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Berg
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Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Berg am Starnberger See

Aktuelles

Predigttext Pfarrer Johannes Habdank

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Predigt am „Altjahrsabend“ 2009 in Pfarrkirche Aufkirchen

 

Liebe Gemeinde,
der Jahreswechsel gibt uns in besonderer Weise Gelegenheit, darüber nachzudenken, was im zu Ende gehenden Jahr war, und worauf wir für das kommende Jahr vorausblicken, für uns persönlich, und darüber hinaus uns auch Gedanken zu machen über unsere eigene Vergänglichkeit und die der ganzen Welt.

Dazu mag dem einen oder anderen die fast schon penetrant dominante Rückblickskultur in den Medien aller Art dienen, die mit ihrer hoch selektiven Sensationsorientierung und Emotionalisierung von allem und jedem medienrelevanten Ereignis - aber doch wohl eher ablenkt von unserem eigenen Leben. Und auch gerne überspielt, was eine Tatsache ist, die banaler klingt als sie ist, weil sie einem auch zu schaffen machen kann, nämlich:
Jeder von uns ist wieder ein Jahr älter geworden, ein Jahr weiter von seiner Geburt entfernt, und ein Jahr seinem Ende, dem Tod näher gerückt. Es ist das harte Thema unserer Vergänglichkeit und der Vergänglichkeit der Welt, in der wir leben.

Wir werden damit unmittelbar konfrontiert, wenn zum Beispiel im Bekanntenkreis oder in der Familie ein Mensch stirbt – und das war auch in dieser Gemeinde 2009 wieder mehrfach so – aber auch an Gedenktagen wie dem Totensonntag oder, wenn wir ans Grab eines lieben Verstorbenen gehen.
Wir werden über uns Unbegreifliches ins Bild gesetzt, wenn bei größeren Unfällen, bei Terroranschlägen, durch terroristische Regimes, durch Hinrichtungen, bei so vielen Kriegen, x Einzelmorden und Massenmorden, bei Hungerkatastrophen und durch Seuchen unzählige Menschen grausam ums Leben kommen. Das zahlreiche Sterben an noch nicht therapierbaren Krankheiten macht uns Angst und für uns selbst auch ratlos – und wenn immer wieder bei Naturkatastrophen ganze Landstriche verwüstet werden und viele Menschen auf furchtbare Weise ihr Leben lassen müssen, dann erleben wir das als völlig sinnlos. Und das massenhafte Krepieren von Tieren bei Umweltkatastrophen macht uns sprachlos. Vom täglichen Aussterben ganzer Tier- und Pflanzenarten ganz zu schweigen.

Der überall auf der Welt gegenwärtige Tod mit seinen so verschiedenen Gesichtern und Fratzen – es gibt ihn! Ihn sich vor Augen zu halten ist nicht schön, ist unbequem. Unbequem ist darüber hinaus die endgültige Aussicht unseren allen Lebens: Es ist ein Leben zum Tode.

So gesehen ist die Schwelle vom alten zum neuen Jahr ein Bild für die Schwelle von der Zeitlichkeit zur Ewigkeit. Und deswegen hat dieser Abend heute auch Tod und Vergänglichkeit unserer selbst und alles Irdischen zum Thema.

Der Apostel Paulus schreibt im Brief an die Römer, Kapitel 8, 18-25:

18 Ich bin überzeugt, dass dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. 19 Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden. 20 Die Schöpfung ist ja unterworfen der Vergänglichkeit – ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat –, doch auf Hoffnung; 21 denn auch die Schöpfung wird frei werden von der Knechtschaft der Vergänglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. 22 Denn wir wissen, dass die ganze Schöpfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich ängstet.
23 Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erlösung unseres Leibes. 24 Denn wir sind zwar gerettet, doch auf Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man sieht, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man auf das hoffen, was man sieht? 25 Wenn wir aber auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld.

Liebe Gemeinde,
fünf kurze Gedanken zu diesem sehr schönen Paulus-Text.

1. Das eine Großartige an diesen Worten des Apostels Paulus ist, dass er hier nicht nur über die Christen spricht, sondern auch von den anderen Menschen und allem Außermenschlichen, dem ganzen Kosmos als der Kreatur, die vergänglich ist.
Die Schöpfung insgesamt ist vergänglich. Und diese Vergänglichkeit ist nun nicht etwas, womit man sich schmerzfrei, stoisch-unerschütterlich oder mit reflektierter Gefühlskälte abfinden kann.
Nein, diese Vergänglichkeit wird in alter biblischer Tradition, durchaus auch anschlussfähig an die Klassiker der griechischen Tragödie, als unausweichlich gegebene Knechtschaft und gottgegebenes bedrückendes Schicksal erlebt und gedeutet.
Entsprechend liegt hier keine gleichgültig-trostlose Zustandsbeschreibung der allgemeinen Vergänglichkeit vor. Nein, es wird aus Mitgefühl heraus der Kreatur abgelauscht, dass sie seufzt und sich ängstet.
Der Kreatur – das heißt hier wieder: der gesamten Schöpfung, allem Außermenschlichen, allen Menschen, auch den Christen selbst.

Und das ist das zweite Beeindruckende an diesen Worten des Apostels Paulus – also
2., dass völlig realistisch festgestellt wird, dass auch die Christen, von denen ja mit Vorliebe von Skeptikern und Nihilisten im Anschluss an Nietzsche verlangt wird, „erlöster müssten sie mir aussehen“ - dass dagegen, so Paulus, auch die Christen keine existenziellen Sonderkonditionen genießen. Auch Christenmenschen sind eben noch nicht endgültig getröstet, sie wandeln nicht mit einem milden Lächeln auf den Lippen engelsgleich durch die Welt, sie führen kein harmlos-unbelastet-freundliches Leben, kein Paradies auf Erden! Auch Christenmenschen seufzen genauso in sich selbst und sehnen sich nach Erlösung wie die ganze Kreatur.
Nach der Erlösung unseres Leibes heißt es, das bedeutet bei Paulus: der menschlichen Person. Die menschliche Person des Christen ist genauso geprägt und gezeichnet von Tod und Vergänglichkeit wie jeder und jedes andere Geschöpf, die Schöpfung insgesamt auch.

3. Das dritte Großartige an den Worten des Apostels Paulus ist die Perspektive, die eröffnet wird.
Das Seufzen und Sehnen nach Erlösung, das in allen angelegt ist, ist nicht Irrtum. Nach dem Tod kommt auch nicht banaler Weise einfach Nichts. Was sollte das auch sein?
Sondern durch Tod und Vergänglichkeit hindurch wird kommen Vollendung der Schöpfung als Freiheit, Befreitsein, Entlastetsein von der Knechtschaft der Vergänglichkeit. Wir alle, Christen, alle anderen Menschen, die ganze außermenschliche Schöpfung – alles wird in Unvergänglichkeit eingehen. Und Paulus nennt diese Freiheit von der Knechtschaft der Vergänglichkeit „herrlich“.

4. Die Vollendung in Herrlichkeit, liebe Gemeinde, ist aber den Christen durch den Geist Gottes nur in Form der Hoffnung auf diese Vollendung gegeben, mehr nicht, aber auch nicht weniger. Es ist eine endgültige Aussicht, deren wir uns gewiss sein sollen. So legt es uns der Apostel nahe. Im Prinzip sind wir durch die endgültige Perspektive der Erlösung jetzt schon von der Bedrückung durch Tod und Vergänglichkeit befreit – nicht von Tod und Vergänglichkeit selbst, von ihrer bedrückenden Wirkung – davon sind wir befreit und gerettet, leben aber noch unter den Bedingungen der Vergänglichkeit. Und das spüren wir täglich und können es nicht nur anlässlich eines Jahresrückblicks, sondern müssen es auch sonst allerorten in der Welt beobachten und miterleben: in den vielen kleinen Welten, in denen wir uns bewegen, und in der großen weiten Welt.

5. Wie sich die Hoffnung auf die Erlösung unter diesen Bedingungen im Leben verwirklichen lässt, das ist die letzte, abschließende Frage.
Der Apostel sagt: Wenn wir auf das hoffen, was wir nicht sehen, so warten wir darauf in Geduld. Das ist das entscheidende Stichwort und die Empfehlung am Ende: Geduld!
Dass wir als Christen nicht überheblich werden, weil wir meinen, das endgültige Heil sei uns bereits jetzt gegeben. Wir sehnen und seufzen mit der ganzen Kreatur und warten.
Dass wir daher in Geduld mit den Fragen und Problemen umgehen, die sich im weiten Feld von Tod und Vergänglichkeit unserer selbst und unserer Weltwahrnehmung uns stellen.
Etwa auch beim persönlichen Jahresrückblick und bei der Vorschau:

Dass wir da nicht der Verführung erliegen, im Nachhinein Dinge zurechtzukonstruieren und Zusammenhänge her- und darzustellen, Begebenheiten künstlich aufzubauschen oder Menschen hochzujubeln oder zu verurteilen, von denen wir eigentlich gar nichts Genaueres wissen, oder: eigentlich wissen müssten, dass es in Wahrheit anders war.
Geduld heißt an dieser Stelle: erst einmal sich ganz bescheiden in Vorsicht üben und sich Mühe geben beim Wahrnehmen, erst näher hinsehen und ein differenziertes Verständnis gewinnen, vielleicht mehr als man zunächst bereit gewesen wäre, damit man nicht vorschnell urteilt und zu früh und falsch reagiert.
Geduld heißt: nicht anmaßend andere wegen menschlicher Schwächen oder Fehler abzufertigen, sondern Mitgefühl zu zeigen, weil du weißt, dass alle Kreatur – auch du – unter denselben Bedingungen der Vergänglichkeit und Begrenztheit leben müssen und auch darunter leiden, eingestanden oder uneingestanden.
Geduld heißt schließlich, selbst die Spannung auszuhalten zwischen der immer wieder erschreckenden, unfassbaren Todverfallenheit und Vergänglichkeit der Kreatur und der verheißenen Erlösung in Ewigkeit.

Dass solche Geduld nicht eines jeden Menschen Sache ist, gehört mit zu dieser Knechtschaft der Vergänglichkeit.
Die Geduld kann aber zumindest das Unerträgliche ertragen helfen und Bewährung bringen, wie Paulus an anderer Stelle sagt, Römer 5, 3b-5:
Wir wissen, dass Bedrängnis Geduld bringt, Geduld aber Bewährung, Bewährung aber Hoffnung, Hoffnung aber lässt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist.

In diesem christlichen Sinne wünsche ich uns allen diesen Geist der Liebe und der Geduld, im Rückblick und in der Vorschau, im Wahrnehmen und im Planen, im Erleiden und bei allem Tun.

Und Geduld im Glauben. Heute und Morgen, jeden Tag auf´s Neue.

Amen.

Und der Herr sei mit eurem Geiste. Amen.
 

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