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Liebe Gemeinde,
heute ist Reformationsfest. Und zwar ein besonderes, weil dieses Jahr zugleich das 10jährige Jubiläum der Einigung der beiden Großkirchen in Sachen Rechtfertigungslehre begangen wird.
Dazu gibt es im Großen und Ganzen zwei Meinungen:
Die einen sahen und sehen in dieser Einigung in einem wesentlichen, wenn nicht sogar dem entscheidenden Punkt der Auseinandersetzungen zwischen Luther und seiner Kirche einen großen Fortschritt im ökumenischen Prozess. Denn: Beide Seiten stellen die seinerzeitigen und seitherigen gegenseitigen Lehrverurteilungen in den Hintergrund: Man fand sich nach 40jährigen ökumenischen Gesprächsbemühungen dahingehend zusammen, dass der Christenmensch nicht durch seine Werke und alles, was er leistet und von sich aus darstellt, vor Gott gerecht wird und von ihm angenommen wird, sondern allein durch den Glauben. Und das klingt doch sehr einvernehmlich und gut.
Nicht so ist es für viele Protestanten und auch einige widerspenstige Katholiken unter den Theologieprofessoren, also für die, die jenseits jeder Konsensökumene und Kirchenpolitik die Frage nach der Wahrheit und Wahrhaftigkeit des Glaubens in den Mittelpunkt stellen, und die es besser zu wissen meinen: sie warnten schon damals, vor über 10 Jahren in einer ausführlichen Stellungnahme davor, dass der gefundene Konsens eine kirchenpolitisch opportune Scheinveranstaltung sei, wonach zwar beide Seiten das selbe sagen würden, aber nach wie vor Unterschiedliches damit meinen. Verkürzt gesagt: dass die katholische Kirche gleichwohl daran festhalte, dass der Mensch bestimmte fromme Werke erbringen müsse, um zum Heil zu gelangen.
Und Tatsache: Sowohl das vom Vatikan angesetzte unmittelbar folgende Heilige Jahr 2000 – gut, das konnte man 1999 vielleicht nicht mehr absagen – als auch das vor ein paar Monaten zu Ende gegangene Paulus Jahr – war verbunden weltweit mit Ablasswesen und der Möglichkeit zum Generalablass. Rechtfertigung allein aus dem Glauben und Ablasswesen passen aber auch heute nicht zusammen. Außer man hat eben doch ein anderes Rechtfertigungsverständnis. Da stimmt was nach wie vor nicht zusammen. Ist der Ablass bei unseren katholischen Schwestern und Brüdern immer noch systemrelevant? Lassen wir das auf sich beruhen.
Liebe Gemeinde!
Ich will Ihnen heute an einem einzigen Beispiel nahe legen, was uns die Reformation im Prinzip gebracht hat. Das Beispiel ist eine Bibelstelle, die gerne auch als Taufspruch verwendet wird. Mein eigener ist es auch. Er steht im NT, 1. Johannesbrief Kapitel 4, Vers 16 b und lautet:
Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.
Das klingt auf Anhieb wunderschön, weil darin die Liebe Gottes als sein wahres Wesen beschrieben wird, sogar so, dass man sagen kann: Gott ist die Liebe. Eine Liebe, die allumfassend ist für den Menschen, denn: wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm. Ja, so ist es nicht nur ein Umfangensein in der Liebe, die Gott ist, sondern auch ein wechselseitiges Ineinander von Gott und Mensch in der Liebe.
Gott ist die Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.
Das hört sich an wie eine allgemeingültige, überzeitliche und ewige Wahrheit und Feststellung. Und als solche kann dieser Spruch auch etwas abstrakt anmuten. Das mag man glauben. Das mag die Kirche glauben. Aber – und jetzt kommt das Entscheidende, worum es in der Reformation ging – Was nützt es mir, dem Einzelnen, wenn Gott die Liebe ist, und er ist sie mir nicht? So hat Luther gefragt. Was nützt es mir, wenn der Papst das sagt oder ein anderer Bischof, wenn die Kirche sagt: das ist wahr, das musst du glauben. Allein es fehlt mir an diesem Glauben, weil ich es in meiner Wirklichkeit, in meinem Leben nicht spüre, nicht erfahre?
Dieser persönliche Glaubensbezug zu Gott war Luther wichtiger als der Glaube der Kirche. Das war das Neue, und das kratzt natürlich an der Autorität einer Kirche, die sich als allein selig machende Heilsvermitt-lungsanstalt versteht. Kein Heil außerhalb der Kirche? Wem ihr dogmatischer Glaube nicht gegeben ist, wer es einfach nicht glauben kann, weil er es nicht selbst persönlich verspürt oder wenigstens erahnt, wer sich schwer damit tut, soll man dem etwa sagen: Bitte, das ist dein Pech! Nach dem Motto: wenn die Wirklichkeit nicht unseren kirchlichen Vorgaben entspricht, dann umso schlimmer für die Wirklichkeit?
Was nützt es mir, wenn Gott die Liebe ist, und er ist sie mir nicht?
Genau darauf kommt es an, dass wir diese Liebe Gottes in unserem Leben verspüren. Von Klein auf können wir diese Liebe Gottes erfahren, gleichnishaft durch die Liebe unserer Eltern und Familie, unseres ganzen Umfelds, wenn es uns zugetan ist, und können so zu spüren bekommen und selbst lernen, was Liebe ist. Aufmerksamkeit, sensible Wahrnehmung, Mitgefühl, wertschätzendes Verhalten, Fürsorglichkeit, Zuwendung zum anderen um seiner selbst willen, freies Geben und Empfangen. So lernen wir sie auch weiterzugeben. Und lernen dabei hoffentlich auch hinter allem die eigentlich nicht recht begreifbare und ja auch nicht immer erfahrbare Liebe Gottes wenigstens zu erahnen. Dass hinter aller menschlichen Liebe die Gottesliebe steckt, die uns fürs Leben stabilisiert und trägt, darauf kommt es an im Leben.
Und zwar nicht nur, wenn es einem gut geht, was wir uns ja alle immer wünschen, nein: nicht nur in guten, sondern auch in bösen Tagen, wie es traditionell heißt. Gerade dann, wenn wir Schwieriges vor uns haben, dann brauchen wir das Vertrauen auf die Liebe Gottes, so wie es Jesus zu seinem Vater im Himmel hatte, dieses unsägliche Gottvertrauen, als er etwa im Garten Gethsemane betete: Vater, ist´s möglich, so lass diesen Kelch an mir vorübergehen, aber nicht was ich will, sondern was du willst geschehe, dein Wille geschehe, wie wir mit Jesus im Vaterunser beten; das ist das Grundvertrauen zu Gott, gerade auch wenn es dunklere Zeiten und Erfahrungen in unserem Leben und um uns herum gibt. Dass wir dann – und das gilt für uns alle hier – dass wir dann, wenn´s einmal ernst und eng werden sollte, ja, gerade dann spüren, dass da doch immer noch jemand Höherer ist, als wir es sind oder alle, die uns helfen können und uns menschlich etwas bedeuten – dass es darüber hinaus, so wertvoll und extrem wichtig jeder menschliche Rückhalt ist, einen Höheren gibt, der es gleichwohl gut mit uns , mit mir meint: Gott mit seiner Güte, mit seiner uns oft so verborgenen Liebe.
Ja, das war auch eine wesentliche Entdeckung Luthers, dass Gott oft nur im Verborgenen handelt, und dass Glaube an ihn wahrhaft heißt: Vertrauen in das uns Ungewisse hinein. Wir wissen nicht, wie und wie lange es weiter geht mit uns, keiner von uns, und sollen doch Vertrauen in Gottes Liebe setzen, der uns nicht vergisst und uns nahe ist, wenn auch nur sehr verdeckt spürbar bisweilen oder für eine längere Zeit.
Wir können dieses Vertrauen oft nur unzureichend oder gar nicht selbst aufbringen, es muss uns zuteil werden. Das ist das, was das alte Wort Gnade meint. Gottes Nähe und Vertrauensgabe. Im Grunde können wir nur darum bitten und diese Vertrauensgabe dankbar empfangen.
Und zwar von klein auf. Und damit es die Menschen von klein auf mitbekommen, beten wir zum Beispiel in der Grundschule in Aufkirchen zu jedem Stundenbeginn im Religionsunterricht ein altes Kindergebet, das unsere Gotteskindschaft sehr schön in Worte fasst, nicht nur für die biographische Kindheit, es lautet:
Wo ich gehe, wo ich stehe, ist der liebe Gott bei mir. Wenn ich ihn auch niemals sehe, weiß ich sicher Gott ist hier.
Zurück zum heutigen Reformationstag, liebe Gemeinde!
Wie Sie wissen, hat am 31. Oktober 1517 Luther seine 95 Thesen gegen die herrschende Buß- und Ablassfrömmigkeit seiner Zeit in Wittenberg an die Kirchentür geschlagen. Dass das so gewesen sein soll, ist allerdings erstmalig von Melanchton nach Luthers Tod überliefert. Historisch ist das nicht belegt. Aber die Verbreitung der 95 Thesen gegen das beherrschende Ablasswesen und –denken auf anderen üblichen Wegen, ein wahrer Anschlag auf die Glaubensstruktur der Kirche seiner Zeit und ein Generalangriff, fand in diesen Tagen tatsächlich statt, das ist sicher. Und das reicht so auch – bis heute nicht ganz überholt und unberechtigt. Wäre eine Neuauflage vielleicht fällig?
Vor ein paar Tagen wurde ich vormittags von einer Journalistin des Starnberger Merkur angerufen und gefragt:
Hallo, Herr Pfarrer Habdank, der Reformationstag steht bevor. Welchen Thesenanschlag würden Sie heute machen? – Angesichts dieses telefonischen Interviewanschlags auf mich habe ich erst einmal um Bedenkzeit gebeten, bis zum Nachmittag. (Denn in solchen Situationen hilft am ehesten die Strategie der Verzeitlichung von Problemen.) Und dann habe ich ihr – sinngemäß gesagt: Sich öffentlich kritisch über die katholische Kirche zu ergehen, hat für einen evangelischen Pfarrer eigentlich keinen großen Sinn, bringt auch nichts. Kehren wir lieber vor unserer eigenen Tür. Seien wir selbstkritisch. Die Kirche muss noch näher an ihren Menschen dran sein. An ihren Bedürfnissen und Anliegen. Die Menschen sollten sich aber auch selber mehr in der Kirche engagieren, weil: nicht der Pfarrer ist die Kirche, sondern die Menschen selber - also Sie und Ihr und wir alle zusammen mit mir. Und vor allem auch die, die sich nur ganz selten blicken lassen. Sie sind auch unsere Kirche.
Nun, die Idee dessen, was ich da gesagt habe, ist reformatorisches Erbe. Denn:
Was nützt es mir, wenn Gott die Liebe ist, und er ist es mir nicht – das heißt ja auch: Es geht um Sie, um Euch, nicht um irgendeine abstrakte Kirche oder mich als Pfarrer, es geht um alle, die Gemeinde sind. Was wir alle von dieser Kirche konkret vorort wollen und für sie wollen und auch tun können, darum geht es. Nach dem Motto: Fragt nicht, was die Kirche für euch tut, sondern was ihr für sie tun könnt. Ihr seid es nämlich selber. Und meine Unterstützung hat sicher jeder und jede, die mitmachen. Wir sind keine geschlossene Betreuungsanstalt, sondern offene Beteiligungskirche in dieser Gemeinde. Das ist schon vielfältig so, könnte aber auch noch mehr sein.
Dekan Piper hat vor ein paar Wochen beim 40jährigen Jubiläum der Kirche in Feldafing etwas gesagt, was sich auf uns in Berg ziemlich gut übertragen lässt:
„Ich denke, wir dürfen nicht aufhören, Kirche und Gemeinde immer neu zu bauen. Inhaltlich neu zu bauen. Wir müssen nicht nur deutlich machen, dass es das Evangelium gibt, sondern wie die frohe Botschaft auch zu einem frohen Leben hilft. Konkret. Vielleicht muss unsere Kirche noch diakonischer werden. Es gibt ja schon in vielen Gemeinden die Tafel. Es gibt runde Tische, die die Not armer Menschen lindern kann, es gibt kirchliche Sozialfonds, Besuchsdienste, Beratungen. Vielleicht müssen wir noch betonter Kirche für Kinder und Jugendliche sein.
(Und ich ergänze: für die Familien insgesamt, für das sog. Mittelalter!)
Vielleicht müssen wir noch mehr zur Kirche werden, die auch die Lebenslust und Lebensleistung älterer Menschen noch genauer wahrnimmt und die Energie dieser Menschen einbindet. Kein Arbeitsfeld befindet sich derzeit mehr im Wandel als die, die früher Seniorenarbeit hieß.
(Und ich ergänze: das gilt auch für alle Lebensalter: Lebenslust und -leistung einzubinden, für uns zu gewinnen!)
Vielleicht muss unsere Kirche noch entschiedener eine musikalische Kirche bleiben, die die verschiedenen Musikstile von Bach bis Gospel und moderner Musik zur Verkündigung nutzt.
(Da liegen wir hier mit den Berger Blechbläsern und unserem Projektchor schon sehr gut!)
Vielleicht muss unsere Kirche noch vernehmlicher eine ethische Kirche sein, die dezidiert Stellung nimmt zu Fragen von Leben und Tod, von sozialer Gerechtigkeit und Menschenwürde. Wahrscheinlich sollte sie das alles.
Und dazu brauchen wir Sie alle, mit ihrer Phantasie, Hartnäckigkeit, ihren Ideen, ihrer Überzeugungskraft und ihrem Glauben. Und Gott gebe seinen Segen dazu!“
Ich denke, dass an dieser Stelle dem, was unser Dekan gesagt hat, nichts hinzuzufügen ist – außer einem bestätigendes Wort:
So soll es sein: Amen.
Und der Herr sei mit eurem Geiste. Amen.
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