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Herrn Prof. Harz 
findet am 05.03.2012 
um 20.00 Uhr im 
Katharina von Bora-Haus statt.
Thema: "Dietrich Bonhoffer"


Berg
am Starnberger See
 

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Evangelisch-Lutherische Kirchengemeinde Berg am Starnberger See

Aktuelles

Predigttext Pfarrer Johannes Habdank

Aktuelles >>

Liebe Gemeinde,

was Sie da in Händen halten, ist nach heutigem Forschungsstand nicht weniger als ein fast vollständiger Brief des Apostels Paulus – nur Anrede am Anfang und Gruß am Ende fehlen – ein Brief an die Gemeinde in Philippi, 20 km nordwestlich von Kavalla in Ostmakedonien / Nordgriechenland gelegen. Philippi war die erste heidenchristliche Gemeinde auf europäischem Boden, die Paulus selbst gegründet hatte, und zu der er auch immer ein sehr gutes Verhältnis hatte. Die Philipper waren sehr spendabel, finanzierten Paulus und seinen Weggefährten einen erklecklichen Anteil seiner Missions- und Kollektenreisen – nur bei seinem letzten Aufenthalt in Philippi muss es Irritationen gegeben haben, weil auf einmal judenchristliche Gegner, die ihm wahrscheinlich aus Galatien, ihrer Hochburg, nachgereist waren, das im Sinne des Paulus bislang friedliche heidenchristlich offene Gemeindeleben störten.
Der Philipperbrief hat eigentlich 4 Kapitel und ist aus der Gefangenschaft geschrieben, sehr freundlich und dankbar. Genau aber die Passagen daraus, die Sie vor sich haben, müssen ursprünglich ein eigener Brief gewesen sein. In ihm schlägt Paulus einen ganz anderen Ton an – inhaltlich anschließend an den Galaterbrief polemisiert er sehr stark gegen diejenigen Christen, die das Heidenchristentum auf jüdische Religions- und Volkstraditionen verpflichtet sehen wollen. Genau das verträgt sich aber nicht mit dem weltoffenen Christentum des Paulus. Ihm geht es um Universalisierung des Christlichen, und nicht um jüdisch-religiös-volkhafte Begrenzung der Zugangs- und Zugehörigkeitsbedingungen zum christlichen Glauben und Gemeindeleben.
Konkret macht sich der Unterschied fest an der Forderung der sog. Judaisten nach der auch für Heidenchristen geforderten Beschneidung als traditionellem jüdischen Ritual. Vor ihrem antiuniversellem Einfluss warnt Paulus eindringlich und gibt anlässlich dieser seiner Intervention durch den Ihnen vorliegenden Brief einen interessanten, persönlich-biographischen Einblick in sein Verständnis von allgemeinem christlichem Glauben und Leben, zu dem er mahnt.

Ich lese den Text vollständig. Der von der Liturgischen Kommission vorgesehene Predigttext für heute würde eigentlich nur die Verse 7-14 umfassen, was aber einigermaßen willkürlich ist, wie Sie schon aus der Gliederung des Ganzen ersehen können. Dieser Paulusbrief – Philipper B, wie er in der Forschung genannt wird - ist nämlich kunstvoll nach dem rhetorischen Muster einer Gerichtsrede aufgebaut und eigentlich nur als Ganzes zu betrachten. Und so – dachte ich mir - gönnen wir uns heute das Ganze.

Brief „Philipper B“ (Philipper 3,2-21; 4,8f.): Text und Aufbau

Einleitung:
3,2 Nehmt euch in Acht vor den Hunden, nehmt euch in Acht vor den böswilligen Arbeitern, nehmt euch in Acht vor der Zerschneidung! 3 Denn wir sind die Beschneidung, die wir im Geist Gottes dienen und uns Christi Jesu rühmen und uns nicht verlassen auf Fleisch,

Biographische Aufbereitung des Themas:
4 obwohl ich mich auch des Fleisches rühmen könnte. Wenn ein anderer meint, er könne sich auf Fleisch verlassen, so könnte ich es viel mehr, 5 der ich am achten Tag beschnitten bin, aus dem Volk Israel, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, nach dem Gesetz ein Pharisäer, 6 nach dem Eifer ein Verfolger der Gemeinde, nach der Gerechtigkeit, die das Gesetz fordert, untadelig gewesen. 7 Aber was mir Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Schaden erachtet.

Argumentative Durchführung:
8 Ja, ich erachte es noch alles für Schaden gegenüber der überschwänglichen Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn. Um seinetwillen ist mir das alles ein Schaden geworden, und ich erachte es für Dreck, damit ich Christus gewinne 9 und in ihm gefunden werde, dass ich nicht habe meine Gerechtigkeit, die aus dem Gesetz kommt, sondern die durch den Glauben an Christus kommt, nämlich die Gerechtigkeit, die von Gott dem Glauben zugerechnet wird. 10 Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden und so seinem Tode gleich gestaltet werden, 11 damit ich gelange zur Auferstehung von den Toten.
12 Nicht, dass ich's schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; ich jage ihm aber nach, ob ich's wohl ergreifen könnte, weil ich von Christus Jesus ergriffen bin. 13 Meine Brüder, ich schätze mich selbst noch nicht so ein, dass ich's ergriffen habe. Eins aber sage ich: Ich vergesse, was dahinten ist, und strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, 14 und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.
15 Wie viele nun von uns vollkommen sind, die lasst uns so gesinnt sein. Und solltet ihr in einem Stück anders denken, so wird euch Gott auch das offenbaren. 16 Nur, was wir schon erreicht haben, darin lasst uns auch leben.

Plädoyer:
17 Folgt mir, liebe Brüder, und seht auf die, die so leben, wie ihr uns zum Vorbild habt. 18 Denn viele leben so, dass ich euch oft von ihnen gesagt habe, nun aber sage ich's auch unter Tränen: Sie sind die Feinde des Kreuzes Christi. 19 Ihr Ende ist die Verdammnis, ihr Gott ist der Bauch und ihre Ehre ist in ihrer Schande; sie sind irdisch gesinnt. 20 Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel; woher wir auch erwarten den Heiland, den Herrn Jesus Christus, 21 der unsern nichtigen Leib verwandeln wird, dass er gleich werde seinem verherrlichten Leibe nach der Kraft, mit der er sich alle Dinge untertan machen kann.

Schluss: 
4,8 Weiter, liebe Brüder: Was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was einen guten Ruf hat, sei es eine Tugend, sei es ein Lob – darauf seid bedacht! 9 Was ihr gelernt und empfangen und gehört und gesehen habt an mir, das tut; so wird der Gott des Friedens mit euch sein.

 

Liebe Gemeinde,

vier Anmerkungen habe ich zu diesem Text:

1. Die Polemik des Paulus
Ich weiß nicht und konnte auch nicht heraus finden, woran es liegt, dass Paulus dermaßen scharf gegen die Judenchristen polemisiert. „Hunde“, „böswillige Arbeiter“ nennt er sie. Sicher, Philippi war sein erstes heidenchristliches Pflänzchen, das größer geworden war, eine große Stütze auch finanziell für ihn, also die erste wirklich auf damaligem Weltgebiet israel- und judentumsunabhängige Gemeinde, mit der er seit Jahren gute Erfahrungen gemacht hatte, sozusagen der Prototyp einer weltoffenen christlichen Gemeinde.
Und genau da dürfte der psychologische Punkt bei Paulus liegen:
Was er bei sich selbst für überwunden hält, sein eigenes ehemaliges eiferndes Judentum bis hin zur Christenverfolgung, das kommt ihm da auf einmal, wenn auch in abgeschwächter Form im Rahmen der dort agierenden Judenchristen wieder entgegen. Und das will er nicht mehr haben, in seiner weltoffenen Paradegemeinde schon gleich gar nicht, und für sich auch nicht.
Entsprechend scharf ist seine Wortwahl auch gegenüber seiner eigenen Vergangenheit, wenn er seine frühere Glaubens- und Lebenseinstellung mehrfach für „Schaden“, ja sogar für „Dreck“ erklärt.
Ist der Apostel der Eiferer geblieben, der er früher war, nur diesmal unter christlichem Glaubensvorzeichen? Sieht so aus - jedenfalls wiederum mit Erfolg! Denn, liebe Gemeinde, soweit wir wissen, hat Paulus durch diese Polemik die Gemeinde in Philippi tatsächlich in seinem Sinne „bei der Stange“ gehalten. Zwei Generationen später jedenfalls ist durch Polykarp, Bischof von Smyrna, dem heutigen Izmir, belegt, dass die Philipper nach wie vor eine von Paulus geprägte Gemeinde waren, und nicht durch die von ihm heftig gescholtenen Judenchristen in andere Fahrwasser geraten sind.
Kein Wunder, wenn der Gemeindegründer und Völkerapostel seine eigene Biographie dermaßen gewichtig in die Waagschale wirft – das macht Eindruck und wirkt nachhaltig!

2. Was können wir mit Paulus´ Bekehrungserlebnis anfangen?
Und damit meine ich nicht sein biographisches Damaskus-Erlebnis als solches, sondern den religiösen Überzeugungs- und Systemwechsel, den er für sich von seinem jüdischen Glauben weg und mit der Abgrenzung vom Judenchristentum für das sich in der Welt ausbreitende Christentum seiner Zeit vorgenommen hat.
Sehr viel können wir Heutige damit immer noch anfangen. Gerade das freiheitliche Christentum lutherischer Prägung lebt elementar von der Einsicht, dass nicht der Mensch selbst es ist, der sich durch irgendeine Einhaltung von religiösen oder ethischen Vorgaben und Vorschriften oder durch die Erfüllung kirchlicher Maßgaben ein gutes Gottesverhältnis verdienen muss. Jeder Einzelne ist frei in seinem individuellen, ganz persönlichen religiösen Verhältnis vor Gott. Es gibt keine Vorbedingungen, die zu erfüllen wären! Du brauchst dich nicht selbst zu rechtfertigen mit dem, was du bist, wie du bist, was du kannst und tust, du brauchst nichts zu deiner Selbstbestätigung zu tun. Du bist gerechtfertigt und du bist bestätigt. – von Gott selbst!
Darauf kommt es an: Du bist so, wie du bist, von Gott angenommen.
Das steht zwar so nirgends wörtlich in der Bibel, kann aber als Quintessenz aus der Botschaft Jesu, aus dem, was er gesagt hat und wie er mit den Menschen umgegangen ist, abgeleitet werden.
Und es ist ja auch ein wesentlicher, unverlierbarer Punkt des Christentums paulinischer und lutherischer Prägung.
Das bedeutet für jeden einzelnen: Deine Daseinsberechtigung, deine persönliche Würde, dein Wert und Selbstwertgefühl liegt in Gottes Wertschätzung deiner Person begründet, „unser Bürgerrecht aber ist im Himmel“, heißt es bei Paulus, und das entspricht dem Evangelium Jesu „vom unendlichen Wert jeder einzelnen Menschenseele“ vor Gott, wie es Adolf von Harnack vor über 100 Jahren herausgestellt hat. Daraus ergibt sich das grundlegende Lebensgefühl, von Gott getragen zu sein, aus dem heraus man relativ gelassen und frei, zwanglos und angstfrei sein Leben führen und ans Werk gehen kann.

3. Wie fest ist dieser Glaube, wie fest muss er sein?
Wenn man auf den Paulus des vorliegenden Briefes Philipper B sieht, dann ist es eine Mischung aus Überzeugtsein und doch auch wieder Zurückhaltung, Selbstbegrenzung. „Ich schätze mich selbst noch nicht so ein, dass ich´s ergriffen habe oder schon vollkommen sei.“
Das macht mir diesen Paulusbrief „Philipper B“ trotz seiner aggressiven Polemik dann doch sympathisch. Damit kann ich mehr und positiv etwas anfangen, weil es realistisch und ehrlich ist: Ja, wir haben es, aber nicht wirklich ganz.
Dieses „Schon ja, - und noch nicht vollkommen“, das entspricht auch recht gut einem weit verbreiteten modernen Lebensgefühl und einer Glaubenseinstellung, die auch religionskritisch und kirchenkritisch, und durchaus auch selbstkritisch ist, weil man - mit Paulus gesagt - weiß:
„Wir haben den Schatz nur in irdenen Gefäßen.“ (2 Kor 4,7)

4. und letztens: Was folgt aus diesem Glauben für die Lebensführung des Christen?
Der Philipper B-Brief, liebe Gemeinde, ist auch hier erstaunlich zurückhaltend: kein hochtrabendes Moral-Lied der Liebe, keine Hochleistungsethik der Nächsten- oder gar Feindesliebe, keine Anweisung zum heiligmäßigen Lebenswandel für die Auserwählten Gottes wie in anderen Briefen.
Paulus sagt hier nur: Was wir schon erreicht haben, darin lasst uns auch leben. Folgt mir als einem Vorbild für euch - kein schwaches Selbstwertgefühl! Und „weiter, liebe Brüder: Was wahrhaftig ist, was ehrbar / anständig, was gerecht, was rein, was liebenswert/beliebt, was einen guten Ruf hat / ansprechend ist – sei es eine Tugend, sei es ein Lob, darauf seid bedacht … Und der Gott des Friedens wird mit euch sein!“, liebe Philipper.

Zum Abschluss also ein kleines Kompendium allgemein mitmenschlicher Anstandsmoral – mit der manch einer ja auch schon überfordert ist, daher sind die Ansprüche hier auch nicht zu hoch geschraubt von Paulus. Diese Anstandsmoral ist auch nichts spezifisch Christliches – und doch aus dem Glauben heraus lebbar – das genügt Paulus an dieser Stelle und soll uns heute auch genügen, liebe Gemeinde.
Amen.

Und der Gott des Friedens sei mit uns allen. Amen.
 

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