf einem wunderschönen Stern. Die Spuren Gottes sind nicht zu verwischen; darum mischen auch wir uns heute ein in diese Sinfonie zur Ehre Gottes, der uns geschaffen hat: Ich selber kann und mag nicht ruh’n, des großen Gottes großes Tun erweckt mir alle Sinnen.
Geh aus, mein Herz, und suche Freud. Dieses Lied hat einen nicht sehr freudenreichen vollen Entstehungshintergrund. Das kann man sich eigentlich denken, wenn man einmal mit kritischen Bewusstsein singt „Geh aus mein Herz und suche Freud“. Schon, dass da ein Herz erst ausgehen muss, um die Freude zu suchen, lässt zumindest die Vermutung aufkommen, dass sie nicht bei uns zuhause wohnt und dass es möglicherweise gar nicht sicher ist, dass wir diese Freude auch finden. Da ist von der armen Erde die Rede und von der Hoffnung auf das reiche Himmelszelt und das güldne Schloss, das nach dieser Welt auf uns wartet. Da wird gesungen von der Sehnsucht, doch schon dort und bei Gott zu sein, weil das Leben auf dieser Welt offenbar viel weniger hält, als uns für die jenseitige Welt versprochen ist. Da weiß der Sänger, dass er heute noch dieses Leibes Joch zu tragen hat. Da finden sich mitten in dem Loblied auf die Schönheit von Gottes guter Schöpfung Andeutungen auf mancherlei Traurigkeiten und Härten des Lebens.
Der Dichter dieses Liedes ist Paul Gerhardt. Viele kennen ihn und manche seiner Lieder. 134 hat er gedichtet, viele sind erhalten und werden noch heute gesungen, weil sie sich bewährt haben in guten wie in bösen Tagen. Sie sind aktuell wie eh und je, denn sie sind voller Leben, wie es zu allen Zeiten gelebt wird. Sie singen von Sommer und Winter, Morgen und Abend, Krieg und Frieden, Gesundheit und Krankheit, Freud und Leid, Hoffnung und Angst, Leben und Sterben. Und sie singen daher auch bis heute von uns. Überraschend nah ist uns der Brandenburger Pfarrer Paul Gerhardt, weil er nicht nur die Vorderseite des Lebens betrachtet: Schau an der schönen Gärten Zier und siehe, wie sie mir und dir sich ausgeschmücket haben, sondern weil er – dezent, aber auch unüberhörbar - auch die Rückseite des Lebens kennt. Seine Lieder entstanden fast alle während oder kurz nach dem 30jährigen Krieg. Seine erste Stelle bekam er mit 45 Jahren, bis dahin war er nach heutigen Maßstäben arbeitslos. Die Bevölkerungspyramide stand Kopf, eine ganze Generation war ausgestorben. Weniger die Kriegsknechte, als vielmehr die Seuchen und Krankheiten jener Zeit haben ihn und die damalige Gesellschaft betroffen. Von 1200 Bauern seiner Gemeinde waren am Ende des Krieges nur noch 400 am Leben. Da muss man sich schon wundern über die Freude, die unser Lied verströmt. Denn der Dichter hat mehr von der Schattenseite des Lebens gesehen, als von dessen Sonnenseite. Vier seiner fünf Kinder hat er beerdigt, und es ist schon anrührend, was die Mutter in der Familienbibel dazu jedes Mal festgehalten hat; sie fasste sich kurz, man spürt den Kummer und den Rand der Verzweiflung. „Marie Elisabeth stirbt, Herr, nun nimmst du mir meines Herzens Freude.“ So heißt es beim ersten Kind. Dann: „Unser zweites Kind Katharina wird in ihr Ruhekämmerlein getragen. Ach, soll ich sein wie eine, die ihrer Kinder beraubt wird? Ich weiß, Herr, du hast Macht zu tun mit den Deinen, was du willst, aber lass mich klagen und weinen.“ Dann: „Sterbetag unseres dritten Kindes. Herr du weißt, was einer Mutter Herz tragen kann. Darum will ich meine Hand auf meinen Mund legen und schweigen.“ Und schließlich beim vierten Kind: „Soll noch einmal der Todesengel in unser Haus kommen, so sende ihn zu mir.“ Ich denke an alle, deren Kind auch vor der Zeit gestorben ist. Nicht nur diese Mutter und dieser Vater wissen: Da muss ein Herz schon weit ausgehen und lange suchen, bis es Freude findet an seines Gottes Gaben.
Woher nehmen solche Menschen, woher nehmen manche von uns die Kraft, ein solches Leben zu leben und durchzustehen? Da ist einmal das wache Bewusstsein dafür, wie wunderbar und geordnet unsere Welt doch sein könnte, weil sie Gott sich so fürsorglich für uns ausgedacht hat. Es ist alles da, wir sind ja doch ausgestattet mit allem, was not tut für Leib und Leben, wir sind reichlich und täglich versorgt, und das alles aus lauter väterlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all unser Verdienst und Würdigkeit.
Da ist andererseits die unser Leben begleitende Erfahrung des Scheiterns, unserer Unvollkommenheit, unserer letztlichen Unzulänglichkeit, wo es darum geht, nicht nur unseren Mitmenschen gegenüber, sondern auch vor uns selber zu bestehen. Wir wissen, dass wir dauernd schuldig werden und Vielen viel zu viel schuldig bleiben. Wir wissen, dass wir vergeblich dagegen angehen, und dass wir darum Vergebung brauchen, auch wenn wir uns das ungern eingestehen. Wir wissen, dass wir ganz andere sind, als wir zu sein vorgeben, weil wir ganz selten mit uns selber im Reinen sind. Und darum ahnen wir, dass wir eigentlich verloren sind und verdammt und der Erlösung harren, die wir nicht selber schaffen, die vielmehr von außer uns kommen muss. Und darum glauben wir, dass der schöpferische und erfindungsreiche und barmherzige Gott durch seinem Sohn Jesus Christus uns seine Vergebung, seinen Zuspruch und seine Nähe angedeihen lässt, - dass ich sein eigen sei. Das ist gewisslich wahr, wie es im kleinen Katechismus heißt.
Und da ist schließlich eine Gemeinschaft derer, die so ähnlich denken und glauben, die sich Gemeinde nennen, die sich als Christen verstehen, auch wenn sie das nicht dauernd sagen, die das, was wir die Liebe Gottes nennen so und so und auch einmal ganz anders, vielfach auch sehr verdeckt, selber erleben, weitergeben und anderen ohne weiteren Grund Brüder und Schwestern sind. Dass auch das alles andere als selbstverständlich ist, das ist gewisslich wahr.
In diesem Bewusstsein kann das Leben gelassener, getroster und fröhlicher angegangen werden, man weiß besser, wo die eigenen Grenzen sind, man akzeptiert eher seine oft so frustrierende Vergeblichkeit und seine absehbare Endlichkeit. Man weiß, dass man verlassen ist, wenn man sich nur auf sich selbst verlässt. Man hat verstanden, dass das Leben in seinen wesentlichen Bezügen auf Vertrauen beruht, und dass die entscheidenden Elemente, denen das Leben sich verdankt, nicht die Leistung sind oder das Vermögen oder Macht, sondern der Glaube, die Hoffnung und die Liebe.
Paul Gerhardt hat kurz vor seinem Tod seinem einzigen Sohn, der ihm geblieben war, einen – wie er es genannt hat – „Immerwährenden Denkzettel“ geschrieben, ein Vermächtnis oder Testament: „Nachdem ich nun das Alter erreicht habe und dabei die fröhliche Hoffnung habe, dass mein lieber frommer Gott mich in kurzem aus dieser Welt erlösen und in ein besseres Leben führen werde, als ich bisher auf Erden gehabt habe, so danke ich ihm zuvörderst für seine Güte und Treue, die er mir von Mutter Leibe an bis auf die jetzige Stunde an Leib und Seele und allem, was er mir gegeben, erwiesen hat. Daneben bitte ich vom Grunde meines Hezens, er wolle mir, wenn mein Stündlein kommt, eine fröhliche Abfahrt verleihen, meine Seele in seine väterlichen Hände nehmen und dem Leibe eine sanfte Ruh’ in der Erde bis zu dem lieben jüngsten Tag bescheren, da ich mit allen Meinigen ...wieder erwachen und meinen lieben Herrn Jesum Christum, an welchen ich bisher geglaubet und ihn doch nie gesehen habe, von Angesicht zu Angesicht schauen werde.
Du aber bete fleißig, studiere was Ehrliches, lebe friedlich, diene redlich und bleibe in deinem Glauben und Bekenntnis beständig. So wirst du einmal auch sterben und von dieser Welt scheiden willig, fröhlich und seliglich“.
Das sind ergreifende Worte eines Vaters für seinen Sohn. Sie speisen sich aus der Gewissheit, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.
Geh aus mein Herz und suche Freud, dieses Lied endet – wie alle Lieder unseres Dichters – mit einem fröhlichen Ausblick. Aus der Perspektive der Hoffnung ist es geschrieben worden, auf diese Perspektive des Glaubens zielt es ab. Diesen Blick wünsche ich allen, die in dieser Gemeinde leben und mitarbeiten. Wer um die Ewigkeit und ihre Relativierungskraft für das Hiesige weiß, kommt mit der Zeit besser zurecht, wer die letzten Dinge glaubt, wird von den vorletzten nicht erdrückt. Wer weiß, dass er erwartet und aufgenommen ist, kann leichter loslassen und abgeben. Man kann es auch mit den gläubigen Worten des ökumenischen Kirchenvaters Augustinus sagen: Unruhig ist unser Herz, bis dass es Ruhe findet in Dir.
Amen.
Paul Gerhardt hat kurz vor seinem Tod seinem einzigen Sohn, der ihm geblieben war, einen – wie er es genannt hat – „Immerwährenden Denkzettel“ geschrieben, ein Vermächtnis oder Testament:
„Nachdem ich nun das Alter erreicht habe und dabei die fröhliche Hoffnung habe, dass mein lieber frommer Gott mich in kurzem aus dieser Welt erlösen und in ein besseres Leben führen werde, als ich bisher auf Erden gehabt habe, so danke ich ihm zuvörderst für seine Güte und Treue, die er mir von Mutter Leibe an bis auf die jetzige Stunde an Leib und Seele und allem, was er mir gegeben, erwiesen hat. Daneben bitte ich vom Grunde meines Herzens, er wolle mir, wenn mein Stündlein kommt, eine fröhliche Abfahrt verleihen, meine Seele in seine väterlichen Hände nehmen und dem Leibe eine sanfte Ruh’ in der Erde bis zu dem lieben jüngsten Tag bescheren, da ich mit allen Meinigen ...wieder erwachen und meinen lieben Herrn Jesum Christum, an welchen ich bisher geglaubet und ihn doch nie gesehen habe, von Angesicht zu Angesicht schauen werde.
Du aber bete fleißig, studiere was Ehrliches, lebe friedlich, diene redlich und bleibe in deinem Glauben und Bekenntnis beständig. So wirst du einmal auch sterben und von dieser Welt scheiden willig, fröhlich und seliglich“.
Das sind ergreifende Worte eines Vaters für seinen Sohn. Sie speisen sich aus der Gewissheit, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.
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