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Liebe Gemeinde,
dieses Jahr werden in unserer Gemeinde insgesamt etwa dreißig Kinder getauft. Sie werden damit in die große - unsichtbare - Weltgemeinschaft der Christen aufgenommen. Getauft wird mit Wasser und durch den Heiligen Geist.
Oft wollen die Taufeltern vorher gerne wissen, ob man die Taufhandlung selbst auch fotografieren dürfe. Solange es nicht zugeht, wie bei einer Pressekonferenz, bei der normalerweise mehr Fotografen als zu fotografierende Objekte anwesend sind, und es atmosphärisch nicht stört, geht das in Ordnung. Ich sage dann aber immer dazu: Das Wesentliche des Taufgeschehens ist unsichtbar. Keine Kamera der Welt kann es aufnehmen, was da passiert, wenn gesagt wird: „Ich taufe dich im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Es ist etwas darin, dahinter oder darüber hinaus, was wir nicht begreifen können, sondern nur glauben, und „glauben“ heißt hier nicht „nicht wissen“, wie man oft hören kann, sondern darauf „vertrauen“, dass der Heilige Geist mit diesem Kind sei, es leite und antreibe in seinem Leben, begleite und auch tröste, wenn es traurig ist. Auch wenn andere, etwa Mutter oder Vater das Kind trösten: dass menschlicher Trost gelingt, ist Geistes Werk.
Was ist das für ein Geist, dieser christliche „Heilige Geist“?
Denken wir an Pfingsten, dann ist der Heilige Geist ein Geist der christlichen Kommunikation, der über alle Volks- und Sprachgrenzen hinweg die Menschen miteinander ins Gespräch bringt und sie im Glauben verbindet. Wie Schleiermacher, der bedeutendste protestantische Theologe und Prediger nach Luther den Heiligen Geist genannt hat: „christlicher Gemeingeist“, der uns Christenmenschen gemeinschaftsbildend dazu bewegt, aufeinander und gegeneinander einzuwirken: aufeinander und gegeneinander. Ja, auch gegeneinander: Konflikt innerhalb der Kirche kann konstruktiv auch als geistgewirkt wahrgenommen werden, eine Anregung Schleiermachers zur positiven Sicht einer Kirche, die nicht immer nur heile und homogene und heilige Gemeinschaft zu sein vorgibt, es in Wahrheit aber kaum ist, aber alle dazu verpflichtet - sondern eine Kirche, in der diskutiert wird und in der man sich auch streitet, "ohne Hass, so wie man es auch einmal mit sich selber tut" (Augustinus). Das darf alles sein. Gemeinschaft? Ja, aber in Unterschiedenheit und Abgrenzung, weil man eben in wichtigen Punkten selbst anders glaubt. Das ist ein belebendes Element der Kirche. Und es ist nach moderner Auffassung seit Schleiermacher, also seit etwa 200 Jahren theologisch durchaus bedacht, möglich und erwünscht, entspricht sogar dem Wesen des Christentums in seiner Geschichte von Anfang an – wie hätte sich as Christentum sonst, wenn nicht meistens über Kontroversen und Konflikte, immer weiter entwickelt?
Entsprechend ist für eine lebendige Kirche auch heute Vielfalt gefragt: Diskussion, geistgewirkt, das heißt, ohne dass ein Christ dem anderen, sei er auch noch so anders, den christlichen Geist – und der Geist weht bekanntlich, wo er will – abspricht. Das tut selbst der Papst nicht und die römische Kirche, wenn sie uns Protestanten das wahre Kirchentum absprechen und uns Evangelische lediglich als eine Glaubensgemeinschaft bezeichnen. Dabei gelten wir durchaus als Christen, wenn auch nicht als Kirche im katholischen Sinne. Sakraments- und Amtsverständnis, daran hängt es im evangelisch-katholischen Ökumene-Dialog, da hängen wir. Bleiben wir offen, bleiben wir im Diskurs: ihn offen zu halten, ist eine bleibende Aufgabe.
Liebe Gemeinde,
noch einmal: was ist das für ein Geist, dieser christliche „Heilige Geist“?
Was ich dazu bisher gesagt habe, das hat dem einen Aspekt des Heiligen Geistes gegolten: als des Geistes christlicher Kommunikation in Einheit und Vielfalt, Gemeinsamkeit und Widerspruch, als des Geistes des christlichen Diskurses unter den vielen Gläubigen, die ja letztlich unsichtbar eins sind darin, dass sie alle an Jesus Christus glauben. Was noch verbindet sie, die vielen?
Dazu sagt uns der heutige Predigttext - nicht alles, aber etwas Entscheidendes. Er steht im Römerbrief des Apostels Paulus, Kapitel 8, die Verse 14-17:
„Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater! Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Gottes Erben und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.“
Kein knechtischer, sondern ein kindlicher Geist, heißt es, soll der Geist sein, der uns bestimmt. Das ist der zweite Aspekt des Heiligen Geistes. Damit ist gemeint, dass wir einem Gott zugehören und glauben, der von uns wohl auch vieles fordert: er begegnet auch uns Christen etwa in den zehn Geboten, im Gebot der Gottes- und Nächstenliebe, das ja von Jesus durch das Gebot der Feindesliebe auch noch zugespitzt wird. Aber für uns gelten diese Gebote unter der Voraussetzung eines von Jesus entscheidend neu akzentuierten, anderen Gottesbildes. Nämlich der Vorstellung von dem Gott, der – trotz aller Forderungen und Gebote - wesentlich Liebe ist, der barmherzig ist und vergibt - er gibt uns täglich eine neue Chance. Wie der berühmte amerikanische Theologe Bill Clinton ... einmal gesagt hat: „Our God: he is a God of second chances“. Ein Gott der zweiten Chance.
Zurück zum Heiligen Geist, der in uns ein „kindlicher“ sein soll: Was der Apostel im Sinne Jesu meint, ist ein Vertrauensverhältnis zu Gott, zum Urgrund, tragenden Grund und Hintergrund unseres Lebens. Für dieses Verhältnis steht bei Jesus wie bei Paulus die Kind-Vater-, oder wie man heute sagen würde, die Kind-Mutter- bzw. die Kind-Elternbeziehung. Also diese Symbiose. Und zwar so, wie wir es aus einer bestimmten kindlichen Entwicklungsphase kennen, in der das Kind zu seiner Umwelt und zu seinen, wie wir sagen, „unmittelbaren“ Bezugspersonen noch ein völlig offenes, ungebrochenes und direkt vertrauendes Lebensverhältnis hat. Das ist, zumindest in vollem Umfang, nicht lange so in der Entwicklung eines Kindes.
Ich vertrete auch die Auffassung, dass dieses Symbiose-Thema bei jedem Menschen ein Leben lang virulent ist. Ich habe das selbst schon oft erlebt mit hochaltrigen Menschen, die, zum Teil angehend dement oder auch in Todesnähe, auf einmal nur noch von ihrer Mutter oder ihrem Vater reden und – hoch betagt - gefühlsmäßig leben wie die Kinder. Mag sein, dass dieses Kindbewusstsein, das zwischendurch im Leben über viele Jahre zurückgedrängt wurde, auf einmal im hohen Alter und bei Demenz wieder verstärkt hochkommt: Wo ist meine Mutter, wo ist mein Vater? Du pflegst plötzlich wieder direkten Umgang mit ihnen. Da sind sie doch! Und ich bin bei ihnen. Wir sind wieder eins. Das Leben findet wieder eine Geborgenheit, wie sie offenkundig kein lebender Mensch geben kann. Das ist nicht läppisch, sondern ergreifend, wenn so etwas geschieht es ist die tatsächlich oft vorkommende und auch gar nicht peinliche, weil so menschliche, wahre Wiederverkindlichung im hohen Alter, ob demenzbedingt und / oder gegen Ende hin, dass du dich deinen Vertrautesten im psychisch-geistigen Vorgriff und in der Vorstellung, die aber als real erlebt wird, anzunähern beginnst an die, die dir vorangegangen sind.
Nun, Jesus und Paulus hatten nicht das Alter vor Augen, sondern die echte Kinderzeit. Genauso unmittelbar wie bei diesem symbiotischen Kindbewusstsein oder, besser gesagt, -gefühl sollte das Verhältnis eines Christen zu Gott sein. Sein eigenes Leben empfangen und jeden Tag wieder neu nehmen aus Gottes Hand. Sich von Gott getragen fühlen. Von allen anderen menschlich-irdischen Abhängigkeiten, die es faktisch ja zahlreich gibt, innerlich frei sein, weil du weißt: letztlich ist da ein anderer, der immer für dich da ist.
Jesus selbst hat uns das vorgelebt, sein Leben lang, soweit wir davon Kenntnis haben, und auch, als es für ihn ans Leiden und Sterben ging.
Und das ist der dritte Aspekt des Heiligen Geistes und der ihm entsprechenden Gotteskindschaft, dass wir Christenmenschen nötigenfalls auch zum – unausweichlichen – Leiden bereit sein sollen, wie Jesus selbst es war und es uns vorgemacht hat. Das ist etwas eher Unangenehmes, um es mild zu sagen, sozusagen die „Nagelprobe“ unseres persönlichen Gottesglaubens. Dass wir auch dann, wenn es uns schlecht geht, nicht davon lassen, dass es einen Höheren gibt, der uns auch in schweren Lebenskrisen durchträgt, auch im Leiden und im Sterben. Wenn wir nicht mehr wissen, wie es weiter geht, dann: vertrauen ins Dunkle und Ungewisse hinein.
Das fällt nicht leicht, da sträubt sich etwas natürlicher Weise in uns - wie bei Jesus selbst ja auch. Und das ist sympathisch an ihm, verbindet uns mit ihm, dass er, Jesus selbst, sich ja auch erst gesträubt hat gegen seinen Leidensweg: „Vater, ist´s möglich, so lass diesen Kelch an mir vorüberziehen“ – das hat er im Garten Gethsemane gebetet; er hat aber dann auch gebetet: „Doch nicht, was ich will, sondern, was du willst!“
Das beten wir in jedem Gottesdienst, auch wenn uns das vielleicht nicht immer bewusst ist, was wir da sagen - im Vaterunser:
„Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“
Wir fügen uns deiner höheren Macht, o Gott, deinem Willen. Was du willst, soll Wirklichkeit werden.
Darin, liebe Gemeinde, werden wir, wie der Apostel sagt, Gottes Erben und Miterben Christi.
Dieses „Erbesein“ ist übrigens nicht in naturwissenschaftlichen Kategorien zu fassen. Auch nicht irgendwie genetisch zu verstehen, auf Deutsch gesagt: Wir haben kein Christen-Gen. Das wäre unzulässiger Biologismus in der Religion im Christentum und in jeder anderen Religion, natürlich auch an dem vorbei, was der Apostel meint.
Wir sind im Sinne des Apostels eine Art geistig-geistliche Rechtsnachfolgergemeinschaft Jesu Christi und damit Verlängerung und Teil seines Wortes und seiner Geschichte.
Dieses Erbe gilt nicht nur in guten Zeiten, sondern auch in schlechten, „bösen“. Dass wir auch da bereit sind, aus Gottes Hand unser Leben zu empfangen und es zu nehmen, wie es kommt, und vertrauen ins uns Ungewisse hinein, darin sind und bleiben wir seine Kinder. Wenn uns dieser Glaube gegeben ist, sind wir Christi Miterben. Und Gott wird, wie für ihn, so auch für uns immer da sein, ob offen und spürbar, oder auch nur ganz verdeckt und heimlich, geheimnisvoll:
Wie ein altes Kindergebet sagt, das viele von klein auf kennen, und unsere Schulkinder in Aufkirchen auch alle lernen, damit ihnen für´s Leben Halt und Rückhalt im christlichen Heiligen Geist gegeben wird:
Wo ich gehe, wo ich stehe, ist der liebe Gott bei mir. Wenn ich ihn auch niemals sehe, weiß ich sicher, Gott ist hier.
Amen.
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