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Thema: "Dietrich Bonhoffer"


Berg
am Starnberger See
 

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Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Berg am Starnberger See

Aktuelles

Predigttext Pfarrer Johannes Habdank

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Predigt „Das Damaskuserlebnis: Vom Saulus zum Paulus?“

Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht geschrieben im 2. Buch des Lukas: Apostelgeschichte, Kapitel 9, die Verse 1-20.

1 Saulus aber schnaubte noch mit Drohen und Morden gegen die Jünger des Herrn und ging zum Hohenpriester 2 und bat ihn um Briefe nach Damaskus an die Synagogen, damit er Anhänger des neuen Weges, Männer und Frauen, wenn er sie dort fände, gefesselt nach Jerusalem führe. 3 Als er aber auf dem Wege war und in die Nähe von Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein Licht vom Himmel; 4 und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich? 5 Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst. 6 Steh auf und geh in die Stadt; da wird man dir sagen, was du tun sollst. 7 Die Männer aber, die seine Gefährten waren, standen sprachlos da; denn sie hörten zwar die Stimme, aber sahen niemanden. 8 Saulus aber richtete sich auf von der Erde; und als er seine Augen aufschlug, sah er nichts. Sie nahmen ihn aber bei der Hand und führten ihn nach Damaskus; 9 und er konnte drei Tage nicht sehen und aß nicht und trank nicht. 10 Es war aber ein Jünger in Damaskus mit Namen Hananias; dem erschien der Herr und sprach: Hananias! Und er sprach: Hier bin ich, Herr. 11 Der Herr sprach zu ihm: Steh auf und geh in die Straße, die die Gerade heißt, und frage in dem Haus des Judas nach einem Mann mit Namen Saulus von Tarsus. Denn siehe, er betet 12 und hat in einer Erscheinung einen Mann gesehen mit Namen Hananias, der zu ihm hereinkam und die Hand auf ihn legte, damit er wieder sehend werde. 13 Hananias aber antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört über diesen Mann, wie viel Böses er deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat; 14 und hier hat er Vollmacht von den Hohenpriestern, alle gefangen zu nehmen, die deinen Namen anrufen. 15 Doch der Herr sprach zu ihm: Geh nur hin; denn dieser ist mein auserwähltes Werkzeug, dass er meinen Namen trage vor Heiden und vor Könige und vor das Volk Israel. 16 Ich will ihm zeigen, wie viel er leiden muss um meines Namens willen. 17 Und Hananias ging hin und kam in das Haus und legte die Hände auf ihn und sprach: Lieber Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Wege hierher erschienen ist, dass du wieder sehend und mit dem Heiligen Geist erfüllt werdest. 18 Und sogleich fiel es von seinen Augen wie Schuppen und er wurde wieder sehend; und er stand auf, ließ sich taufen 19 und nahm Speise zu sich und stärkte sich. Saulus blieb aber einige Tage bei den Jüngern in Damaskus. 20 Und alsbald predigte er in den Synagogen von Jesus, dass dieser Gottes Sohn sei.

Liebe Gemeinde,
„vom Saulus zum Paulus“, das sagt man auch heute noch, wenn sich ein Mensch völlig gewandelt hat, seine Überzeugung ins Gegenteil umgeschlagen ist, jemand von einer neuen zentralen Einsicht bleibend überwältigt und bestimmt wird, ein Bekehrungserlebnis hat. „Vom Saulus zum Paulus“. Stimmt nur biblisch und historisch nicht, diese Formel.
Denn jener gesetzeseifrige Pharisäer hatte, wie viele Juden zur Römerzeit, zwei oder mehrere Namen parallel: Paulus als römische Version – ursprünglich „der Kleine“ – und Saulus als latinisierte Form von Shaul, dem ersten Israelitenkönig. Und auch nach seiner Bekehrung wird er noch öfter Saulus genannt, mit zunehmender Tätigkeit außerhalb des jüdisch-israelitischen Bereichs dann in der Regel Paulus, soweit uns bekannt.
Gleichwohl steht der vermeintliche Namenswechsel für einen radikalen Glaubens- und Überzeugungswechsel bei Paulus. Sein Bekehrungserlebnis zum Christentum bei Damaskus – es trägt wunderhafte Züge einer göttlichen Erscheinung und Audiovision mit Erblindung und dann mit einer Doppelvision an Hananias, einem Christen aus Damaskus, und an Paulus, der von Hananias nach dreitägiger Blindheit geheilt und nach entsprechender Fastenzeit getauft wird.

Liebe Gemeinde,
so wunderbar und für heutige Vorstellungen phantastisch das alles klingt und erzählt ist, im Kern gibt es das heute auch noch, eine Bekehrung, nur: der Begriff ist bei uns durch einschlägige Verwendung im Pietismus und bei vielen frommen Bewegungen mit einem gewissen „Gschmäckle“ versehen, so dass er kaum noch benützt wird. Was damit aber sinnvoller Weise gemeint ist:
Du erlebst einen völligen Gesinnungswechsel, es geht dir ein Licht auf über dein Leben, was dich völlig verändert! So etwas kann sich auch körperlich bemerkbar machen: dem einen Menschen verschlägt´s die Sprache, dem anderen schlägt es auf den Magen, du kannst nichts mehr essen und trinken wie Paulus, einem anderen vergeht Hören und dem nächsten Sehen –
wenn wichtige Entscheidungszeit ist im Leben, Um-Entscheidung, Neuorientierung, dann kann so etwas heute auch noch geschehen. Gewiss: Die Erlebniswelt der Damaligen, vor 2000 Jahren, war allgemein wesentlich enthusiastischer und ekstatischer, visionärer - die Welt war voll von Magie und Wundern und übersinnlichen Einflüssen und Einwirkungen. Heute geht das alles etwas nüchterner vonstatten. Aber solche Umdenkungsprozesse, persönliche innere Umwälzungen gibt es auch heute noch, nicht nur in Glaubensdingen. Wenn jemand sein Leben sozusagen noch einmal neu beginnt, beginnen muss.

Dass das Bekehrungs-, das Umkehr-Erlebnis bei Paulus vielleicht auch nicht ganz so überraschend und wie aus heiterem Himmel passierte, sondern sich allmählich angebahnt hatte, dafür spricht einiges.
Paulus war ein äußerst konsequenter gesetzestreuer und -eifriger, hoch gelehrter Pharisäer, der ganz klar abzugrenzen wusste, wer zum jüdischen Gottesvolk gehörte und wer nicht, gegen jede Aufweichungstendenz an den Rändern gerichtet. Die Jesus gläubigen Juden waren ihm zunächst einmal nicht so sehr ein Dorn im Auge, weil sie Jesus als Messias anbeteten oder an seine Auferstehung glaubten, sondern, weil sie die jüdischen Gesetze nicht genug beachteten und sie relativierten. Und das ging schon damit los, dass von ihnen Juden getauft wurden, ohne – wie es gesetzliche Vorschrift war – beschnitten zu werden. Sollte die Taufe das gesetzlich vorgesehene Aufnahmeritual der Beschneidung ersetzen? Oder noch schlimmer: dass Nichtjuden, die wegen ihres Wohlwollens gegenüber dem jüdischen Gottesglauben als zumindest „gottesfürchtig“ galten, und andere Nichtjuden auch getauft wurden und so einfach von außen zum jüdischen Volk dazu kamen – das war für Paulus unvorstellbar.

Zum geschichtlichen Verständnis: Wir befinden uns in einer ganz frühen Phase, in der das Christentum noch eine innerjüdische Gruppierung, wenn auch mit klar unterschiedenem Profil – ist und sich die Loslösung erst nach und nach ergeben wird. Zu den Meilensteinen der Entwicklung gehört genau das, was Lukas in unserer heutigen Geschichte erzählt von der wundersamen Wandlung des Verfolgers zum Verkünder.

Des Verfolgers? Paulus selbst beschreibt sich in seinen Briefen und wird in der Apostelgeschichte auch mehrfach als einer beschrieben, der die Christen um ihrer Gesetzesuntreue und Freiheit vom Gesetz willen verfolgt: sie aufspürt und mit Rückendeckung der Hohenpriester verhaften, bestrafen und ggf. auch hinrichten lässt. So etwa den ersten christlichen Märtyrer: Stephanus, ein Opfer des Paulus. An seinem Tod hatte Saulus Gefallen, wie es biblisch heißt! Stephanus´ Jesus-Anhänger und andere auch eher offene jüdisch-christliche Geister sind nach diesem Martyrium des Stephanus in Jerusalem und angesichts weiterer Schikanen und Verfolgungen vielfach ausgewandert, in den näheren und weiteren nicht-israelitischen, griechisch-römischen Bereich: heutige Türkei, Griechenland und Italien (Rom!) - oder auch Syrien: auf nach Damaskus!
Ja, die Verbreitung des Christentums war von Anfang an nicht immer und nur eine Missionsgeschichte, sondern auch eine innerjüdisch-christlich ausgelöste Vertreibungs- und Fluchtgeschichte, zu Beginn ausgerechnet durch Paulus, den späteren Völkerapostel initiiert.

Auf nach Damaskus! – Dieser Ruf ließ auch den Verfolger nicht lange warten: nichts wie nach! Der Verfolger will in Damaskus die christlichen Abweichler von der jüdischen Gesetzesreligion aufspüren – eine „Säuberungsaktion“ ist wieder mal geplant! –
Da holt diesen Verfolger der von ihm für immer tot geglaubte Meister seiner Verfolgten ein und erscheint ihm: Jesus selbst in einer göttlichen Vision, wie es heißt:
„Und er fiel auf die Erde und hörte eine Stimme, die sprach zu ihm: Saul, Saul, was verfolgst du mich? Er aber sprach: Herr, wer bist du? Der sprach: Ich bin Jesus, den du verfolgst.“

Dieses Erlebnis muss sich schon länger angebahnt haben, liebe Gemeinde, auch wenn die Apostelgeschichte es als plötzliches Widerfahrnis schildert, was sich ja nicht ausschließt. Wir kennen das: Irgendwann ist einmal das Fass zum Überfließen voll. Woher nun auf einmal, oder: nicht auf einmal?
Paulus hat Jesus nicht persönlich gekannt. Aber er hatte sich natürlich als Gelehrter informiert über diese neue christliche Judensekte und über Jesus. Paulus hat das getan gerade als Vertreter desjenigen Pharisäismus, der von Jesus selbst und seinen Jüngern immer deutlich kritisiert worden war. Der Sache nach, inhaltlich wusste Paulus über seine Gegner ziemlich genau Bescheid. Das zeigen auch viele Äußerungen seiner Gedanken in seinen Briefen.
Paulus wusste von Jesus, dass der den liebenden, vergebenden Gott gepredigt hatte, der großzügig ist, also: kein bis in die letzten Gerichts- und Strafkonsequenzen hinein strenger Gesetzesgott sei, im Gegenteil: ein Gott, dessen Wesen Liebe ist, Liebe zu den Menschen, und der die Liebe unter den Menschen will, und letztendlich nicht Gesetzlichkeit, Rechthaben und ins Unrecht setzen und Bestrafenwollen. Gottesliebe und menschliche Nächstenliebe sind die Maßstäbe der neuen Bewegung: im Glauben und im Leben und im Sterben.

Und das mit dem Sterben, das hat Paulus vielfach authentisch und offenkundig auf für ihn frappierende Weise miterlebt:
bei dem von ihm herbei geführten Tod der von ihm Verfolgten,
und besonders in seinem „ersten großen Fall“: bei der Hinrichtung des Stephanus, dem ersten Märtyrer des Christentums, der sich wahrhaft Jesus gemäß im Sterben verhalten hatte. Da hat Saulus persönlich vorgeführt bekommen, wie Christen sterben können.
Über Stephanus heißt es bei seiner Hinrichtung:
„Er (Stephanus) aber, voll Heiligen Geistes, sah auf zum Himmel und sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus stehen zur Rechten Gottes und sprach: Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.“ Und als Stephanus am Ende seiner Steinigung völlig entkräftet ist, sagt er noch:
„Herr Jesus, nimm meinen Geist auf! … Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an. Und als er das gesagt hatte, verschied er.“

Liebe Gemeinde,
ich kann es mir nicht anders vorstellen, als dass Saulus insgeheim schon längere Zeit beschäftigt hat, ob die Gottesvorstellung Jesu und seiner Anhänger nicht doch die stärkere und überzeugendere sei, was er lange nicht wahrhaben wollte und konnte, und weswegen er die Christen verfolgt hat - stärker und überzeugender als die traditionell jüdische Gottesvorstellung, die er, Saulus, von klein auf kannte, schätze und liebte und auch offensiv zu vertreten gelernt hatte.
Und dann erlebt Saulus, dass Christen auch noch im Sterben an dieser neuen Gottesvorstellung festhalten und dadurch ganz anders eingestellt sind und auch noch im Tod in ihrem Glauben aufgehen, wie Stephanus nach dem Vorbild seines Herrn - und wahrscheinlich wie er auch noch viele andere, deren Tod Paulus zu verantworten hatte.
Irgendwann, liebe Gemeinde, greift das auch das härteste Herz an, ergreift es, und der schärfste Verfolgergeist wird überwältigt:
„Saul, was verfolgst du mich? - Herr, wer bist du? - Ich bin Jesus, den du verfolgst.“

Es war ein länger angebahntes, umwerfendes Erlebnis, persönlich sehr anstrengend mit der Folge einer völligen Neuorientierung, kurz gesagt:
weg vom Gott des Gesetzes, hin zum Gott der Liebe und der Großzügigkeit und der Vergebung.

Liebe Gemeinde,
Sie werden sich vielleicht fragen: Ja, interessant, was da mit Paulus war, sicher ein Meilenstein in der Christentumsgeschichte.
Aber was bringt mir das heute? Ich verfolge weder jemanden, ich habe auch nicht das Problem der Bekehrung. Ich bin schon Christ, ich bin getauft. Ich gehe in die Kirche. Was soll ich mit dieser Geschichte anfangen?
Recht haben Sie, wenn Sie so fragen, liebe Gemeinde. Das frage ich mich auch.
Wie jemand jemals Christ geworden ist, das ist bei jedem anders.
Es gibt Menschen mit – sogar datierbaren – Bekehrungserlebnissen, andere sind durch Erziehung und kulturelles Umfeld einfach hinein gewachsen. Wieder andere haben sich irgendwann einmal im Leben bewusst dafür entschieden. Alles schön und gut.
Die Frage ist, mit welcher Folge für ihr Leben?

Wie es nicht anders vorstellbar gewesen wäre und ist, war Paulus nach kurzer Zeit genauso eifrig für die Sache Jesu Christi unterwegs wie vorher für die pharisäische. Und auch genauso konsequent, nur ohne Verfolgungsabsichten, im Gegenteil: Öffnung des Christentums für die nichtjüdische Welt. Also genau das ehemals so heftig Bekämpfte betreibt er jetzt selbst, kämpferisch und konsequent. Auf welcher Basis?

Nur noch – zum Schluss – kurz skizziert:
Leben allein in Christus, aus seiner Gnade und der Freiheit seines Geistes:
„Zur Freiheit hat uns Christus befreit. So steht nun fest und lasst euch nicht wieder das Joch der Knechtschaft auflegen.“
Oder „das ganze Gesetz ist in einem Wort erfüllt, in dem: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“
Und: „Einer trage des andern Last, so werdet ihr dieses Gesetz Christi erfüllen.“
„Wenn wir im Geist leben, so lasst uns auch im Geist wandeln.“ „Lasst uns Gutes tun an jedermann.“ (Galater 5)
Ja, Paulus kannte Jesus zwar nur vom Hörensagen, aber offensichtlich das Wesentliche gut.

Einiges mehr können wir heute über Jesus wissen, uns liegen ja auch noch die Evangelien vor! Leben in Christus und aus seinem Geist der Freiheit ist uns damit eigentlich leichter gemacht als Paulus.
Und wenn wir auch kein annähernd vergleichbares, spektakuläres Bekehrungserlebnis wie Paulus vorweisen können – offen gestanden: ich kann darauf verzichten und möchte so etwas auch niemandem wirklich wünschen! – so ist uns doch als Christen im Gefolge des bekehrten Saulus-Paulus gegeben und aufgegeben, aus unserem christlichen Glauben heraus entsprechend neu zu leben.
Denn, wie es bei Paulus an anderer Stelle heißt, 2 Kor 5:
„Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“
Dass auch uns immer wieder Neues wird, wir mit Kraft und Phantasie, Liebe und Geduld unseren christlichen Glauben leben - und das ist nichts, was vorgeschrieben werden kann, sondern der freien Gestaltung des Einzelnen überlassen ist –, dazu verhelfe uns unser Gott.
Amen.

Und der Herr sei mit Eurem Geiste. Amen.
 

 

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